Motorsport

Der Tag, der die Formel 1 veränderte

Vor 20 Jahren starb Ayrton Senna beim Rennen in Imola. Der Tod des beliebten Brasilianers machte den Motorsport sicherer

Lähmendes Entsetzen. Zwei Worte, die die Stimmung im Media-Center von Imola am 1. Mai 1994 auf den Punkt bringen. Ein englischer Kollege benötigte sogar nur eines. „Shit“, entfuhr es ihm, ehe er, wie rund andere 400 Journalisten, damit anfing, immer und immer wieder auf einen der kleinen TV-Bildschirme zu starren, die in dem halbdunklen Raum verteilt waren. Ein Autowrack, hektisch umherlaufende Helfer, mehr war nicht zu sehen, minutenlang. „Bitte, lieber Gott, lass ihn aussteigen“, wird es einigen durch den Kopf gegangen sein. Der, der aussteigen sollte, war Ayrton Senna, unumstritten bester Formel-1-Pilot seiner Zeit. Um 14.17 Uhr hatte der erst 34 Jahre alte Brasilianer die Gewalt über seinen Williams FW16 verloren. Offensichtlich unlenkbar schoss der weiß-blaue Wagen geradeaus – und zerschellte an der lang gestreckten Mauer in der Tamburello-Kurve. Es sah aus wie bei Krieg der Sterne.

Ein Horror-Wochenende

Einige Zeit später blieb es dem Österreicher Gerhard Berger vorbehalten, die Befindlichkeiten der Formel-1-Welt mit dem pathetischen, aber damals zutreffenden Satz so zu beschreiben: „In diesem Moment ist die Sonne erloschen“. Ayrton Senna war tödlich verunglückt. Als er die Kontrolle verlor, war er mit Tempo 321 km/h unterwegs. Der Aufprall erfolgte bei 214 km/h. Kurz nach 18 Uhr bestätigte Maria Teresa Sandri, die Chefärztin der Maggiore-Klinik in Bologna, seinen Tod gegenüber dem italienischen Fernsehsender RAI.

Sennas Tod war nur der Tiefpunkt eines Horror-Wochenendes. Sein Landsmann Rubens Barrichello hatte im ersten Zeittraining am Freitag einen spektakulären Flug mit seinem Jordan-Hart in einen Fangzaun wie durch ein Wunder glimpflich (Nasenbeinbruch, Armverletzung) überstanden. Am Sonnabend verunglückte Roland Ratzenberger bei seinem erst dritten Grand Prix im Abschlusstraining tödlich. Wegen eines gebrochenen Flügels an seinem Simtek-Ford raste der 33 Jahre alte Österreicher mit 314 km/h vor der Tosa-Kurve frontal in die Betonbegrenzung. Senna wollte Ratzenberger in der Maggiore-Klinik besuchen, es wurde ihm aber nicht gestattet. 24 Stunden später kam er wieder...

Ayrton Senna da Silva, geboren am 21. März 1960 als zweites von drei Geschwistern reicher Eltern in der brasilianischen 20-Millionen-Metropole Sao Paulo, war als Kind hyperaktiv, introvertiert, hasste Sport (weil es immer ums Gewinnen ging) und war schon damals in Autos vernarrt. Aus der Hyperaktivität wurde totale Konzentration, besser noch Hingabe, aufs Rennfahren. Aus der Introvertiertheit entwickelte sich die Fähigkeit, sich in Gedanken aus der Umwelt ausblenden zu können. Aus der Abneigung gegen den Wettbewerb wurde die Besessenheit zu gewinnen. Und doch sind es zwei andere Eigenschaften, die das Erbe des Brasilianers bilden. Unverbrüchliches Gottvertrauen und der Drang zu helfen. „Gott hat mir die Chance gegeben, Formel 1 zu fahren“, sagte er einmal, noch ziemlich am Anfang seiner Karriere. „Als ich siegte, war Gott mir nahe“, sagte er nach einem Triumph in Monaco. Das reizte zu Widerspruch. Nicht wenigen im Formel-1-Zirkus grenzte sein Verständnis von Religiosität an Besessenheit. Sie irren. Auf Sennas Grabstein (einer kupferfarbenen Metallplatte) im Sao-Paulo-Bezirk Morumbi steht: Nichts kann mich trennen von der Liebe Gottes. So etwas ist ernst gemeint.

Angenehmer Medienprofi

Hockenheim, 22. Juli 1988: Ayrton Senna steht in der McLaren-Box und putzt mit Hingabe das Visier seine gelben Helmes. Zu dieser Zeit gab es noch keine Formel-1-Paranoia, mit elektronisch kodierten Pässen, Zäunen, Drehkreuzen, Heerscharen von Security-Bullen. Ein Paddock-Pass war auf schlichter Pappe gedruckt, schön bunt, mal rund, mal eckig, mal wie eine Raute geformt. Ein Reporter-Eldorado. Einem fragenden Blick ins Boxeninnere folgte ein kurzes Nicken des Brasilianers und ein überraschend lange währendes Gespräch. Natürlich über die Formel 1. In den folgenden Jahren ging es, wenn auch nicht oft, auch darüber hinaus. Senna redete gern mit Zeitgenossen, die Fragen stellten, aber auch zuhören wollten. Und er war ein Medienprofi der angenehmen Art. Er nahm jeden Gesprächspartner ernst.

„Es kann nicht sein, dass ich in einem Land lebe, wo Menschen nicht genug zu essen haben. Ich setze mich deswegen dafür ein, dass ihnen geholfen wird“, lautete sein Credo. Den Worten folgte die Tat. 1993 bestückte er die von ihm und seiner älteren Schwester Viviane gegründete Kinder-Hilfsorganisation Senninha mit einem Grundkapital von fünf Millionen Dollar.

Mit seinem Tod hat der Ausnahmefahrer Senna auch seinen Nachfolgern geholfen. Imola brachte einen Wandel. Die Testverfahren für die Cockpits wurden aufwendiger und die Sicherheitsanforderungen erhöht. Alle Strecken wurden untersucht, ja nach Bedarf durch Umbauten entschärft. Neue Rennstrecken sicherer geplant. Verbundstoffe wie Karbon hielten Einzug in die Formel 1. Ein Crashtest vor Saisonbeginn unter härtesten Bedingungen ist obligatorisch. Streckenposten bekamen bessere Schulungen, besseres Hilfsmaterial. Aus Ambulanzstationen wurden Streckenhospitäler mit einer Ausstattung für Notoperationen. Vieles wurde kritisiert nach dem Unfall. Kürzlich hat der damalige Williams-Konstrukteur Adrian Newey, seit einigen Jahren bei Red Bull für das Auto von Sebastian Vettel verantwortlich zugegeben, er habe sich bei Sennas Wagen „verrechnet“. Ob letztlich die gebrochene Lenksäule entscheidend für das Desaster war, wird wohl nie abschließend geklärt. Fest steht aber: Nach Senna ist kein Formel-1-Fahrer mehr in einem Rennen tödlich verunglückt.

Imola endete mit einem Sieg von Michael Schumacher im Benetton, am Endes des Jahres erster deutscher Weltmeister. Bezeichnend für die Zeit damals die Rechtfertigung von Sennas bestem Freund im Fahrerlager: Gerhard Berger. Der Neustart sei für ihn kein Problem gewesen, schließlich habe man gehört, dass Senna aus dem Auto raus sei: „Unter Fahrern bedeutete diese Nachricht: Er ist okay. Ich habe mir keine Sorgen gemacht.“ Senna hätte das verstanden.