Leichtathletik

Zurück in der Platte

Hammerwerferin Betty Heidler besucht den Sportplatz in Marzahn, wo ihre Karriere begann

„Hallo, hier bin ich, ich möchte Sport machen.“ 17 Jahre ist es nun her, dass sich Hammerwerferin Betty Heidler mit diesen Worten auf dem Sportplatz in der Allee der Kosmonauten vorstellte. 1997 hatte die Weltrekordhalterin beim 1. VfL Fortuna Marzahn ihre ersten Wurfversuche unternommen, damals noch mit dem Schleuderball. In dieser Woche kehrte die 30-Jährige nun auf ihre Heimatanlage zurück, um im Rahmen eines kleinen Wettkampfes den neuen Wurfkäfig einzuweihen.

Für die Menschen in Marzahn war es ein besonderer Tag – schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass die erfolgreichste Leichtathletin des Bezirks zu Besuch ist. Viele Fans hatten deshalb den Weg ins Stadion gefunden: Heidlers ehemalige Trainer aus Jugendzeiten waren da, ihre Großmutter und zahlreiche Bewohner aus den umliegenden Plattenbauten. „Im Fernsehen sieht sie immer viel größer aus“, raunte eine Zuschauerin ihrem Mann zu.

Betty Heidler wohnte als Kind nur ein paar hundert Meter entfernt. Für sie war der Wettkampf jedoch mehr als ein Wiedersehen mit alten Freunden. Für sie ging es auch um Wiedergutmachung. Wenige Tage zuvor war ihr Hammer bei den Halleschen Werfertagen lediglich 68,21 Meter weit geflogen, als Neunte hatte die Berlinerin sogar den Endkampf verpasst. Ausgerechnet in Halle, wo sie im Mai 2011 ihren noch immer bestehenden Weltrekord von 79,42 Metern aufgestellt hatte. „Entweder werfe ich weit oder praktisch gar nicht. Ein Zwischending gibt es bei mir selten“, sagt Heidler.

Beste Bedingungen in Berlin

Ein kurzer Blick in ihre Vita bestätigt das: Sie wurde Welt- und Europameisterin, war zweimal Zweite bei Weltmeisterschaften und 2012 Olympiadritte in London – aber sie musste eben auch zweimal, bei der EM 2012 und zuletzt bei der WM 2013, schon in der Qualifikation die Segel streichen, obwohl sie beide Male als Favoritin angereist war. Heidler übt sich in Galgenhumor: „Es ist doch schön, wenn es so abwechslungsreich ist. Das macht es für die Zuschauer spannend.“

In Berlin lief es schon wieder besser. Fünfmal schlug der Hammer jenseits der 70-Meter-Marke ein, Heidlers weitester Versuch wurde mit 72,21 Metern gemessen. Eine Steigerung gegenüber Halle und doch nicht das, was sich die Ex-Weltmeisterin und ihr Trainer Michael Deyhle vorgenommen hatten. „Ich kann meine Leistungen aus dem Training derzeit noch nicht abrufen“, erklärt Heidler. Zurzeit fehle ihr noch die nötige Aggressivität. Die Würfe seien zwar schön anzusehen, gut geeignet für eine Lehrbildreihe, „aber nichts zum Kaputtmachen. Ich werfe stabil schön, aber nicht stabil weit“.

Nach ihrer Knie-Operation hat Heidler allerdings auch noch Trainingsrückstand. Im Herbst hatte sie sich wegen einer chronischen Entzündung im linken Knie behandeln lassen. Schmerzen hat sie zwar keine mehr, doch fehlen laut Aussage ihres Trainers zwölf Wochen Training und unzählige Würfe. „Wir sind noch nicht so weit wie im vergangenen Jahr zum selben Zeitpunkt“, sagt Michael Deyhle. Bis zu den Europameisterschaften im August in Zürich (12. bis 17. August) sei der Rückstand in jedem Fall aufzuholen, glaubt Deyhle. Er weiß genau, worauf es jetzt ankommt: Geduld.

Doch genau damit tut sich Betty Heidler manchmal schwer. Die Weltrekordhalterin hat hohe Ansprüche an sich selbst. Sie will die erste Frau sein, die den Hammer über 80 Meter wirft. Den großen Traum vor Augen, lässt sich Heidler jedoch dazu verleiten, die Sache gelegentlich etwas zu gut machen zu wollen. Etwa bei der vergangenen WM in Moskau, wo sie in der Qualifikation nicht einfach bloß den Finaleinzug sichern, sondern dabei glänzen wollte – und prompt vorzeitig scheiterte. „Betty wollte hier schön werfen, aber sie muss effizient werfen“, hatte Michael Deyhle geschimpft. „Sie hat immer versucht, den optimalen Wurf zu machen, nicht den maximal möglichen.“

Saisonhöhepunkt ist EM in Zürich

Bei der EM in Zürich soll es in drei Monaten besser laufen. Die Vorbereitung wird Betty Heidler in Berlin absolvieren. Im Herbst ist sie ihre Heimatstadt zurückgekehrt, wenngleich sie weiterhin das Trikot der LG Eintracht Frankfurt trägt. Heidler schätzt an Berlin die kurzen Wege zwischen dem Wurfhaus und den weiteren Einrichtungen des Olympiastützpunktes auf dem Gelände des Sportforums Hohenschönhausen. In Frankfurt habe sie lange fahren müssen, um von einem Ort zum anderen zu gelangen, erzählt sie.

Zunächst war geplant gewesen, dass sie alleine nach Berlin umzieht, während ihre Gruppe und ihr Coach in Hessen bleiben. Mittlerweile sind ihr jedoch sowohl Michael Deyhle als auch Trainingskollegin Carolin Paesler, die aktuelle Nummer drei in Deutschland, an die Spree gefolgt. Weitere Athleten sollen folgen. „Wir wollen hier in den nächsten Jahren eine Wurfgruppe installieren, die bundesweit Vorbild sein kann“, sagt Deyhle. Die Elite und der Nachwuchs sollen dann gemeinsam trainieren, und auch die Jugendlichen sollen schon von Biomechanikern, Medizinern und anderen Experten unterstützt werden. Damit vielleicht schon bald die nächste Weltklassewerferin aus Berlin heranreift.