Leistungstief

Ein Rätsel mit Ö

Mesut Özil steckt in einer Schaffenskrise. Das vergrößert die deutschen Sorgen vor der WM

Es wäre die Gelegenheit gewesen, sich zu erklären. Stellung zu beziehen und auf kritische Fragen Antworten zu geben. Doch er wollte nicht. Mesut Özil tauchte am Sonntagabend im Anschluss an das 2:2 (0:0) gegen Kamerun ab, so wie er das zuvor schon auf dem Platz getan hatte. Der 25-Jährige verschwand nach einer enttäuschenden Leistung im Testspiel gegen die Afrikaner direkt in den Bus der deutschen Nationalmannschaft. Zuvor war er wieder einmal den Beweis schuldig geblieben, ein verlässlicher Spielgestalter zu sein.

Während es Özil also vorzog, seine Darbietung nicht zu kommentieren, tat dies für ihn der Bundestrainer. „Er hatte nicht seinen besten Tag. Ihm sind Fehler unterlaufen, die er normalerweise nicht macht“, sagte Joachim Löw – und fand damit für seine Verhältnisse sehr deutliche Worte. Sonst zieht er es vor, eher die schützende Hand über seine Spieler zu legen. Löw sagte dann zwar auch, dass er sich sicher sei, dass man das mit Özil hinbekommen werde, „weil Mesut ein Spieler ist, der auf technischem Niveau gute Lösungen hat. Er wird sich steigern bis zum WM-Beginn“. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass Löw so langsam die Geduld mit Özil verliert.

Bereits vor wenigen Wochen hat er sich Özil vorgeknöpft und öffentlich dazu aufgefordert, an seiner Körpersprache zu arbeiten. „Aber er muss auch dann, wenn ihm mal etwas misslingt, oder er eine entscheidende Situation nicht glücklich löst, zeigen, dass er dies wegsteckt und signalisieren: Ich bin trotzdem weiter da und kann das Spiel prägen.“ Diese Fähigkeit ließ Özil, der zweifelsohne ein begnadeter Fußballer ist, am Sonntag vermissen.

Schwache Saison in England

Viel mehr erlebte er ein Déjà-vu. Auch im März, beim Test in Stuttgart gegen Chile, war er ausgewechselt und mit Pfiffen in die Kabine verabschiedet worden. In Gladbach musste er sich nach einigen misslungenen Aktionen erst ein paar Pfiffe gefallen lassen, ehe es, als er in der 64. Minute vom Platz ging, ein ganzes Pfeifkonzert wurde.

Was die zahlenden Zuschauer am Sonntag vor allem erzürnt haben dürfte, waren weniger die unglücklichen Aktionen, die Özil hatte, nachdem er stark begonnen und nur 43 Sekunden nach dem Anpfiff die Führung für Deutschland vergeben hatte. Ihnen missfiel offenbar die Art und Weise, wie sich Özil mit zunehmendem Spielverlauf auf dem Platz verhielt. Denn je länger das Spiel dauerte, umso mehr fiel Özil durch eine schlechte Körpersprache auf. Meist trabte er nur über den Rasen. Er lamentierte und haderte. Nun ist Özil zwar von Natur aus kein extrovertierter Typ. Aber von einem Spieler auf einer derart wichtigen Positionen muss man erwarten können, dass er das große Ganze auf dem Feld im Blick hat. Dass er den Ball fordert, sich anbietet, handlungsschnell ist. Özil zeigte das Gegenteil.

Was Özil derzeit abliefert, ist aber nur das Spiegelbild einer Saison, die ohnehin unter keinem guten Stern für ihn gestanden hat. Quasi über Nacht war er im vergangenen Sommer von Real Madrid zum FC Arsenal gewechselt – für angeblich rund 45 Millionen Euro. Sein Trikot wurde in London schon zum Verkaufsschlager, da hatte er noch nicht einmal für die „Gunners“ gespielt. Den Unterschied sollte er ausmachen auf dem Feld. Derjenige sein, der Arsenal hilft, wenn es in Begegnungen mit Top-Konkurrenten um spielentscheidende Dinge geht.

Özil fügte sich gut ein in England. Er schoss Tore, bereitete einige vor und zeigte mit dem Ball Dinge, die man lange so im Stadion von Arsenal nicht mehr gesehen hatte. Während sie Özil bei Arsenal zu Füßen lagen, warfen sie ihm aus Madrid verbalen Dreck hinterher. So sagte Real-Trainer Carlo Ancelotti, dass Özil Real verlassen habe, um der Konkurrenz auszuweichen. Nach ein paar Monaten erlebte Özil auch in England die Kehrseite des Geschäfts. Nach dem Champions-League-Aus von Arsenal im März gegen den FC Bayern im Achtelfinale wurde er zum Sündenbock. „Özil sah verloren, faul und desinteressiert aus. Er mag 42,5 Millionen Pfund gekostet haben – aber er ist einen Scheißdreck wert“, schrieb die „Daily Mail“. Er habe gezeigt, „dass er keiner für die großen Momente ist. Mann, war der schlecht“, kritisierte „The Telegraph“ und nannte Özil „die personifizierte Gleichgültigkeit“.

Ausgerechnet er, dessen Stern beim Turnier vor vier Jahren so richtig aufgegangen war. Auf einen wie ihn, der mit dem Ball so galant umgehen kann wie kaum ein anderer in Deutschland, hatten die Fußball-Fans hierzulande lange gewartet. 2010, bei der WM in Südafrika, brillierte Özil im deutschen Trikot und wechselte im Anschluss nach Madrid. Deutschland hatte wieder einen Spielmacher. Einen Künstler am Ball. Und das nach Jahren, in denen von „Rumpel-Fußball“ die Rede war. Auf einen wie Özil, sagte Thomas Häßler damals, ein früherer Spielmacher, habe man in Deutschland lange gewartet.

Doch nun warten viele darauf, dass Mesut Özil mal wieder unter Beweis stellt, welch’ große Gabe er hat. Die WM-Endrunde in Brasilien bietet dafür die beste Gelegenheit. Solange Löw ihn noch spielen lässt.