Boxen

Schwergewichte ohne Konkurrenz

Wie Vitali und Wladimir Klitschko seit Jahren die Königsklasse des Profiboxens beherrschen

Alle lieben die Klitschkos – außer Wladimir Putin. Das ist provokant, aber so zumindest lässt sich die Absicht der russischen TV-Anstalten interpretieren, keine bewegten Bilder der am Sonnabend in Oberhausen (ab 22.10 Uhr Vorberichte bei RTL) anstehenden Titelverteidigung von Schwergewichts-Boxweltmeister Wladimir Klitschko gegen den auf Samoa geborenen Alex Leapai zu offerieren. Vitali, 42, und Wladimir, 38, sind für den sonst so sportbegeisterten russischen Staatspräsidenten jeweils persona non grata. Dabei möchte Putin seinen Landsleuten nicht etwa eine Fortsetzung der zuletzt boxerisch wenig attraktiven Ringdarbietung der Klitschko-Brüder ersparen, ihn stört deren (vor allem Vitalis) politisches Engagement für die Ukraine. Ob sich für Russlands Boxfans aus dem schwarz bleibenden Bildschirm ein Verlust ergibt, muss sich zeigen.

Ein bis aufs i-Tüpfelchen trainierter Modellathlet trifft auf einen bemühten, kräftigen LKW-Fahrer mit Wohnsitz in Australien. Der Modellathlet ist 1,98 Meter groß, der Truckie 1,83. Die Reihe der Vorteile für Wladimir Klitschko ließe sich fortsetzen.

Spätestens jetzt muss aber eine Lanze für die Klitschkos gebrochen werden. Beide sind nicht schuld an den Verhältnissen in der Königsklasse des Profiboxens. Es gibt, inklusive des als „Weltmeister im Ruhestand" geführten Vitali, momentan vielleicht ein Dutzend Schwergewichtler, die hohen Anforderungen genügen. Die Klitschkos haben als Klassenbeste die Szene ihrem Willen und ihren Bedürfnissen untergeordnet. Unbequemen Konkurrenten gehen sie aus dem Weg. Auch das darf man getrost als Plus für sie verbuchen. Denn sie können ihr Geschäft nur mit Billigung der vier großen Welt-Boxverbände (WBA, WBC, WBO, IBF) und der vielen Boxmanager praktizieren. Die haben sie. Sollte Vitali Klitschko ein Comeback geben, würde er sofort gegen den amtierenden WBC-Weltmeister boxen. Aus Manager-Sicht gilt häufig: Wenn mein Boxer gegen einen Klitschko verliert, ist er verbrannt. Irgendwann ist die Ära der Brüder beendet – also lieber abwarten.

Festmachen kann man das an der Tatsache, dass nun die Nummer 27 der unabhängigen Weltrangliste, Alex Leapai, um einen WM-Gürtel kämpfen darf. Das ist wie eine Teilnahme des SC Paderborn an der Champions League. Der 34-jährige Leapai hatte am 23. November 2013 in Bamberg den Russen Dennis Boytsov nach Punkten besiegt. Es ging dabei um den grandiosen Titel eines „WBO Asia Pazific Champion“. Das Duell war als WM-Ausscheidungskampf angesetzt. Leapai ist urplötzlich aus der Ranglisten-Versenkung aufgetaucht. Für ihn ist das Duell mit Klitschko die größte Chance seines Lebens. Um diese zu vereiteln, wird Wladimir Klitschko am Sonnabend wohl wie zuletzt gewohnt agieren. Den Herausforderer anrennen lassen, kurz durch einen Treffer mit der zielsicheren linken Führhand aus dem Konzept bringen und dann, seine enormen Größenvorteile ausnutzend, Leapai niederdrücken. Ein wenig ansehnliches, aber höchst effektives Erfolgsrezept.

13 Millionen Euro als Börse

Ein Klitschko muss seit Jahren nur in seltenen Fällen durchgehend boxen, um zu gewinnen Doch: Dominanz dergestalt auszuüben erfordert Fleiß, perfekte Vorbereitung, körperliche Stärke und Konzentration. Eben Klitschko-Eigenschaften. Putin-Liebling Alexander Povetkin, Wladimir Klitschkos bis dato letzter Widerpart, könnte das bestätigen. Der Russe musste sich am 5. Oktober 2013 im wahrsten Sinne des Wortes beugen. Rund 23 Millionen Euro investierte der russische Oligarch Andrey Ryabinsky, um das Duell in die russische Hauptstadt zu holen. Wladimir Putin wollte am Ring sitzen, entschied sich anders. Ahnte er das Debakel? Klitschko deklassierte Povetkin, kassierte fast 13 Millionen Euro Börse. Eine bessere Bestätigung der Gefahren-Vermeidungsstrategie im Ring konnte es nicht geben. Leapai wird nicht in der Lage sein, den Titelverteidiger zu einer anderen Gangart zu zwingen.

„Ich will noch zehn Jahre lang weiterboxen“, hat Wladimir Klitschko angekündigt. Nicht nur die Fans in Oberhausen, die die 14.000-Plätze-Halle bei Preisen zwischen 69 und 999 Euro füllen werden, hören eine solche Ansage gern. Im Schnitt um die zehn Millionen TV-Boxbegeisterte ebenso. Denn die Klitschkos, vorerst Wladimir, sind mehr als Boxer. Sie sind eloquent (in mehreren Sprachen), gut aussehend, ihre Ringauftritte werden von einer stets aufwendigen Show umrahmt. Beide stehen auch für soziales Engagement. Vitalis politische Aktivitäten werden als „ehrlich gemeint“ bewertet. Der kleine Klitschko, vor seiner Trainingsphase mit Blick auf den Leapai-Kampf ebenfalls im wärmenden Parka auf dem Kiewer Majdan zu sehen, sagt: „Ich bin mit dem Körper beim Boxen, mit dem Herzen bei meinen Landsleuten.“ So wohl gesetzte Worte machen sympathisch.

Nicht bei Kubrat Pulew. Der für den Sauerland-Stall boxende Wahl-Berliner sagt: „Wladimir ist mir aus dem Weg gegangen. Boxt er gegen mich, werde ich ihn zwingen, seine wirklichen Karten auf den Tisch zu packen.“ Pulew, 32, gehört zu jenen, denen man einen aussichtsreicheren Versuch zubilligen muss, als ihn Leapai bewerkstelligen wird. Dessen Chance liegt nur in einem glücklichen K.o.-Schlag– immerhin, dem ganz speziellen Reiz des Schwergewichts. Kommt Pulev zum Zuge? Bleibt man im Klitschko-Lager bei der erfolgreichen Strategie, gibt es einen passenderen Gegner als den ehemaligen Europameister. Evander Holyfield, nunmehr 51 Jahre alte US-Legende, hat (mal wieder) Interesse angemeldet.