1. FC Union Berlin

Der neue Trainer war erst der Anfang

Präsident Zingler baut Union weiter um. Das Stadion soll erneut ausgebaut und die Profis aus dem Verein ausgegliedert werden

Dirk Zingler tritt gut gelaunt in das kleine kroatische Restaurant in Kreuzberg. Dabei hätte der Union-Präsident viele Gründe, nachdenklich zu sein. Die Saison lief nicht wie geplant und zum Ende wurde Rekordtrainer Uwe Neuhaus entlassen. Doch mit dem neuen Coach Norbert Düwel spürt der 49-Jährige rund um den Klub eine neue Aufbruchstimmung.

Berliner Morgenpost:

Herr Zingler, sind Sie mit Blick auf die Saison enttäuscht?

Dirk Zingler:

Wenn man die gesamte Saison sachlich analysiert, haben wir wahrscheinlich genau den Platz erreicht, der unserer Qualität zurzeit entspricht. Deshalb bin ich nicht enttäuscht. Als kurzzeitig die Möglichkeit bestand, ein bisschen mehr daraus zu machen – ja. Aber jetzt nicht mehr.

Nicht mal darüber, dass man sich von Rekordtrainer Uwe Neuhaus getrennt hat?

Das war eine sehr emotionale Phase. Die ist aber in Optimismus umgeschwungen, dass wir mit Norbert Düwel genau das zu erreichen glauben, was wir vorhaben. Nämlich einen kleinen Neustart.

Sie sagten uns zu Saisonbeginn: „Solange es keine Veränderung in seiner Arbeit und Verhaltensweise gegenüber dem Klub gibt, haben wir keinen Grund, uns von Uwe Neuhaus zu trennen.“ Was ist vorgefallen?

Ich stehe zu dieser Aussage. Aber ich wäre ein schlechter Präsident, wenn ich interne Probleme, die wir erkannt haben, öffentlich machen würde.

Demnach ist mehr vorgefallen ...

Da können Sie die Antwort von der Frage vorher gern noch mal hinschreiben.

Wie stehen Sie zu der Meinung, dass sich Union mit dem neuen Trainer Norbert Düwel zunächst von gehobenen Ambitionen verabschiedet?

Das sind die einfachen Thesen einfacher Medien. Es benötigt eine kontinuierliche Arbeit, um auch tatsächlich Erfolg im Sinne von Aufstieg zu haben. Wir wissen, dass man solche Dinge nicht erzwingen kann. Vielleicht brauchen wir auch deshalb diesen Mentalitätswechsel. Und da ist Norbert Düwel genau der Richtige. Er ist ehrgeizig, der Verein ist es auch. Nur wir wollen das langsam entwickeln. Ich habe auch gesagt, dass es auf dem Weg dorthin auch mal wieder einen Schritt zurück gehen kann. Vielleicht machen wir gerade diesen Schritt zurück, weil wir festgestellt haben: Noch ein Jahr weiter wie bisher wäre ein verlorenes Jahr. Deswegen bleibt die Zielrichtung die gleiche, nur wir nehmen einen neuen Anlauf.

Wie überzeugen Sie jetzt neue Spieler, zu Union zu kommen?

Union hat einen ausgezeichneten Ruf. Dazu gehört: Wir sind sehr kontinuierlich und diszipliniert innerhalb der Vereinsführung, haben eine klare Aufgabentrennung, eine tolle Fanszene, sind hochmodern eingestellt mit den technischen Möglichkeiten, die wir geschaffen haben, und haben eine gute Nachwuchsarbeit. Wir müssen eigentlich nur Überzeugungsarbeit leisten, weil wir nicht bereit sind, alle Gehälter zu zahlen. Manchmal müssen wir ein paar weiche Faktoren in die Waagschale werfen.

Für welchen Fußball steht Union künftig?

Ich glaube nicht, dass wir uns da so groß ändern werden. Wir wollen leidenschaftlichen, aggressiven Fußball spielen. Wir wollen schneller werden, diese Entwicklung ist an uns in den vergangenen Jahren vorbei gegangen. Das ist kein Vorwurf an den alten Trainerstab. Wir haben bewusst viele Spieler mitgenommen aus der Oberliga über die Regionalliga in die Zweite Liga. Die werden ja im Alter nicht schneller. Deshalb ist das, was wir heute vollziehen, nur ein logischer Schritt. Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt.

Wer gibt die neue sportliche Leitlinie vor: der neue Trainer oder Sie als Präsident?

Letzten Endes gibt der Trainer die Grundphilosophie vor. Das ist aber auch ein langjähriger Prozess, denn man braucht immer bestimmte Typen für eine bestimmte Art von Fußball. Die Ideen der Vereinsführung und die der sportlichen Leitung müssen natürlich zusammenpassen. Sonst kann man nicht leidenschaftlich arbeiten und hat keinen Erfolg.

Sie sind ehrenamtlich für Union tätig mit einer Fülle von Aufgaben. Gehört zu professionellen Strukturen nicht auch eine hauptamtliche Führung?

