Tennis

Triumph der Leidenschaft

Andrea Petkovic erreicht nach schweren Zeiten das Viertelfinale der French Open in Paris

Es war noch einmal eine abenteuerliche Reise durch alle möglichen Gefühlswelten, dieses Achtelfinalspiel auf dem Center-Court von Paris. Ein Spiel, das für die emotionalen Berg- und Talfahrten stand, die Andrea Petkovic, 26, in den vergangenen drei Jahren erlebt hat. Ein Spiel, das aber in seinem schönen Schlussbild auch die Zähigkeit und Unverdrossenheit einer Athletin illustrierte, die niemals und unter keinen Umständen aufgibt.

1:6 lag Petkovic nach einem Katastrophensatz hinten gegen die holländische Qualifikantin Kiki Bertens, die Nummer 148 der Welt. Doch dann nahm sie noch einmal alle Kraft und Energie zusammen, kämpfte sich zurück in diese Partie, steckte sogar einen verspielten Vorsprung im dritten Satz von 4:2 auf 4:5 weg – und rückte schließlich mit dem 1:6, 6:2, 7:5 zum ersten Mal seit ihrem Glanzjahr 2011 wieder in die Runde der besten Acht bei einem Grand-Slam-Turnier.

„Ich habe mir gesagt: Weitermachen, immer weitermachen“, erklärte die erschöpfte Darmstädterin hinterher, „dieser Erfolg hier, das ist auch eine Bestätigung für mich, dass ich nie aufgesteckt habe. Auch wenn’s nicht immer leicht war, den Kopf oben zu halten.“ Am Mittwoch trifft die einstige Top-Ten-Spielerin im Viertelfinale auf die 2012er-Finalistin Sara Errani (Italien), die Jelena Jankovic (Serbien) mit 7:6 (7:5), 6:2 bezwang.

Nach den schwer erfochtenen Erfolgserlebnissen gegen die Außenseiterinnen Kristina Mladenovic (Frankreich) und Bertens hat Petkovic mehr als die Pflicht bei einem Turnier erfüllt, in dem die großen Namen schon reihenweise im roten Sand gestürzt sind – die drei Führenden der Weltrangliste allesamt, Serena Williams, Lia Na und Agnieszka Radwanska. Aber auch Australian-Open-Finalistin Dominika Cibulkowa, die mitfavorisierte Tschechin Petra Kvitova oder Deutschlands Topspielerin Angelique Kerber. So beginnt für Petkovic ausgerechnet jetzt, wo die French Open wirklich auf die spannungsgeladene Zielgerade einbiegen, die Grand-Slam-Kür – das Plansoll ist längst übererfüllt, kein Erwartungsdruck lähmt mehr Kopf und Körper.

„Ich bin irgendwo auf der sicheren Seite, bin superglücklich über das, was ich erreicht habe“, sagte Petkovic, „aber ich lasse jetzt nicht einen Millimeter nach. Ich muss weiter hellwach und hochkonzentriert sein.“ Genau so, wie es auch Trainer Eric van Harpen fordert: „Es gibt keine Spielerin, die nicht gegen Andrea gewinnen könnte. Aber auch keine, gegen die Andrea selbst keine Chance hätte. Da ist noch was drin.“

Comeback trotz Viruserkrankung

Der Coach, der seit einem guten Vierteljahr an Petkovics Seite arbeitet, starb nach der Nervenschlacht seiner Schülerin gegen Mladenovic am Montagmittag „noch einmal tausend Tode“: „Wie soll ich das auf die Dauer überleben“, fragte sich der 70 Jahre alte Haudegen, der im ersten Satz immer wieder entgeistert auf der Ehrentribüne den Kopf schüttelte. Van Harpen konnte nicht fassen, was er da mitansehen musste, eine Petkovic, die völlig blockiert und mutlos ans Handwerk und regelrecht überrollt wurde von der weizenblonden Holländerin. Es wirkte fast wie eine Kopie des Desasters, das Petkovic-Freundin Kerber tags zuvor an gleicher Stelle und früher Stunde gegen die Kanadierin Eugenie Bouchard (1:6, 2:6) erlebt hatte. Aber Petkovic fand einen Weg aus dem Schlamassel, vor allem, weil sie ihr Herz in die Hand nahm, ab dem zweiten Satz endlich aggressiver und mutiger spielte, selbst die Entscheidung suchte.

Ungefähr 100 Meter Luftlinie von Platz 6 entfernt, wo sie vor einem Jahr nach einer Niederlage in der zweiten Qualifikationsrunde Tennis aufgeben wollte („Ich konnte nicht mehr ertragen, eine so schlechte Spielerin zu sein“), schaffte Petkovic doch das kleinere Match-Comeback im letzten größeren Comeback ihres Berufslebens. Und das, obwohl sie noch immer nicht „ganz auf dem Damm“ war nach ihrer akuten Magen-Darm-Viruserkrankung, schwer pumpte nach jedem langen Ballwechsel und die Intensität ihres Spiels nur schwer hochhalten konnte: „Ich habe mich total verausgabt, wollte diesen Sieg so sehr“, sagte sie später, „aber mein Puls, der ist teilweise hochgejagt, dass ich selbst ein bisschen Angst bekam.“

Am besten spielte sie dann, als sie fast zu scheitern schien. Direkt nach dem vergebenen 4:2-Vorsprung, als sie bei 4:5-Rückstand gegen die Niederlage aufschlug. Drei Spiele gewann sie da in Serie, kühl, konzentriert und leidenschaftlich. Eine, die unbedingt, wirklich unbedingt siegen und ihre große Chance nutzen wollte auf großer Bühne. „Das war die Petko, die ich am meisten mag“, sagte Petkovic hinterher.

Erinnerungen an die US Open 2011

Für Petkovic schließt sich in jedem Fall der Kreis mit diesem Sieg in der zweiten Turnierwoche, in jene zugespitzte Phase, in der ein Grand Slam gefühlt noch einmal zwei, drei Gänge höher gespielt wird. Bei den US Open 2011 hatte die angeschlagene Petkovic in heftigem Überehrgeiz zwar noch humpelnd das Viertelfinale erreicht, doch danach begann die fatale Verletzungsmisere mit zwei Seuchenjahren im Tourbetrieb. „Ich hatte mich als Mensch total verloren. Es ging damals nicht mehr um Andrea Petkovic, sondern nur noch um den Tennisprofi mit diesem Namen“, hat Petkovic unlängst dazu gesagt, „ich war auf einem Irrweg. Aber ich habe mich gerade noch rechtzeitig gefangen.“ So wie am Montag gegen die Niederländerin Bertens.