Cahmpions League Finale

Kampf der Kulturen

Im Finale der Champions League erreicht die Rivalität zwischen Atlético und Real Madrid einen neuen Höhepunkt

Gesucht: Würdiger Rivale für ein anständiges Derby. So stand es auf einem Transparent, mit dem die Anhänger von Real Madrid im November 2011 ihre Stadtnachbarn verspotteten. Auf dem Rasen wurde das unzähligste Kapitel einer sieglosen Serie von Atlético gegeben, deren Ursprung noch ins letzte Jahrtausend zurückreichte. Doch wie es manchmal so ist, wenn die Machtverhältnisse zementiert scheinen, explodieren sie mit einem besonders großen Knall. Nach 24 erfolglosen Versuchen beendete Atlético dann vor einem Jahr seine gruselige Strähne auf flamboyanter Bühne: in Reals Bernabéu, im spanischen Pokalfinale.

Seitdem ist wenig, wie es war im Fußball der spanischen Hauptstadt. Oder besser gesagt: Es ist wieder so wie früher. Ausgeglichen. Bis Real mit der Generation um Alfredo Di Stéfano in den späten 1950er-Jahren zu kontinentaler Herrschaft aufstieg, waren sich beide Klubs immer auf Augenhöhe begegnet. Der Argentinier selbst soll seine Kollegen noch gewarnt haben: „Vergesst Barcelona, wer uns wehtun kann, ist Atlético.“

In Madrid sind die Fanlager bis heute etwa gleich groß. Dort würde man Atlético auch nie als kleinen Klub bezeichnen. Seit 2012, wenige Wochen nach jenem Plakat, Diego Simeone das Traineramt übernahm, transportiert der Verein diesen Ruf auch wieder über die Stadtgrenzen hinaus. Ein robustes Team von Atlético gegen die brillanten Solisten von Real Madrid, so wie heute geht auch die klassische Erzählung dieses Derbys. Aber noch nie hat es auf so einer Bühne stattgefunden: im Finale der Champions League (20.45 Uhr, ZDF und Sky).

Im Autokonvoi nach Lissabon

Zwischen 70.000 und 120.000 Anhänger aus Madrid werden am Finalort Lissabon erwartet, die meisten ohne Karten, und die meisten legen die rund 600 Kilometer zwischen beiden Hauptstädten im Auto zurück. In Spanien, wo zu normalen Ligaspielen kaum Auswärtsfans reisen, hat dieser Umstand zu einiger Sorge bei den Behörden geführt. Es ist ja auch eine kuriose Situation: zwei rivalisierende Konvois mit der identischen Route. Vom ursprünglichen Vorhaben, die Tankstellen nach Fangruppen aufzuteilen, wurde jedoch Abstand genommen. Man vertraut auf die Vernunft und darauf, dass es sich zwar um eine etablierte Rivalität handelt, aber um keine Stammesfehde wie etwa bei Celtic und den Rangers in Glasgow.

Die Unterschiede in der Identität beider Vereine sind gleichwohl leicht benannt. Idealtypisch steht Real für das bürgerliche, privilegierte, weltläufige Madrid, Atlético für das proletarische, passionale. Dass es sich dabei nicht nur um Stereotype handelt, lässt sich beim Besuch der Heimspiele bestätigen. Madrid ist eine Stadt von metropolitanem Charakter, aber verhältnismäßig kurzen Distanzen, deshalb täuschen die nur anderthalb Stunden Fußweg zwischen den Stadien Santiago Bernabéu und Vicente Calderón: dazwischen liegen Welten. Real spielt im noblen Tempel eines Bankenviertels nordöstlich des Zentrums, Atlético in einer rostigen Schüssel südwestlich davon, eine Tribüne ist über die Stadtautobahn gebaut. Wenn das Bernabéu oft als Oper bezeichnet wird, handelt es sich beim Calderón eher um eine Schrammelkneipe. Aber die Stammkundschaft will das auch genau so haben.

Atlético ist die Abgrenzung zum Stadtrivalen wichtiger als umgekehrt, und gewissermaßen wurde dem Klub der „Antimadridismus“ sogar in die Wiege gelegt. Baskische Zuwanderer gründeten den Verein 1903 als Reaktion auf einen epischen Sieg von Athletic Bilbao im Pokalfinale gegen Real Madrid. Die Filiale nannte sich anfangs ebenfalls Athletic, ehe sie nach der Fusion mit der Luftwaffe im nationalistischen Franco-Regime in Atlético Aviación umbenannt wurde. Seit 1947 heißt der Klub Atlético de Madrid, aber die Wurzeln von einst sind im Sprachgebrauch präsent, Fans wie Medien sprechen in der Regel von „El Atleti“. Real wird nur „El Madrid“ genannt.

Angesichts der zwischenzeitlichen Anbandelung Atléticos mit der Diktatur müssen Real-Fans immer lachen, wenn sie von ihren Nachbarn als Klubs Francos dargestellt werden. Die Frage, inwieweit der Caudillo seinen Lieblingsklub Real protegierte, wird Spaniens Stammtische wohl auf alle Ewigkeit beschäftigen. Wer zweifelsohne die Weichen beider Klubs auf unterschiedliche Gleise stellte, war jedoch der Europapokal der Landesmeister, der Vorläufer der Champions League.

Real begründete dadurch seinen Mythos: Di Stéfano, Puskas, das weiße Ballett, die fünf Titel bei den ersten fünf Ausgaben. Bei Atlético hingegen begründete er „el pupas“, das „Aua“: So nennt sich der Opferdiskurs, dem sich die Anhänger hingaben, seit Hans-Georg „Katsche“ Schwarzenbeck in der 120. Minute des Finales 1974 mit einem Verzweiflungsschuss zum 1:1 für Bayern München ausglich, das im dadurch fälligen Wiederholungsspiel mit 4:0 triumphierte.

Gedenken an Luis Aragonés

Atléticos Führungstor hatte Luis Aragonés erzielt. Aragonés, der Spanien 2008 als Nationaltrainer zum EM-Titel führte, ist dieses Jahr gestorben. Auf Initiative der Spieler wird sein Name auf die Trikots gestickt sein, bei Atléticos erstem Finale im Königswettbewerb seit damals. Eine kitschige Konstellation also, um das „Aua“ für alle Zeiten zuzupflastern. Dabei hatten sie es sich inzwischen sogar gemütlich gemacht mit dem Verlierer-Image, den ewigen Erfolgen Reals trotzig ein „Gefühl, das man nicht erklären kann“ entgegengestellt, wie der Barde Joaquín Sabina in der Vereinshymne zum 100. Geburtstag sang: „Um es zu verstehen, muss man im Calderón geweint haben.“ Bei Atlético werden sie diese Zeiten nicht vergessen. Dauerkartenbesitzer aus den Zweitligasaisons zwischen 2000 und 2002, dem Tiefpunkt der Vereinsgeschichte, wurden bei der Verteilung der Finaltickets als erste berücksichtigt.

Auch wegen solcher Geschichten wird ganz Spanien heute den Rot-Weißen den Sieg gönnen, mit Ausnahme der Real-Anhänger natürlich, aber auch die können sich eigentlich nicht beklagen: Sie sehen ja endlich wieder würdige Derbys.