Interview

„Ich lebe nur für diese WM“

Routinier Miroslav Klose über seine Fitness, Sturmpartner Kevin Volland und die Erwartungen an das WG-Leben in Brasilien

Pünktlich ist er. Daran hat sich nichts geändert. Obwohl man es in Italien, wo er seit drei Jahren lebt, mit der Uhrzeit nicht immer so genau nimmt. Zur frühen Morgenstunde ist Miroslav Klose zudem bester Dinge, von Muffel-Laune keine Spur. Vielmehr steht ihm die Vorfreude ins Gesicht geschrieben: Am Mittwoch will er mit dem Auto losfahren, von Rom in Richtung Südtirol, zum Trainingslager des deutschen Nationalteams im Passeiertal. Dort will der Stürmer in Topform kommen für die WM in Brasilien, nach einer Saison, in der er lange verletzt war. Bundestrainer Joachim Löw vertraut voll und ganz auf Klose. Mit sieben Turnier-Teilnahmen (EM und WM) und 131 Länderspielen ist kein deutscher Spieler so erfahren wie der 35-Jährige.

Berliner Morgenpost:

Die wichtigste Frage vorweg: Wie fit sind Sie?

Miroslav Klose:

Ich fühle mich gut. Ich bin zwar nicht in absoluter Top-Form, um morgen eine WM spielen zu können. Aber es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Ich brauche die zehn Tage Vorbereitung sowie die zwei Testspiele, um in den Rhythmus zu kommen. Dann bin ich 100 Prozent fit und voll da.

Wo hapert es?

Der Rücken und die Beine sind okay. Was mir fehlt, ist noch ein wenig die Fitness. Sprich, ich brauche Laufeinheiten, damit mein Puls runterkommt. Denn ich bin immer noch ein paar Schläge über dem Normalpuls. Das heißt, wenn ich fit und ausgeruht bin, liege ich bei einem Ruhepuls von 33. Und je nachdem wie die Spiele laufen, geht er so hoch auf 165.

Was die Fitness betrifft, sind Sie seit Jahren bekannt dafür, ganz gesund und bewusst zu leben. Verzichten Sie eigentlich immer noch auf Alkohol?

Das hat sich ein klein wenig verändert. Was vor allem daran liegt, dass ich seit drei Jahren in Italien lebe. Hier kommt schon mal ein Gläschen Wein auf den Tisch. Und wenn es bei einem Glas bleibt, ist das sicherlich auch nicht ganz so schlimm. Ich bin da streng.

Für alle Nationaltrainer ist die Fitness ein zentrales Thema. Italiens Coach Cesare Prandelli berichtete nach dem Confed Cup 2013 in Brasilien, dass gleich sieben Spieler in der Spielpause darum gebeten hatten, sie doch auszuwechseln.

Eines ist mal klar: Die klimatischen Bedingungen in Brasilien sind nicht ohne. Ich weiß von Federico Marchetti und Antonio Candreva, meinen Mitspielern bei Lazio, was uns da erwartet. Die haben mir erzählt, dass viele von ihnen beim Confed Cup irgendwann nicht mehr wussten, wo sie die Luft hernehmen sollen. So krass war das. Wer also fit bei der WM ist, ist im Spiel bis zum Schluss konzentriert und so im Vorteil.

Da könnte man auch auf die Idee kommen, sich hinten rein zu stellen und den Gegner kommen zu lassen.

Wenn es eine Mannschaft gut kann, soll sie es probieren. Aber ich denke nicht, dass wir das gut können. Das entspricht nicht unserer Philosophie.

Gehen Sie eigentlich davon aus, dass Sie bei der WM definitiv dabei sind, oder müssen Sie fürchten, dass Sie nach dem Trainingslager vielleicht aussortiert werden?

Warten wir es einfach ab. Stand jetzt gehe ich davon aus, dass ich dabei bin in Brasilien. Ich hatte vor wenigen Wochen ein gutes Gespräch mit Joachim Löw und Hansi Flick in Rom. Für mich spricht einerseits die Erfahrung. Denn es gibt keinen, der so viel Turniererfahrung hat wie ich. Aber es ist natürlich mein Anspruch, dem Team sportlich zu 100 Prozent helfen zu können.

Und Sie wären so ehrlich zu sagen, wenn Sie merken, dass es von der Fitness nicht reicht.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich an diesen Punkt komme. Aber klar, dann würden wir das Gespräch suchen.

Haben Sie Mitleid mit Mario Gomez, der nicht nominiert worden ist.

Ja. Es ist bitter. Ich habe ihm am Telefon gesagt, wie sehr es mir leidtut für ihn. Mario hat eine heftige Saison hinter sich.

Kennen Sie Ihren Sturmkollegen Kevin Volland?

Ich verfolge die Bundesliga. Kevin hat viele gute Spiele gemacht. Er gefällt mir sehr gut. Er ist beidfüßig und kann vorn überall spielen, da er auch auf die Flügel ausweicht. Aber ab jetzt sind wir bei der Nationalmannschaft. Da muss er natürlich noch ein bisschen mehr zeigen. Denn jetzt kommen andere Gegner. Und gegen die muss alles stimmen. Das weiß ich aus Erfahrung.

Deutschland hat nominell zwei Stürmer dabei, Italien derzeit sieben – zwei, drei werden noch gestrichen. Haben wir zu wenig?

