Fahrverbot

Flensburg stoppt Löw

Die WM-Mission des Bundestrainers wird durch den Führerscheinentzug zusätzlich belastet

Das miese Wetter, das zumindest am Dienstagvormittag im Passeiertal zu Südtirol herrschte, passte ins Bild, das die deutsche Nationalmannschaft dieser Tage kennzeichnet. Es sind Geschichten abseits des Platzes, die für mehr Gesprächsstoff sorgen als die Frage, mit welchem System die deutsche Elf in Brasilien spielt. Viel mehr waren die verletzten Stammspieler und deren Fitnesszustand zuletzt ein Thema. Oder aber der Partyskandal von Kevin Großkreutz, den Spieler von Borussia Dortmund, der nach dem verloren gegangenen Pokalfinale in der Lobby des Berliner Hotels „Berlin, Berlin“ uriniert hat. Und als gäbe es nicht schon genug Sorgen, sorgte Bundestrainer Joachim Löw am siebten Tag des Trainingslagers selbst die nächste unrühmliche Geschichte.

Am Morgen hatte die „Bild“ darüber berichtet, dass Löw wegen wiederholter Tempoverstöße seinen Führerschein abgeben musste und ein Fahrverbot von sechs Monaten erhalten habe. Der Bundestrainer bestätigte einen entsprechenden Bericht. „Selbstverständlich stehe ich dazu, dass ich manchmal leider zu schnell gefahren bin. Ich weiß, dass ich mich hier zügeln muss. Ich habe meine Lektion gelernt und werde mein Fahrverhalten ändern“, wurde Löw vom Deutschen Fußball-Bund zitiert.

Bereits im März soll die Verkehrssünderkartei von Löw 18 Punkte aufgewiesen haben. Seinen Führerschein soll er schon vor drei Monaten abgegeben haben und ihn erst wieder bekommen, wenn er, da er Wiederholungstäter ist, den sogenannten MPU-Test absolviert hat. Dies, so heißt es, will der Bundestrainer nach der WM in Brasilien tun. „Es gibt da nichts schön zu reden, natürlich muss ich jetzt mit den Konsequenzen leben und nutze häufig die Bahn“, sagte Löw, und DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock ergänzte: „Joachim Löw hat uns bereits vor einiger Zeit darüber informiert, dass er den Führerschein abgeben musste. Wir wissen, dass sich Jogi selbst am meisten darüber ärgert.“ Mit Humor kommentierte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff die Angelegenheit von Löw: „Das ist nichts besonderes, so etwas passiert. Wir werden mit unserem Generalsponsor Mercedes-Benz sprechen, dass er Jogi nur noch Autos gibt, die tempolimitiert sind.“

Fahrerlaubnis schon 2006 weg

Schon vor der WM 2006 hatte Löw den Führerschein für vier Wochen abgeben müssen, als er als Assistent von Jürgen Klinsmann mit seinem damaligen Chef auf dem Beifahrersitz zu schnell auf der Autobahn gefahren war. Zeitverlust ist etwas, was den Bundestrainer nicht unwesentlich ärgert. Mit seiner Mannschaft hat Löw aktuell auch nicht mehr so viel Zeit. Er muss sich quasi schon wieder beeilen. Denn es sind nur noch wenige Tage bis zum ersten Gruppenspiel bei der WM am 16. Juni gegen Portugal. Da wird ganz Fußball-Deutschland nach Salvador schauen und das Team darauf überprüfen, ob sie denn wirklich in der Lage ist, in Brasilien um den WM-Titel zu kämpfen.

Der Druck, der diesbezüglich auf ihnen lastet, ist groß. Löw weiß das. Dafür ist er nun schon in seinem achten Jahr als verantwortlicher Coach. Aufgrund der Tatsache, dass Deutschland seit einigen Jahren schon eine hohe Anzahl von qualitativ hervorragenden Spielern besitzt, sind nicht wenige Experten der Meinung, dass die Mannschaft endlich liefern müsse. Nach dem dritten Platz bei der WM 2006, dem Finaleinzug bei der EM 2008, dem dritten Platz bei der WM 2010 und dem Halbfinal-Einzug bei der EM 2012 ist die Erwartungshaltung in Deutschland gestiegen.

Natürlich wird derzeit registriert, dass einige Spieler, vor allem wichtige Schlüsselspieler, nicht fit sind und nur individuell trainieren. Dass man ob dieses Handicaps keine überragenden Leistungen erwarten kann, liegt auf der Hand. Aber es wird eben auch registriert, wie sehr der Bundestrainer auf eben jene derzeit noch angeschlagenen Spielern baut. Sein Vertrauen in sie ist groß, so wie die Hoffnung auf eine rasche Genesung. Doch das ist ein Spiel mit dem Feuer. Sein Plan, Spieler wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Manuel Neuer oder Sami Khedira bis zum ersten Vorrundenspiel am 16. Juni gegen Portugal wieder hinzubekommen, kann aufgehen, muss aber nicht.

Ähnliche Situation wie 2010

Vor vier Jahren, im Vorfeld der WM in Südafrika, war die Situation ähnlich. Der Schock war groß, nachdem Kapitän Michael Ballack seine WM-Teilnahme verletzt absagen musste. Kurz zuvor war bereits die damalige Nummer eins René Adler ausgefallen. Doch Löw hatte einen Plan B. Er war sich trotz der Hiobsbotschaften sicher, mit damals noch nicht so populären Spielern wie Mesut Özil, Khedira oder Thomas Müller bestehen zu können. Am Ende staunte die Fußball-Welt über eine von Löw perfekt eingestellte und offensiv brillant spielende deutsche Elf.

Zwei Jahre später, bei der EM, sah es schon nicht mehr so rosig aus. Die deutschen Nationalspieler quälten sich durch das Turnier und mussten sich nach dem 1:2 im Halbfinale gegen Italien den Vorwurf gefallen lassen, in einem entscheidenden Spiel wieder mal versagt zu haben. Löw selbst räumte einen taktischen Fehler ein. Vor seinem vierten Anlauf, mit Deutschland einen Titel zu holen, gibt sich Löw noch entspannt. Der zunehmende Druck ist ihm jedoch nicht entgangen: „Ich registriere das natürlich. Die Fans haben eine große Sehnsucht nach dem Titel. Und der Titelgewinn ist ja auch unser Ziel. Wir gehören immer zu den Top-Favoriten, aber ich weiß auch aus Erfahrung, dass es kein Selbstläufer ist.“