Nationalmannschaft

Schland ohne Stürmer

Löws WM-Kader überrascht mit sechs Neulingen. Neben Klose ist nur ein zweiter Angreifer dabei: Hoffenheims Volland

Es sind die kleinen Gemeinheiten der Technik, die uns im digitalen Zeitalter schmunzeln lassen. Wem hat nicht die Autokorrektur seines Handys schon einen Streich gespielt? Oder er versehentlich eine SMS an die falsche Nummer geschickt? Selbst der größte nationale Sportfachverband ist nicht sicher davor. Bei der Bekanntgabe des Kaders für die Weltmeisterschaft in Brasilien (12. Juni bis 13. Juli), einem wahrlich viel beachteten Medientermin, schlich sich beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) der digitale Fehlerteufel ein.

Fein säuberlich hatten Grafiker 30 Namen aufgelistet, aus denen Bundestrainer Joachim Löw bis zum 2. Juni seinen endgültigen 23-Mann-Kader für die WM-Endrunde destillieren will. Nur das Rechtschreibprogramm spielte nicht ganz mit. Es unterstrich die Namen rot, die es nicht kannte – und so flimmerte in die Welt hinaus, was eine gewisse Symbolik hatte. Denn wer kein Fußballexperte war, hatte schon so seine Probleme mit den Namen, die da auftauchten.

André Hahn, Shkodran Mustafi, Kevin Volland, Erik Durm, Max Meyer, Leon Goretzka: Sie alle eint, dass sie noch kein Länderspiel haben – und trotzdem auf Löws Liste stehen. Das heißt zwar nicht automatisch, dass sie auch in Brasilien dabei sein werden. Aber allein ihr Auftauchen im 30er-Kader (Altersschnitt 24,8 Jahre) ist eine Sensation. International Namenlose sind es, die am Mittwochabend wohl selbst aus allen Wolken fielen, als sie den Anruf vom DFB-Trainerstab bekamen.

Gomez raus, aber Khedira dabei

Nach dem Länderspiel am kommenden Dienstag gegen Polen wird Löw die Mannschaftsstärke erstmals reduzieren, auf „26 oder 27 Spieler“, wie er sagt. Bis zum 2. Juni muss er dann jene 23 Mann dem Weltverband Fifa übermitteln, die die deutschen Farben in Brasilien hochhalten sollen. Dass sich die meisten der Streichkandidaten aus dem Pool der Unerfahrenen rekrutieren werden, würde dann niemanden überraschen. Allerdings haben Spieler wie der Dortmunder Linksverteidiger Durm oder Hoffenheim-Stürmer Volland gute Chancen, auch in Brasilien dabei zu sein.

Dieser Traum ist für andere bereits beendet. Für René Adler zum Beispiel, einst sichere Nummer zwei des Landes und nach einer katastrophalen Saison mit dem Hamburger SV plötzlich draußen. Das Gleiche gilt für den zum FC Barcelona wechselnden Marc-André ter Stegen aus Mönchengladbach, der im Nationaltrikot offenbar einmal zu viel gepatzt hat. Stattdessen hat Löw Hannovers Ron-Robert Zieler als dritten Schlussmann nominiert, ein ruhiger Vertreter seiner Zunft. „Wir haben die Entscheidungen aus absoluter Überzeugung getroffen. Hinter jedem dieser Namen steht ein klares Ja“, sagte Löw.

Das gilt auch für andere Härtefälle. Mario Gomez („Die hässlichste Saison meiner Karriere endet mit einem weiteren Rückschlag“) ist zum Beispiel nicht dabei, zu unsicher ist es, ob er nach seinen zahlreichen Verletzungen in Florenz wieder fit wird. Anders sah der Bundestrainer die Personalie Miroslav Klose. Der 35-Jährige von Lazio Rom musste zwar ebenfalls oft pausieren wegen diverser Blessuren, fährt aber mit. „Miro ist Deutschlands Rekordtorjäger, bei der WM kann er zum erfolgreichsten WM-Stürmer der Fußballgeschichte werden. Er hat im Laufe seiner Karriere immer wieder gezeigt, dass er in der Lage ist, sich in kurzer Zeit und auf den Punkt vorzubereiten. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ihm das auch diesmal gelingen wird“, sagte Löw.