Es ist doch klar, dass die Italiener einige mehr im Kader haben. Sie agieren nun mal mit zwei Spitzen, wir spielen nur mit einer. Zudem ist ja noch nicht klar, wie wir die Sechser-Positionen genau besetzen. Wenn dort eine Position etwas offensiver ausgerichtet ist, reicht das.

Die Erwartungshaltung ist groß in Deutschland. Wie gehen Sie mit dem Druck um?

Als Nationalspieler hast du immer Druck. Damit müssen wir alle umgehen können. Ich denke, wenn wir die Bedingungen vor Ort spüren und ein, zwei Spiele gemacht haben, können wir noch einmal darüber reden, was in Brasilien für uns drin ist. Natürlich ist der Anspruch an uns hoch. Aber ich fände es arrogant und überheblich, jetzt zu sagen: Wir werden Weltmeister. Wir sind überzeugt von unserer Qualität. Die reicht dafür, weit zu kommen. Zumal wir auf jeder Position doppelt und gut besetzt sind. Wir dürfen aber vor allem die Südamerikaner nicht vergessen, die vielleicht einen kleinen Vorteil gegenüber uns Europäern haben.

Viele Spieler hatten in den vergangenen Monaten Probleme, waren verletzt oder hatten keine Form.

2010 haben wir bewiesen, was möglich ist. Da gab es vor der WM schon Panik, nachdem sich Kapitän Michael Ballack verletzt hatte. Wir Deutschen haben bislang immer gezeigt, dass wir uns in einem Turnier steigern können und gut sind, wenn wir eine gute Vorbereitung haben. Da haben wir uns immer den Kick geholt. Das war unser Trumpf. Jeder von uns ist ab jetzt selbst für sich verantwortlich und muss schauen, dass er das Beste gibt. Keiner kann sich ausruhen und denken, das wird schon irgendwie. In Südtirol muss jeder Gas geben. Das will der Bundestrainer auch sehen. Denn in Brasilien braucht er Spieler, die bereit sind, ihren Schweinehund zu überwinden.

Mit 35 sind Sie der alte, erfahrene Leitwolf der Truppe. Sehen Sie es als Ihre Aufgabe, das Team zu führen?

Jeder, der ab jetzt in meiner Nähe ist, wird merken, dass ich alles hinten anstelle, nur für die Herausforderung WM lebe. Ich bin nicht der Typ, der gezielt auf Mitspieler zugeht und das große Gespräch sucht. Klar, wenn mir etwas auffällt im Training, spreche ich das an. Aber ich gehe lieber mit gutem Beispiel voran.

Nach der EM 2012 gab es Spekulationen, wonach die Stimmung zwischen den Spielern des FC Bayern und Dortmund nicht so gut gewesen sei.

Quatsch. Natürlich ist nicht immer alles rosig, wenn man wochenlang zusammen unterwegs ist. Aber das ist normal. Ich denke, in den ersten zwei Tagen wird intern vielleicht über das Erlebte aus der Bundesligasaison mal beim Essen gesprochen. Aber danach zählt die WM.

In der Vergangenheit gab es in der Vorbereitung Vorträge von externen Personen, die über Grenzerfahrungen sprachen. Diesmal verzichtet die sportliche Leitung darauf. Der Fokus soll auf dem Fußball liegen. Finden Sie es gut oder schlecht?

Es kommt immer darauf an, wie du so etwas als Spieler annimmst. Wenn du da mit einer Scheiß-Egal-Mentalität rangehst, ist das für die Katz. Aber für mich hat es Sinn gemacht. Ich fand es interessant, wie Reinhold Messner uns vom Bergsteigen berichtet hat. Ich glaube, dass es das diesmal nicht gibt, weil die Zeit zu knapp ist. Zwei, drei Einheiten pro Tag – das wird unser Programm sein.

Im Teamquartier „Campo Bahia“ werden sechs Spieler in jeweils einem Haus untergebracht sein. Für jeden ein Schlafzimmer, dazu ein Gemeinschaftsraum. Eine neue Erfahrung?

Absolut. Ich bin gespannt, denn ich habe noch nie in einer WG gelebt. Die Idee mit der WG hat jedenfalls was. Ich lasse mich überraschen. Bei so einem Turnier schaue ich mir fast jedes Spiel an. Deshalb muss ich nur schauen, dass ich immer ein Plätzchen dafür finde.

Sie stehen vor Ihrer achten Turnier-Teilnahme. Was hat sich seit der Weltmeisterschaft 2002 verändert?

Der Fußball an sich. Die Qualität der Spieler ist viel besser. Außerdem gibt es mittlerweile viele gute junge Spieler. Und die Technik hat sich verändert. Damals haben wir vom DFB in Japan und Südkorea jeder ein Handy bekommen, um nach Hause telefonieren zu können. Das Internet hat da noch niemanden interessiert. Deshalb wussten wir damals ja auch nicht, was für eine Euphorie in Deutschland war. Heute gehst du auf Reisen und hast ein Handy, Ipad, Musikplayer und was weiß ich noch dabei. Ich glaube, gerade die jungen Spieler können sich gar nicht vorstellen, wie das früher mal war. Wahnsinn.

Nehmen Sie eigentlich Ihre Angel mit? Das Camp der Mannschaft liegt ziemlich nah am Ozean.

Im Amazonas zu angeln hätte mich schon gereizt. Aber am Meer finde ich es nicht so spannend.