Motorsport

Der Himmel voller Sterne

Mercedes beherrscht die Formel 1 und feiert in Barcelona den vierten Doppelsieg in Folge

In der Stunde des Triumphs auf dem Circuit de Catalunya kam Lewis Hamilton die Erinnerung an ein wegweisendes Treffen vor etwa zwei Jahren in den Sinn. Ross Brawn, damals Teamchef von Mercedes in der Formel 1, suchte den Piloten auf, „wir setzten uns bei meiner Mutter zu Hause an den Küchentisch“. Brawn war gekommen, um den Weltmeister von 2008 von McLaren zu Mercedes zu lotsen. Damals habe er nach dem Gespräch ein hervorragendes Gefühl gehabt, beteuerte Hamilton am Sonntag – „aber dass wir im Rennen einmal 30, 40 Sekunden Abstand zu Red Bull würden herausfahren können, das hätte ich nicht gedacht“.

Seinen Wechsel zu Mercedes 2013, so viel ist längst klar, muss Hamilton alles andere als bereuen. Denn inzwischen ist es tatsächlich sogar so, dass die Silberpfeile die Konkurrenz scheinbar nach Belieben beherrschen. Der Große Preis von Spanien in Barcelona endete mit dem vierten Doppelsieg in Folge, Nico Rosberg fuhr als Zweitplatzierter hinter dem nunmehr viermaligen Saisonsieger Hamilton mit 0,6 Sekunden Rückstand auf Rang zwei. Rund 48 Sekunden dahinter folgte auf Rang drei der erste Red Bull – jedoch nicht mit Sebastian Vettel darin, sondern mit Daniel Ricciardo.

Rosberg hadert mit Rang zwei

Weltmeister Vettel hatte sich 66 Runden lang im Feld nach vorn gekämpft, er kam auf Rang vier, nachdem er wegen Elektronikproblemen und eines Getriebewechsels nach dem Qualifying am Sonnabend um fünf Startplätze auf Platz 15 zurückgestuft worden war. Es war die Fortsetzung gewesen einer Verkettung von Pech und diversen Problemen mit dem RB10 über die vergangenen Wochen. „Wir haben uns nicht gewünscht, dass es so weitergeht, und wir sind, was das angeht, noch nicht über den Berg“, sagte Vettel nach dem Rennen. „Hoffen wir, dass das Training demnächst besser läuft – und dass wir nicht erst am Sonntag nach dem Rennen wissen, wo wir stehen.“ Da konnte er immerhin schon wieder ein wenig lächeln.

Der Weg, um den Rückstand zum aktuellen Branchenprimus Mercedes aufzuholen, ist noch ein weiter. Das verdeutlicht auch ein Blick auf den WM-Stand in der Fahrerwertung. Nach fünf von 19 Saisonrennen belegt Vettel Rang vier, 55 Punkte hinter dem Führenden Hamilton und 52 Punkte hinter Landsmann Rosberg. Der haderte Sonntagnachmittag ein wenig mit dem Rennausgang, nicht nur deshalb, weil er die WM-Führung an seinen Teamkollegen abgeben musste.

Wie viele Runden er noch benötigt hätte, um den von der Poleposition gestarteten Hamilton zu überholen? „Eine mehr vielleicht noch“, meinte Rosberg, „dann hätte ich das Auto noch einmal richtig fliegen lassen können. Leider war das Rennen dann aber zu Ende.“ In Monte Carlo in zwei Wochen, wo er 2013 gewann, will er einen neuen Anlauf nehmen: „Dort versuche ich, noch mal einen Platz herauszuholen“, grinste Rosberg.

Es ist abermals ein Duell auf höchstem Niveau gewesen, das sich die Silberpfeile in Barcelona bei trockenem, eher kühlem Wetter lieferten. Nicht ganz so herausragend, nicht ganz so brachial wie Anfang April in Bahrain, wo sich Rosberg und Hamilton Runde für Runde beharkt hatten. Aber dennoch spannend bis zum Schluss. „Nico war schneller, ich hatte Probleme mit der Balance“, berichtete Hamilton anschließend, „ich musste an meinem Setup ständig etwas ändern.“ Bei wem er sich am Ende zu bedanken hatte, war offensichtlich: „Danke an mein Team, das leistet in diesem Jahr unglaubliche Arbeit“, rief er auf dem Siegerpodest stehend.

Vettel mit schnellster Runde

Wer überhaupt noch eine Bestätigung dafür benötigte, in welch weit entfernter, eigener Welt Mercedes in dieser Formel-1-Saison bislang fährt, der musste sich bloß die Schlussphase des Grand Prix ansehen: Da überrundeten die Silberpfeile flugs Ferrari, das am Ende mit Platz sechs (Fernando Alonso) und sieben (Kimi Räikkönen) noch gut bedient war.

„Die waren ganz schön weit vorne“, staunte auch der Drittplatzierte Ricciardo (24) über Mercedes. Der Australier zog aber keineswegs ein negatives Fazit für Red Bull: „Wir hatten mit dem dritten Platz gerechnet. Am Ende kam es dann auch so. Ich freue mich, auf dem Podium zu sein. Ich hoffe, das bleibt so.“ Vettel – der aus verkorkster Ausgangslage heraus ein bravouröses Rennen fuhr – wird das naturgemäß anders sehen. Obwohl er bei seiner Aufholjagd kurz vor Schluss sogar noch die schnellste Rennrunde aller Fahrer hinlegte.

Warum Vettels junger, neuer Teamkollege im Gegensatz zu Vorgänger Mark Webber in dieser durch die Reglementsreformen völlig veränderten Saison regelmäßig vor ihm landet und warum er nachweislich besser zurecht kommt mit dem RB10? Red-Bull-Teamchef Christian Horner meint: „Daniel reagiert vielleicht ein wenig empfindlicher darauf, wie sich das Auto verhält. Sebastian hat noch nicht so das Gefühl fürs Auto. Doch wenn er das im Griff hat, macht er einen Schritt nach vorn.“

Auch wenn die Ausgangslage für den Grand Prix in 14 Tagen auf dem Stadtkurs in Monte Carlo komplizierter ist als auf dem selektiven, klassischen Rennkurs mit viel Vollgasanteil in Barcelona, lässt das Wochenende doch ein Resümee zu: Mercedes ist mehr denn je Favorit auf die WM-Titel. Wie sagte Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche Sonntag? „Wir werden nicht übermütig – aber wir genießen das.“