Verlängerung

Königliche feiern zehnten Triumph

Real Madrid kämpft im Endspiel der Champions League Stadtrivale Atletico in 120 Minuten nieder

Um 23.36 Uhr war der Moment gekommen, auf den die Profis, Funktionäre und die Fans von Real Madrid so lange gewartet haben. Vor den Augen des spanischen Königs Juan Carlos stemmte Iker Casillas, der Torwart der Königlichen, den Henkelpott in den Nachthimmel von Lissabon. Der Traum von „La Decima“, vom zehnten Triumph in der europäischen Königsklasse, ist seit dem späten Sonnabendabend Wirklichkeit. Dank eines 4:1 (1:1, 0:1) nach Verlängerung im Finale der Champions League gegen den Stadtrivalen Atletico Madrid.

Bis in die Nachspielzeit der regulären Spielzeit sah Atlético nach der Führung durch Diego Godín (36.) wie der sichere Sieger aus. Dann aber rettete Sergio Ramos (90.+3) den Favoriten Real, der mit dem unglücklichen deutschen Nationalspieler Sami Khedira und Weltfußballer Cristiano Ronaldo lange enttäuschte, doch noch in die Verlängerung. Dort erzielten Gareth Bale (110.), Marcelo (118.) und Ronaldo per Foulelfmeter (120.) in einer turbulenten Schlussphase die entscheidenden Treffer.

„Das ist unglaublich, die gesamte Mannschaft ist überglücklich. Ich widme mein Tor meiner Familie, meinem Kind“, sagte Ramos, der schon beim 4:0 im Halbfinal-Rückspiel beim FC Bayern mit zwei Kopfball-Toren praktisch im Alleingang für das Aus des Titelverteidigers gesorgt hatte: „Wir haben bis zum Schluss gekämpft. Am Ende haben wir es verdient, als Sieger vom Platz zu gehen.“ Atlético-Kapitän Gabi gratulierte dem Erzrivalen: „Ab dem 1:1 haben sie dominiert und am Ende verdient gewonnen. Wir sind seit einem Jahr in sämtlichen Wettbewerben unterwegs, irgendwann ist die Kraft am Ende. Glückwunsch an Real.“

Real hatte bereits von 1956 bis 1960 sowie 1966, 1998, 2000 und 2002 die wichtigste Trophäe im europäischen Vereinsfußball gewonnen. Atlético, das 1974 bei seiner bislang einzigen Finalteilnahme gegen die Bayern verloren hatte, verpasste nach dem Gewinn der spanischen Meisterschaft dagegen das Double.

Khedira spielte zunächst eine unrühmliche Hauptrolle, als er Atléticos Führung durch Godín mitverschuldete. Der 27-Jährige, der 188 Tage nach seinem Kreuzbandriss in der Startelf stand, verlor das Kopfball-Duell gegen den Innenverteidiger. Die größte Schuld am 0:1 trug freilich der „heilige“ Torwart Iker Casillas, der sich einen groben Stellungsfehler leistete.

Der Uruguayer Godín hätte zum zweiten Mal binnen einer Woche zum Helden werden können: Sieben Tage zuvor hatte sein Treffer zum 1:1 beim FC Barcelona den Rot-Weißen die erste Meisterschaft seit 1996 beschert. Doch diesmal sollte die Krönung ausbleiben.

Ein Jahr nach dem hochklassigen deutschen Duell in Wembley zwischen Bayern München und Borussia Dortmund (2:1) sahen die 60.976 Zuschauer im Estádio da Luz ein zähes und teilweise nickliges Spiel. Real war gegen tapfere Underdogs feldüberlegen, ließ aber die Brillanz aus dem Halbfinale vermissen, als es Titelverteidiger Bayern geradezu von dessen Thron gefegt hatte. Dem Favoriten fehlten die Ideen.

Khedira, der den gesperrten Xabi Alonso auf der „Sechs“ vertrat, spielte ansonsten ordentlich und warf sich mutig in die Zweikämpfe. Kurz vor der Pause sah er nach einem Foul an David Villa Gelb, nach 59 Minuten musste er für den offensiveren Isco weichen. Das Finale verlief für ihn persönlich durchwachsen. Er wird jedoch als glücklicher und zufriedener Champions-League-Sieger am Montag ins DFB-Trainingslager nach Südtirol reisen. „Ich habe das noch gar nicht realisiert. Aber es ist ein unglaubliches Gefühl“, sagte Khedira. Mit Blick auf die WM fügte er hinzu: „Ich kann alle beruhigen. Ich bin schon auf einem guten Level, wenn auch noch nicht bei hundert Prozent.“

Der sollte Ronaldo noch besser in Szene setzen. Der Portugiese gab bei seinem Heimspiel zwar die meisten Schüsse aller Spieler auf dem Platz ab, hatte dabei aber meist Pech. Ob per Freistoß (28., 54.) oder Kopf (55., 63.) – er mühte sich vergeblich. Auch Gareth Bale kam einem Treffer bei seinen Versuchen nicht näher (32., 73., 77.). Von Sturmspitze Karim Benzema bekam Real-Fan Juan Carlos I. wenig zu sehen.

Real, das zuletzt 2002 triumphiert hatte (2:1 gegen Bayer Leverkusen), rannte mit zunehmender Spieldauer immer verzweifelter an. Doch das weiße Ballett, dessen „BBC“-Sturm mehr Ablöse gekostet hat als die gesamte Atlético-Startelf zusammen wert ist, tanzte erst, als es fast zu spät war: Ramos köpfte eine Modric-Ecke ins linke Toreck und erhielt zur Belohnung einen Kuss von Casillas auf die Wange.

In der Verlängerung gingen Atlético zusehends die Kräfte aus – auch, weil der Außenseiter schon in der neunten Minute das erste Mal hatte wechseln müssen. Stürmerstar Diego Costa, nach vermeintlicher Wunderheilung in der Startelf, hatte erneut Probleme und musste bereits früh raus. Die späte Überlegenheit nutzte Bale zum dritten Kopfballtor des Abends, ehe Marcelo mit einem Linksschuss von der Strafraumkante alles klar machte.

Reals Trainer Carlo Ancelotti hingegen kann sich nun als erfolgreichster Coach der Champions League feiern lassen. Der Italiener gewann den Wettbewerb als erster Trainer zum dritten Mal. Zuvor hatte Ancelotti mit dem AC Mailand in den Jahren 2003 und 2007 triumphiert.