Ausschreitungen

Protest mit Pfeil und Bogen

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Brasilianer greifen bei Ausstellung des WM-Pokals die Polizei an. Stadion in Natal nicht fertig

Tränengas, Rauchbomben und indigene Einwohner, die mit Pfeil und Bogen angegriffen haben – in Brasilien ist es rund zwei Wochen vor dem Beginn der Fußball-WM wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den Sicherheitskräften und Demonstranten gekommen. Eine Anti-WM-Kundgebung in der Hauptstadt Brasilia endete in Tumulten, die sogar zum Abbruch der Ausstellung der WM-Trophäe führten. Zusätzliche Aufregung gibt es im Spielort Natal, wo das Stadion noch immer nicht fertig ist.

Demonstrationen und Bauverzögerungen scheinen die brasilianische Regierung aber nicht zu beunruhigen. „Wir sind überzeugt, in zwei Wochen eine fantastische WM abzuliefern. Den Vorurteilen können wir nur unsere Erfolge entgegnen“, sagte Sportminister Luis Fernandes. Die Demonstrationen bezeichnete er als natürliches Zeichen der Demokratie. Die WM gebe den jeweiligen Gruppen die Chance, sich weltweit Gehör zu verschaffen: „Was wir aber nicht tolerieren, ist Gewalt.“

Mit Tränengas und Rauchbomben

Fernandes sieht auch möglichen Streiks im öffentlichen Nahverkehr während der WM gelassen entgegen: Man habe Notfallpläne in der Schublade. Gleichzeitig betonte er die langfristigen Vorteile der WM für Brasilien. Der Nutzen sei ökonomisch und gesellschaftlich immens. So habe Brasilien etwa allein beim Confed Cup 2013 durch Einnahmen der angereisten Touristen 3,31 Milliarden Euro generiert.

Für Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke ist dagegen die unmittelbare Zukunft wichtiger als langfristige Entwicklungen: Rund zwei Wochen vor dem Beginn der WM (12. Juni bis 13. Juli) zeigte er sich besorgt über den Zustand des Stadions in Natal. „Es ist ein Rennen gegen die Zeit“, schrieb Valcke bei Twitter und postete dazu ein Foto aus dem Stadion, auf dem eine Tribüne mit fehlenden Sitzen zu sehen ist. Am 13. Juni findet in Natal das erste Spiel zwischen Mexiko und Kamerun statt.

Unterdessen gehen die Proteste gegen die WM weiter, Mitte der Woche war Brasilia Schauplatz von Ausschreitungen. Ein berittener Polizist wurde dabei durch einen Indianerpfeil am Bein verletzt und musste operiert werden. Der Schütze, obwohl von der Polizei erkannt, wurde nicht festgenommen. Polizeieinheiten stoppten den Protestzug schließlich kurz vor dem Erreichen des WM-Stadions mit Tränengas und Rauchbomben. Gruppen der Obdachlosen-Bewegung (MSTS) sowie mit Pfeil und Bogen ausgestattete Ureinwohner hatten sich dem Kundgebungs-Marsch angeschlossen.

Die 500 Protestler trugen ihre traditionelle Kleidung mit Kriegsbemalung und Federschmuck. An den Protesten beteiligten sich Vertreter von rund hundert indigenen Volksgruppen aus ganz Brasilien.

Unter den Demonstranten war auch der 84 Jahre alte Amazonas-Häuptling Raoni Metuktire vom Volk der Kayapó, der durch seinen Einsatz für den Regenwald an der Seite des Musikers Sting bekannt wurde. Von den 200 Millionen Brasilianern sind nur 0,3 Prozent Ureinwohner. Diese sind in den vergangenen Monaten mehrfach gegen eine Verkleinerung ihrer angestammten Gebiete und großflächige Landwirtschaft auf die Straße gegangen.

In einem Bereich vor dem Stadion Mané Garrincha war tagsüber der WM-Pokal auf seiner Tour durch brasilianische Städte ausgestellt worden. Die eigentlich bis 21 Uhr (Ortszeit) angesetzte Veranstaltung, bei der WM-Botschafter Bebeto als Weltmeister von 1994 der Star war, wurde sofort nach Ausbruch der Unruhen abgebrochen.

Auch die deutschen Nationalspieler registrieren aufmerksam die Proteste und Ausschreitungen im WM-Land Brasilien. „Wir kriegen das schon alle mit. Das sind Sachen, die nicht so schön sind, gerade wenn man von Schießereien und Protesten hört“, sagte Abwehrspieler Jérome Boateng vom Deutschen Meister FC Bayern München im Trainingslager in Südtirol. Er habe Verständnis für die Proteste der Menschen, denn in dem großen Land Brasilien gebe es natürlich einiges zu verbessern. „Aber wir konzentrieren uns auf die WM“, erklärte Boateng: „Ich hoffe, dass solche Vorfälle nicht mehr vorkommen, wenn die WM beginnt.“

( BM )