Tennis

Neue Siege sind wie ein neues Leben

Boris Becker hofft, dass Novak Djokovic bei den French Open ihm den ersten Grand-Slam-Sieg als Trainer beschert

Einen Grand Slam hat der Cheftrainer Boris Becker in Australien schon hinter sich gebracht, ein zweiter neigt sich in Paris dem Ende entgegen. Und was ihn, den alten Meister, bei seinen neuen Expeditionen im Tennis-Wanderzirkus „eigentlich am meisten überrascht“ hat, ist dies: „Es gibt nicht diese großen, weltbewegenden Überraschungen. Es hat sich nicht so viel verändert. Selbst die Warte- und Regenzeiten sind noch so schlimm wie damals.“ Becker, Trainer des Weltranglisten-Zweiten Novak Djokovic seit Dezember, setzt diese Normalität natürlich auch noch in einen anderen Kontext: Lachen müsse er „ein bisschen, weil es ja Leute gab, die gedacht haben, dass ich irgendwie noch mal ganz von vorne anfangen müsste“.

Später Nachmittag ist es, als Becker im kleinen Kreis deutscher Journalisten sitzt, draußen regnet es noch, der Champion von früher hat ein wenig Zeit – und nimmt sich Zeit. Becker ist wieder ein gefragter Mann, gleich geht es noch kurz weiter im Gespräch mit internationalen Reportern. Der 46-Jährige beherrscht das Geschäft, Meinungen und Ansichten mit dem richtigen Timing zu platzieren, noch so ausgeschlafen wie früher. „Ich fühle mich wohl in meinem alten Revier“, sagt er später noch.

Es sind halt nur die Perspektive und Rolle, die neu und anders sind für ihn. Becker etwa war früher bekannt dafür, seine vielköpfige Betreuerschar pausenlos herumzuscheuchen und ständig mit Anrufen zu malträtieren. „Ich war ein schwieriger Chef“, sagt Becker. Und Djokovic? Keine Details hat der Übungsleiter Becker da parat – Diskretion ist Ehrensache –, aber er sagt: „Das Handy ist rund um die Uhr eingeschaltet. Hat der Spieler um zwei Uhr morgens eine Frage, bin ich bereit.“

Grand-Slam-Tennis war ein Lebenselixier für den jungen Becker, das Spiel auf den großen Bühnen. Und dieser Genuss ist ihm auch jetzt geblieben, trotz dieser „verrückten Intensität, mit der alles in diesen Wochen abläuft: „Du denkst nur an Tennis, Tag und Nacht. Genau so wie der Spieler“, sagt er, „du lebst auf einem eigenen Planeten. Das Außenleben ist uninteressant.“ Um es „mal so auszudrücken“, schickt Becker hinterher, „es gibt keine geregelten Arbeitszeiten.“

Und wo stehen er und sein Mann nun, nach einem knappen halben Jahr? „Wir sind auf dem richtigen Weg zurück zu Platz eins und Grand-Slam-Titeln“, sagt Becker, „die Arbeit mit Novak ist eine Freude, er schätzt das, was ich tue.“ Becker ist fasziniert vom Potenzial Djokovics, des Mannes, den er für eines „dieser Jahrhunderttalente“ hält: „Sagst du ihm was im Training, hat er das nach einer Stunde drauf. Andere brauchen dafür Wochen.“ Als Becker gefragt wird, was er verändert habe im Spiel des Serben, der beim Turniersieg wieder Nummer eins der Welt werden würde, kokettiert er erst mit der Geheimnispflicht: „Die Gegner hören immer mit.“ Doch dann kann er die Zurückhaltung doch nicht einhalten: „Leute, die was wissen vom Tennis, sehen die Veränderungen. Dass er anders steht bei vielen Punkten. Und wie er sich verhält in bestimmten Situationen.“ Djokovic zeichne aus, dass er das Neue echt wolle, so Becker: „Er ist keiner, der sich mit 27 zurücklehnt und sagt: Ich bin satt. Nein, er ist immer noch hungrig und superehrgeizig.“

Glanz oder Elend einer Saison entscheiden sich für Becker wie für Djokovic in wenigen Spielen bei den wichtigsten Turnieren – sechs Grand Slams haben sie beide in ihren Karrieren geholt, Djokovic will noch mehr Titel als Spieler, Becker erste Major-Titel als Trainer. Auch bei den French Open, die Becker selbst nie gewann. „Lange her“, sagt er dazu, „das tut hier nichts mehr zur Sache. Es geht nicht mehr um den Spieler Becker, sondern um den Spieler Djokovic.“ Jener Djokovic wollte im letzten Jahr so sehr diesen letzten noch fehlenden Titel in seiner Sammlung, dass er schließlich scheiterte in einem dramatischen Halbfinale gegen Sandplatzkönig Nadal. 2014 erscheint der 27-jährige Becker-Schützling deutlich entspannter bei seiner Pariser Mission, jedenfalls konnte ihm bisher kein Konkurrent auch nur die geringste Angst einjagen. „Ich sehe einen souveränen Novak“, sagt Becker, „aber das ist auch eine Aufgabe des Trainers: Druck vom Spieler nehmen, ihn für seine Aufgaben zu fokussieren.“

Nun kommt die entscheidende Phase, heute mit dem Halbfinale gegen den Letten Gulbis und dann bestenfalls noch einer Partie mehr. „Ich spüre generell eine positive Anspannung in diesem Trainerjob“, sagt Becker, „ich habe auch Glücksgefühle nach einem tollen Sieg. Aber das hält leider nur eine Nacht, dann denke ich schon wieder ans nächste Spiel und ans nächste Turnier.“ Alles wie früher. Als der Trainer Becker noch der Spieler Becker war.