1. FC Union Berlin

Abschied vom Gestern

Beim 1:1 gegen 1860 wird der scheidende Trainer Neuhaus von den Union-Fans gefeiert. Die Köpenicker beenden die Saison als Neunter

Ein perfekter Regenbogen hinter dem Stadion an der Alten Försterei war der stille Begleiter einer hoch emotionalen Ehrenrunde, die nach dem Spiel gegen 1860 München kaum ein Ende nehmen wollte. Immer wieder forderte die Kulisse den Trainer. Der ließ sich feiern, applaudierte, begann die Welle, neben ihm Patrick Kohlmann, Christian Stuff, Marc Pfertzel und Jan Glinker. Immer wieder deutete Uwe Neuhaus, der scheidende Coach des 1. FC Union, dabei auf den Rest der Mannschaft hinter ihm. Nein, die Ovationen wollte er nicht allein für sich einheimsen. Das letzte Saisonspiel der Köpenicker stand ganz im Zeichen des Abschieds. Mit Gänsehaut pur. Und der einen oder anderen Träne, die vergossen wurde.

Bild und Blumen von Zingler

Es war exakt 15.10 Uhr, als Stadionsprecher Christian Arbeit jenen Mann würdigte, der „aus einem Regionalligisten, der mühsam die Klasse gehalten hatte, einen gestandenen Zweitligisten gemacht hat“. Und prompt unterbrochen wurde durch erste „Uwe, Uwe“-Sprechchöre. Der so Gefeierte nahm dies alles äußerlich regungslos zur Kenntnis. Gekleidet in Jeans und – wie die Mannschaft – einem roten T-Shirt mit den Konterfeis der Verabschiedeten, hatte sich Neuhaus wie zufällig unter die Spieler gemischt, die am Mittelkreis Aufstellung bezogen hatten. Benjamin Köhler zu seiner Linken, Björn Kopplin zu seiner Rechten.

Wenige Augenblicke später war der Moment des offiziellen Abschieds gekommen. Mit einem Lächeln nahm Neuhaus das obligatorische gerahmte Bild und einen Blumenstrauß entgegen, überreicht von Union-Präsident Dirk Zingler und Nico Schäfer, Unions kaufmännisch-organisatorischem Leiter. Umarmungen, dankbares Schulterklopfen, dann präsentierten sie sich der Schar der Fotografen. Ein letztes Bild von jenem Trio, dass Union in den vergangenen Jahren zu einem bundesweit beachteten Profiklub gemacht hat. Die Zuschauer jubelten und applaudierten, als hätte Union doch noch den Sprung in die Bundesliga geschafft und nicht in einer desaströsen Rückrunde verspielt. Momente, wie man sie in der Alten Försterei nur selten erlebt hat.

Es war Klubchef Zingler, der die Szenerie als erster verließ. Nicht wenige im Stadion werden dies als Beleg dafür gewertet haben, dass man sich eben nicht im Guten trennt. Auch die gute Miene, die Neuhaus zum Abschied an den Tag legte, verdeckte nur für einen Moment jene Bitterkeit, mit der Neuhaus seine letzten Tage als Chefcoach an der Alten Försterei über die Runden brachte. Öffentliche Auftritte, etwa bei Pressekonferenzen, blieben seit der Bekanntgabe der Trennung am 26. April aus. Die Enttäuschung, der neuerlichen Chance beraubt zu sein, als Union-Trainer von der Regionalliga bis in die erste Liga vorstoßen zu können, sitzt tief beim Rekordtrainer. Sieben Jahre lang, so lange wie niemand vor ihm, hat Neuhaus die Geschicke an der Seitenlinie geleitet.

Es passte ins Bild, dass ihm in seinem 266. Pflichtspiel für Union der 100. Punktspielsieg versagt blieb. 1:1 (0:1) hieß es gegen München nach den letzten 90 Minuten der Spielzeit 2013/14, die Union mit 44 Punkten auf Rang neun abschließt. Patrick Kohlmann (49.) hatte vor 21.717 Zuschauern den Rückstand durch Grzegorz Wojtkowiak (17.) ausgeglichen.

Ausgerechnet Kohlmann, dem in zuvor sechs Jahren bei Union gerade mal zwei Tore gelungen waren. Der Linksverteidiger wurde vor der Partie ebenso verabschiedet wie Pfertzel, Glinker und Stuff. „Es war ein Riesenerlebnis, hier noch einmal spielen zu dürfen“, sagte Glinker, der den Klub nach 13 Jahren verlässt: „Ein Sieg wäre schön gewesen, aber ein Unentschieden ist auch okay.“ Stuff sprach von einem „schönen Tag, auch weil ich mich nicht mit einer Niederlage zu verabschieden brauchte“.

Autogramme und Rostbratwürste

Schon vor der Partie wurde deutlich, dass vor allem mit Glinker und Stuff zwei Klub-Ikonen Union verlassen. Beim Warmmachen wurde jeder Schritt, den Stuff machte, von einem lauten „Hey, Hey“ untermalt. Und jedes Mal, wenn sich der lange Innenverteidiger vor der Gegentribüne befand, brandete Applaus auf. Bei der Verabschiedung skandierten die Fans „Stuffi, Stuffi“. Nach der Partie bekam er von einem Fan einen aus Holz gefertigten Gartenzwerg überreicht mit der Aufschrift „The Greatest Stuff“ – der größte Stuff.

In der traditionellen Autogrammstunde zum Saisonabschluss hatten die Fans schließlich noch einmal die Möglichkeit, sich von ihren „Fußballgöttern“ praktisch persönlich zu verabschieden. Gleich zu Beginn der Reihe wartete Uwe Neuhaus darauf, ein letztes Mal seinen Namenszug auf Union-Trikots, Postern, Plakaten und sonstigen Fandevotionalien zu verewigen. Der 54-Jährige genoss dabei sichtlich die Atmosphäre, die den Köpenicker Klub ausmacht.

Als ein großer Korb mit Rostbratwürsten gereicht wurde, griff der Coach beherzt zu. Der regnerische Himmel über der Alten Försterei war da längst dem prallen Sonnenschein gewichen.