Das ist ja nur eine Papiergeschichte. Bei uns heißt es Präsidium, darunter gibt es die Geschäftsführung. In anderen Vereinen, die Kapitalgesellschaften haben, gibt es einen ehrenamtlichen Präsidenten, nur dass der operative Vorstand da ein eigenes Unternehmensorgan ist. Am Ende richtet sich so eine Struktur aber immer nach den Menschen. Wir haben Strukturen, die genau zu den Menschen passen, die hier arbeiten. Wenn irgendwann mal ein Präsidium bei uns tätig ist, das eher eine repräsentative Rolle einnehmen möchte, dann kann es sein, dass noch einmal eine Ebene dazwischen geschoben werden muss. Aber das ist dann leicht gemacht.

Mit RB Leipzig kommt das nächste kapitalträchtige Modell in den Profifußball – wie will Union da mithalten? Wollen Sie auch die Profiabteilung ausgliedern?

Das ist ein Punkt, über den sich die Vereinsführung und ich persönlich sehr viele Gedanken machen. Wir erleben derzeit eine rasante Veränderung. Es kommt immer mehr Kapital in den Fußball, was ja erst einmal nicht schlecht ist. Aber natürlich sind Investoren nur daran interessiert, in Kapitalgesellschaften zu investieren, in denen sie eine Beteiligung erhalten und an den Gewinnen beteiligt sind. Diese Diskussion werden wir zum gegebenen Zeitpunkt auch mit unseren Mitgliedern vollkommen ergebnisoffen führen. Wenn wir einen Vorschlag an die Mitgliederversammlung machen, dann wird der zwar eine andere Struktur beinhalten, aber nicht den Verlust der Mitbestimmung. Partizipation der Mitglieder, der Aktionäre, der Fans ist für uns immer noch das allerhöchste Gut.

Apropos RB Leipzig: Nervt es Sie, dass sie nun doch gegen den Klub spielen müssen?

Nein. Ich finde diese Diskussion ohnehin verlogen. RB Leipzig ist das Produkt der Gesellschaft, in der wir leben. Kapital setzt sich am Ende durch, und Kapital sucht sich Produkte. Und jetzt sind wir alle total empfindlich, weil es sich auch ein Produkt im Fußball gesucht hat. Ich muss das nicht mögen, aber es ist die Realität.

Zumindest begeistert RB in Leipzig Menschen für den Fußball, genauso wie Union das tut. Dennoch bleibt eine große Enttäuschung – Stockholm. Ist der Ruf des Klubs mit den „anderen“ Fans durch diese Ausschreitungen im Testspiel zerstört?

Stockholm ordne ich vollkommen realistisch ein. Das war ein Einzelvorgang, der nicht der unrühmliche Abschluss einer Aneinanderreihung von irgendwelchen Ereignissen war. Dort haben sich Fans dumm und aus dem Affekt heraus verhalten. Das toleriere ich nicht. Wir werden sie hart bestrafen, aber nicht ausstoßen oder deren soziale Bindungen zum Verein kappen. Deshalb werden wir uns auch nach der Bestrafung um sie kümmern und ihnen die Möglichkeit geben, durch Sozialarbeit im Verein oder in Berlin ihre Strafen zu reduzieren. Wer viel leistet zur Wiedergutmachung, bekommt auch wieder eher Zutritt zum Stadion.

Wurden Ihnen nach Stockholm unangenehme Fragen von den Verbänden gestellt?

Nein. Natürlich waren alle erschrocken. Aber vielleicht war Stockholm für uns auch ein Wachrüttler, in Zukunft noch aufmerksamer zu sein. Ich glaube, in ein, zwei Jahren werden wir durch Stockholm ein positives Fazit ziehen. Denn es hat ein Diskussionsprozess eingesetzt, ob man als Fan jeden Mist mitmachen muss, der passiert.

Union will investieren. Das Fanhaus und das Nachwuchsleistungszentrum stehen auf dem Plan. Wie prall gefüllt ist denn das Festgeldkonto, nachdem es jahrelang nur darum ging, Schulden abzubauen?

Wenn ich an die Entwicklung von Union denke, habe ich gar keine Sorgen, weiter zu investieren, wenn wir damit Werte schaffen. Wir haben vor zehn Jahren drei Millionen Euro Umsatz gemacht, heute machen wir als Gruppe, also Verein und Stadion AG 35 Millionen Euro Umsatz. Ich bin der Auffassung, dass wir diese Entwicklung fortsetzen können und müssen. Wenn wir uns am Standort Alte Försterei weiterentwickeln wollen, müssen wir Immobilien um den Standort herum ankaufen und diese weiterentwickeln. Und wir müssen über einen weiteren Ausbau des Stadions nachdenken.

Gedanken an ein größeres Stadion ein Jahr nach der Kompletteröffnung? War damit zu rechnen?

Absolut nicht. Natürlich sind wir alle erfreut über die rasante Entwicklung und vielleicht auch etwas überrascht. Ich persönlich befasse mich gedanklich sehr viel damit, wo Union im Jahr 2025 steht. Wie haben wir uns dann positioniert? Wie ist unsere Infrastruktur? Welche Möglichkeiten haben wir überhaupt? Da lasse ich gerade ein paar Studien anfertigen. Wenn wir versuchen, der Aktualität gedanklich immer ein bisschen voraus zu sein, dann wird sich der Verein auch weiterentwickeln können. Wenn man mal ein, zwei Jahre verpennt, kann man auch mal schnell fünf Jahre zurückfallen.