Auch Sami Khedira bekommt vom Bundestrainer („Keine Regel ohne Ausnahme“) einen Vertrauensvorschuss. Der defensive Mittelfeldmann von Real Madrid riss sich im November 2013 das Kreuzband und kämpft seitdem für sein Comeback. „Er ist mit seiner Persönlichkeit und Erfahrung unverzichtbar für die Mannschaft. Er ist zwar noch nicht am Leistungslimit, aber wir werden es schaffen, ihn dort hinzubringen“, sagte Löw. Khedira trainiere schon längere Zeit „mit dem Ball und mit der Mannschaft. Wir haben gewisse Signale, dass Sami im Endspurt der spanischen Meisterschaft zum Einsatz kommen könnte“, meinte Löw. Und vielleicht sogar im Finale der Champions League (24. Mai).

Ohne Frage: Sein Kader ist ein Experiment. Löw verzichtete auf altgediente Spieler wie Heiko Westermann, Adler oder Sven Bender, auch auf Gladbachs Stürmer Max Kruse (zweitbester deutscher Scorer der Bundesliga), und geht dafür den riskanten Weg. Wobei der Trainer natürlich weiß, dass er sich auf einen Stamm von 16, 17 etablierten Nationalspielern verlassen kann. Doch er schaut auch schon über diese WM-Endrunde hinaus. Spielern wie Meyer, 18, Goretzka, 19, Ginter, 20, und Durm, 21, wird die Nominierung einen Schub geben, selbst wenn Löw sie noch aus dem Kader streichen sollte. Zugleich ist es ein Signal an das Establishment: Wer sich in der Vorbereitung hängen lässt, ist raus.

„Mit Blick auf Verletzungen und Ausfälle liefen die vergangenen Wochen und Monate für die Nationalmannschaft nicht optimal. Doch wir werden die Herausforderungen meistern, wir werden Lösungen finden und genügend Alternativen haben“, sagte Löw. Bei der Zusammensetzung des Kaders sei es ihm „um die richtige Mischung aus Erfahrung auf der einen sowie Unbekümmertheit und Frische auf der anderen Seite” gegangen.

Und wenn nun über Spieler wie Volland und Durm diskutiert wird, dann sind das letztlich Diskussionen über Ersatzspieler. „Das Gerüst der Mannschaft ist bereits seit vielen Jahren zusammen. Wir haben eine klare Spielidee und uns mit dieser souverän für die WM qualifiziert. Viele unserer Spieler wissen, worauf es bei einem großen Turnier ankommt“, erklärte Löw. Er ist sich sicher, dass „wir von davon profitieren werden, dass ein Großteil des Kaders international schon viel erlebt hat“.

Ex-Nationalspieler Stefan Effenberg erkennt in Löws Kader das „System Guardiola“. „Man sieht an den Nominierungen der Spieler ganz klar, dass man darauf abzielt, wie Barcelona oder wie Guardiola mit Bayern München zu spielen“, sagte der Sky-Experte: „Also nicht unbedingt mit Stoßstürmern, sondern mit vielen flinken Offensiven, die über Ballsicherheit zum Erfolg kommen.“

Dennoch überrascht die Personalie Volland besonders. Zehn Tore und neun Vorlagen hat er in Hoffenheim geschafft. Und er weiß selbst, dass vor allem seine Flexibilität ein gewichtiges Argument für seine erste Nominierung gewesen sein dürfte. „Ich bin technisch nicht so schlecht, dass ich nicht auch mal an einem Gegner vorbeidribbeln kann. Aber ich kann eben auch mal einen aus den Schuhen hauen“, sagt Volland über sich.

„Man hat gesehen, dass er einen großen Schritt nach vorne gemacht hat“, lobte Löw. Dennoch ist der Fall Volland keiner wie einst der von David Odonkor, den die DFB-Oberen bei der Heim-WM 2006 aus dem Hut zauberten. Vollands Nominierung ist die logische Konsequenz einer äußerst geradlinig verlaufenden Karriere. Der Sohn eines ehemaligen Eishockey-Nationalspielers aus Memmingen durchlief die Nachwuchsmannschaften des DFB, gab mit 18 sein Debüt für 1860 München in der Zweiten Liga. Seit 2012 nun ist der Kapitän der U21-Auswahl in Hoffenheim, sein Vertrag läuft bis 2017. Nur Volland selbst hatte offenbar nicht mit einem WM-Ticket gerechnet und schon einen Sommerurlaub in der Dominikanischen Republik gebucht. Die Alternative Brasilien findet er nun „auf jeden Fall besser“.