Boxen

„Ich hoffe, dass es in der Ukraine keinen Krieg gibt“

Vitali Klitschko genießt für einen Tag die Ablenkung

Den einzigen Schockmoment des entspanntesten Abends seit vielen Wochen musste Vitali Klitschko vor dem Kampf überstehen. Als seine Frau Natalie für seinen Bruder Wladimir die ukrainische Nationalhymne singen wollte, streikte das Mikrofon. Erst im dritten Anlauf tönte ihre durchaus hörenswerte Stimme durch die Arena. „Natalie war so aufgeregt, und als dann die Panne kam, bin ich fast in Ohnmacht gefallen“, sagte der 42-Jährige, „zum Glück hat es dann doch noch geklappt. Sie hat das toll gemacht.“

Auch für seinen Bruder hatte der Ex-Weltmeister, der seit Monaten als Chef der Partei Udar in der Ukraine um Reformen kämpft und im Westen als eine der prominentesten Figuren der Demokratiebewegung wahrgenommen wird, nur Lob übrig: „Wladimir war unglaublich dominant, ich habe gespürt, wie sehr er diesen K.-o.-Sieg wollte. Er ist zu einem so selbstsicheren und beherrschenden Champion geworden, dass ich glaube, dass er noch zehn Jahre so weitermachen kann, wenn er gesund bleibt.“

Erst am Sonnabendmorgen war Vitali Klitschko aus Kiew nach Oberhausen gereist, am Sonntagmorgen flog er zurück in die Ukraine. Er genoss die Ablenkung sehr. „Ich war mit dem Kopf nur hier, bei Wladimirs Kampf. Ich konnte sehr gut abschalten, habe sogar zum ersten Mal seit vielen Wochen wieder einen Mittagsschlaf gehalten“, sagte er. Tatsächlich wirkte der ältere Klitschko sehr gelöst, eine gute Stunde nahm er sich Zeit, um die Fragen der Reporter zu beantworten. Er bemühte sich, nicht allzu viel Politisches zu thematisieren.

Dass die Eskalation der vergangenen Wochen ihn ausgezehrt hat, war trotz aller Lockerheit nicht zu übersehen. Zwar trainiert er weiterhin regelmäßig, nicht für ein Comeback, sondern um fit zu bleiben, aber die Strapazen haben ihn gezeichnet. „Es gibt unheimlich viel zu tun“, sagte er, „ich hätte mir vor meinem Einstieg in die Politik niemals vorstellen können, dass es so schlimm kommen könnte. Jetzt hoffe ich, dass es keinen Krieg gibt.“ Am 25. Mai wird in der Ukraine ein neuer Präsident gewählt, Klitschko hatte auf eine Kandidatur verzichtet und sich stattdessen auf die Seite des Großindustriellen Petro Poroschenko geschlagen, dem größere Siegchancen eingeräumt werden. Er selbst will einen erneuten Anlauf nehmen, um Bürgermeister seiner Heimatstadt Kiew zu werden. Auch dieser wird am 25. Mai gewählt, in den Umfragen liegt Klitschko mit rund 52 Prozent mehr als 40 Prozent vor seinem ärgsten Rivalen.