Interview

„Früher fuhr ich für einen Schlafplatz“

Motorrad-Legende Rossi startet auf seiner Heimstrecke in Mugello zum 300. Grand Prix

Valentino Rossi ist der bekannteste Motorrad-Rennfahrer aller Zeiten. Am Sonntag bestreitet der 35 Jahre alte Italiener beim Heimspiel in Mugello seinen 300. Grand Prix. 106 hat er gewonnen, 186 Mal insgesamt stand er bisher auf dem Siegerpodium, neun Weltmeistertitel stehen in seiner einmaligen Statistik. 350 Große Preise sind sein Ziel, denn Rossi will weitere zwei Jahre in der Motorrad-Königsklasse aktiv sein. Trotz des derzeit dominierenden Spaniers Marc Marquez, der als Neuling vergangene Saison sofort den Titel gewann.

Berliner Morgenpost:

Herr Rossi, Sie freuen sich momentan über zweite Plätze wie über einen Sieg. Marc Marquez stellt als 21-Jähriger die Motorrad-Welt auf den Kopf. Weder Sie noch Ihre Kollegen haben eine Siegchance gegen den kleinen Spanier. Sind Sie ein begnadeter Schauspieler oder ist die Freude echt?

Valentino Rossi:

Ich wäre nicht mehr dabei, wenn ich das Gefühl, einen Grand Prix zu fahren, die unvergleichliche Atmosphäre im Fahrerlager und in der Box zu spüren, nicht mehr genießen könnte. Und Marc gehört dazu. Momentan scheint er unschlagbar zu sein. Und ich muss sagen, er ist wahrscheinlich das größte Talent, das es jemals gegeben hat. Größer, als ich es war. Aber wir zwei kämpfen miteinander. Das macht mich an. Ich werde ihn eines Tages noch einmal besiegen – glaube ich jedenfalls.

Sie gehen in Mugello zum 300. Mal in einem WM-Rennen an den Start. Was bedeutet diese Marke für Sie?

Wenn ich am Start stehe, kurz bevor wir losfahren, bedeutet sie nicht mehr viel. Aber 300 Grand Prix zeigen mir, dass ich ein alter Mann bin. Dass ich noch mitmische, macht mich glücklich. Ich habe so viel Gutes erlebt, dass ich keinen einzigen missen möchte. Motorräder sind meine Leidenschaft. Manche fahren in der Hoffnung, reich zu werden, andere haben nach ein paar Jahren genug. Das will ich nicht schlechtreden. Bei mir ist das aber anders. Ich bin seit 18 Jahren in unserem Sport dabei, bin früher für ein Essen und einen Schlafplatz gefahren. Und das Gefühl, wenn ich auf dem Motorrad sitze, ist immer noch gleich. Besser erklären kann ich es nicht. Natürlich verdiene ich viel Geld. Aber das ist nicht der wichtigste Grund für mich.

Fährt man in Ihrem Alter oder mit Ihrer Erfahrung manchmal zu vorsichtig für die Weltspitze?

Zu vorsichtig bestimmt nicht, sonst wird man Letzter. Ich denke mehr nach als früher. Und die Erfahrung hilft, in manchen Situationen das Risiko zu vermindern. Das war natürlich nicht immer so. Wenn du ganz jung bist und erfolgreich, hältst du dich für unbesiegbar. Das muss aber auch so sein, denn sonst bräuchte man ja nie etwas dazuzulernen.

Wie stark haben Sie von Ihrem Vater Graziano profitiert, der selber in der WM mitgefahren ist und Grand-Prix-Siege erkämpft hat?

Er hat mir in den ersten Jahren mit seinen Kontakten schon den Weg geebnet. Aber das Beste, was er mir mitgegeben hat, war: Wenn du ein Problem lösen musst, versuche alle Dinge immer so einfach wie möglich zu sehen und zu beurteilen. Und dann hat er mich allein meinen Weg gehen lassen.

Ihr Vater galt als Partylöwe. Als einer, der viel mehr Rennen hätte gewinnen können. Er hat aber seine Unabhängigkeit über alles gestellt. Sie sind viel strebsamer.

Die Zeiten sind zu unterschiedlich, um das zu vergleichen. Heute ist der Grand-Prix-Sport weltweit geregelt. Es steht finanziell viel mehr auf dem Spiel. Auch für uns Fahrer. Wer richtig dabei sein will, muss sich daran halten. Das hat ja auch Vorteile. Aber ich wäre auch gern in der Zeit gefahren, als mein Vater fuhr. Manchmal gehen wir mit seinen Freunden zusammen essen. Die Geschichten, die sie dann erzählen, sind einfach toll. Um diese Zeit beneide ich sie schon.

Wie gelingt es Ihnen eigentlich am besten, zwischen den Rennen auch mal hin und wieder abzuschalten?

Ich trenne mein Leben als Rennfahrer von meinem Privatleben. Das findet in Tavullia statt (ein kleiner Ort bei Urbino in der Region Marken, d.R.). Ich habe ein kleines Haus für mich und meine Freundin. Meine Mutter und mein Bruder Luca leben auch dort. In Tavullia will niemand etwas von mir. Die Leute sagen freundlich ‚hallo Vale“ und mehr ist nicht nötig.

Können Sie sich noch an Ihr erstes Motorradrennen erinnern?

Das erste richtige Rennen war 1993. Da bin ich im Training in der ersten Kurve hingefallen. Das war mir extrem peinlich. Zum Glück war ich aber nicht verletzt und wurde am Ende Neunter. Wenn ich mir wirklich wehgetan hätte, hätte ich vielleicht sofort aufgehört.

Gibt es eine besonders kuriose Rennszene, an die Sie sich erinnern?

In China bin ich mal an die Box gefahren, weil sich mein Motorrad schwammig angefühlt hat. Und da ein Vorderradreifen selten bis nie kaputt geht, haben wir den hinteren gewechselt. Aber es war der vordere. Das war selten blöd.

Hat es mal ein Kompliment oder ein Lob gegeben, welches Sie ganz besonders gefreut hat?

Ja, Brad Pitt hat gesagt, er wäre gern so wie ich. Das ist irgendwie irre schön.

Wie ernst waren eigentlich Ihre Formel-1-Pläne wirklich?

Den Ferrari testen zu dürfen, war großartig. Eine Vorbereitung auf eine Formel-1-Saison und gleichzeitig MotoGP zu fahren, ist aber unmöglich. Und ich habe festgestellt, dass mein Herz dem Motorrad gehört. Um auf einem Motorrad wirklich schnell zu sein, braucht man den ganzen Körper. Im Auto arbeiten die Arme und die Beine. Noch wichtiger ist: Auf dem Motorrad treffe ich im Rennen alle Entscheidungen. Du bist auf der Piste allein. Boxenstopps, wo andere eingreifen könne, gibt es nicht. Wen ich mal nicht mehr Motorradrennen fahre, kann ich mir vorstellen, auf ein Auto umzusteigen. Ich fahre auch gern Rallyes. Aber wenn ich umsteige, dann sicher auf einem bescheideneren Niveau.