WM-Vorbereitungen

Löw hat schon einen Plan B

Spielergerüst wackelt, Neuer-Ausfall droht. Ter Stegen ist bereits in Bereitschaft versetzt

– Während seine Mitspieler auf dem Platz mit dem Ball trainierten, absolvierte Bastian Schweinsteiger am Donnerstagvormittag nur eine stupide Laufeinheit. Am Ende trat er zwar auch noch ein wenig gegen das Leder. Aber es war unverkennbar, dass die Patellasehnenreizung im linken Knie dem defensiven Mittelfeldspieler vom FC Bayern noch immer zu schaffen macht. Schweinsteiger zählt, so er denn fit ist, zu den Gerüststangen, an denen der Bundestrainer Joachim Löw die Statik der Nationalelf bei der WM in Brasilien auszurichten gedenkt.

Doch fit ist Schweinsteiger derzeit nun mal nicht. So intensiv die übrigen Spieler am Donnerstag auf dem Platz auch arbeiteten, Schweinsteigers Rundenlauf überlagerte die erste Trainingseinheit in Südtirol. Er stand symbolisch für ein Team, das nicht frei von Sorgen ist. Und die Sorgen könnten noch größer werden: Denn mit Philipp Lahm und Manuel Neuer fehlten am Donnerstag noch zwei Spieler, die zu Löws Gerüststangen zu zählen sind.

Der Kapitän und der Torhüter weilten in München, wo sie medizinisch behandelt werden. Lahm laboriert an einem Kapselreinriss im Sprunggelenk, Neuer hat Probleme mit seinem rechten Schultereckgelenk. Am Dienstag war ein alarmierendes Foto von Neuer im Umlauf, auf dem er mit einer Armschlinge zu sehen war, die zur Schonung der Schulter dient.

Beide haben sich die Verletzungen im DFB-Pokalfinale mit dem FC Bayern gegen Borussia Dortmund am vergangenen Sonnabend zugezogen. Wann sie nach Südtirol nachreisen, ist offen. Hansi Flick, Löws Assistent, gab sich am Donnerstag zwar optimistisch. Es sei möglich, „dass Philipp und Manuel am Freitag kommen“, weil sie auf einem guten Weg seien. Nur hatte es vor der Abreise nach Südtirol am Dienstag auch geheißen, dass beide Profis auf jeden Fall am ersten Tag mit ins Trainingslager kommen würden. Wer nicht kam, waren Lahm und Neuer. Und in Bezug auf den Nationaltorhüter scheinen die Sorgen größer zu sein, als man zu sagen bereit ist: Denn es gibt bereits einen Plan B. „Wenn-dann-Strategie“, nennt Löw so etwas.

Wenn also Neuer tatsächlich nicht rechtzeitig fit werden sollte, dann stünde Marc-André ter Stegen als Ersatz bereit. Der ehemalige Gladbacher grinste noch am Donnerstag in Barcelona in die Kameras, wo ihn der Klub von Lionel Messi offiziell als Zugang vorstellte. Flick sagte, dass Bundestorwarttrainer Andreas Köpke bereits telefonisch Kontakt mit ter Stegen aufgenommen habe. Der hatte bei der Nominierung für den WM-Kader noch das Nachsehen gegenüber Neuer, Roman Weidenfeller und Ron Robert Zieler. Nun aber muss er sich für den Fall der Fälle bereithalten. „Marc-André ist informiert. Er hat seinen Urlaub abgesagt und hält sich zur Verfügung“, sagte Flick.

Noch ist nicht abzusehen, ob die Stimmung bezüglich der angespannten Personalsituation im Nationalteam bald gedämpfter wird. Denn neben Schweinsteiger, Lahm und Neuer gibt es ja zwei, drei andere Kandidaten, bei denen unklar ist, ob sie rechtzeitig fit werden und die Form erreichen, in Brasilien auf Topniveau um den WM-Titel spielen zu können.

So weiß niemand, ob Miroslav Klose noch einmal in eine ähnlich veritable Form wie beim letzten Weltturnier in Südafrika 2010 kommen kann. Auch er darf als Gerüststande im Löw-Team bezeichnet werden. Doch hinter dem 35-Jährigen liegt eine durchwachsene und von Verletzungen geprägte Saison. Zudem kann niemand vorhersagen, ob Sami Khedira – die personifizierte Gerüststange im defensiven Mittelfeld – schnell wieder eine echte Alternative für den Bundestrainer werden kann. Khedira hatte sich im November das Kreuzband gerissen und soll nach zwei ersten Kurzeinsätzen für Real Madrid vielleicht am Sonnabend im Champions-League-Finale gegen Atlético Madrid eingesetzt werden. „Wir glauben an Sami, und die sportliche Leitung fühlt sich bislang in der Entscheidung bestätigt, ihn in den Kader berufen zu haben“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff am Donnerstag.

Bierhoff bat trotz der Sorgen um den einen oder anderen arrivierten Spieler um Verständnis. Auch andere Nationen hätten Probleme und Spieler in ihren Reihen, die derzeit noch nicht in Form oder im Vollbesitz ihrer Kräfte seien. Kopfzerbrechen würde ihm die momentane Verletztensituation im deutschen Lager jedenfalls nicht bereiten: „Wir sind überzeugt davon, dass wir am Ende mit einer Mannschaft nach Brasilien fahren, die das Zeug dazu hat, Weltmeister zu werden“, sagte Bierhoff.

Wie die Erziehung von Kindern

Zweimal täglich soll in den kommenden Tagen trainiert werden, ehe es am Sonntag zu einem ersten Testspiel von insgesamt drei geplanten gegen die von Frank Wormuth trainierte deutsche U20-Auswahl kommt. Sie ist als Sparringspartner von Freitag ab in Südtirol dabei. Mit Hilfe der deutschen Nachwuchskicker sollen mögliche Spielsituationen simuliert werden.

In einem Interview mit der „Zeit“ verglich Löw das Formen einer WM-Mannschaft mit der Erziehung von Kindern: Er müsse viel mit den Spielern sprechen und jedem gleichviel Aufmerksamkeit schenken. Vor allem aber müsse er für „Normalität und Kontinuität“ in der Vorbereitung sorgen. Normal aber läuft es in diesen ersten Tagen der Operation „Titelgewinn“ nicht im DFB-Camp. Löws Gerüststangen Schweinsteiger, Lahm und Neuer sind gehörig ins Wackeln geraten, und das hat das Potenzial, die Vorfreude auf die WM in Brasilien, die in 20 Tagen beginnt, erheblich zu dämpfen.