Frauenfußball

Turbine im Dauerbetrieb

In den letzten Jahren haben viele Spielerinnen Potsdam verlassen, nur Jennifer Zietz blieb immer da

Es hat sich längst herumgesprochen, dass die tägliche Arbeit bei Turbine Potsdam kein Spaß ist. Nicht ganz zufällig liegt das Alter der Spielerinnen, die der Fußballklub beschäftigt, um die 20 Jahre. Da sind die Sportlerkörper am belastbarsten, das passt am besten zur Trainingsphilosophie der Brandenburger. Nur eine Feldspielerin fällt aus diesem Raster. Jennifer Zietz ist 30. Sie sagt: „Für die Verhältnisse bei Turbine bin ich schon alt, es gab kaum eine Spielerin hier, die älter war.“ Aber wie hat sie es so lange ausgehalten?

Zunächst einmal hat sie die richtige Einstellung, doch das allein reicht natürlich nicht. „Ich habe immer auf meinen Körper gehört“, sagt die Abwehrspielerin. Viel Ruhe neben dem Sport, sehr bewusst leben, sonst ginge das alles gar nicht. Damit hat sie es weit gebracht, am Sonnabend empfängt Turbine im Halbfinal-Hinspiel der Champions League den VfL Wolfsburg (14 Uhr, Karl-Liebknecht-Stadion). Geht alles gut, winkt der Sportmanagement-Studentin wieder ein internationales Finale.

Vier hat sie mit Turbine schon erlebt, zwei gewonnen. Sechsmal wurde sie Deutsche Meisterin, dreimal DFB-Pokalsiegerin. Zietz war als einzige Spielerin bei allen großen Erfolgen des Klubs dabei, sie ist die Konstante auf dem Feld – und das schon seit gut 15 Jahren. „Das entspricht meinem Charakter, man kann sich auf mich verlassen“, sagt die dienstälteste Potsdamerin. Inzwischen ist es allerdings nicht mehr so leicht, tatsächlich auf dem Platz stehen zu können. Die Konkurrenz ist stark im Team. Trotzdem: „Das Spiel hier kenne ich von klein auf an, da kann ich den jungen Spielerinnen immer noch einiges vormachen im Training.“ Nicht nur ihre Erfahrung kann sie einbringen, auch mit ihrer Athletik hilft sie der Mannschaft weiter.

In der Bundesliga ist Turbine Tabellenführer, Titelverteidiger Wolfsburg liegt vier Zähler zurück. Ihr Team, in dem mehr als die Hälfte der Damen erst in den vergangenen beiden Spielzeiten nach Potsdam kam, entwickelt sich. „Wir haben eine unheimliche Spielfreude innerhalb der Mannschaft“, erzählt Zietz. Ein kleines bisschen erinnert sie das an früher, an Turbine vor zehn Jahren. „Zu der Zeit mit Petra Wimbersky, Conny Pohlers und Anja Mittag konnte man uns nachts wecken, und wir haben einfach gespielt, weil wir so viel Spaß hatten. Wir haben Wege zurückgelegt im Spiel mit dem Wissen, ich mache die eigentlich nur für meinen Mitspieler, ich bekomme den Ball gar nicht. Das war sehr beeindruckend“, so Zietz.

Von damals ist nur noch sie in Potsdam. Zwei große Abwanderungswellen erlebte Turbine, irgendwann wollten alle Spitzenspielerinnen weg, einige wegen der körperlichen Belastungen, andere wegen des autoritären Trainers Bernd Schröder. „Natürlich gab es Momente, wo ich mich gefragt habe: Warum gehen alle und ich bleibe hier? Letztlich habe ich bei Turbine viel an Erfahrung sammeln und viele Erfolge feiern dürfen. Ich glaube nicht, dass alle, die hier weggegangen sind, das auch hatten oder haben“, erzählt die Verteidigerin. Sie war immer glücklich in Potsdam, und mit dem Trainer kam sie auch immer zurecht: „Nach außen hin ist er oft sehr hart, nach innen gibt es aber auch einen weichen Kern.“ Die beiden verbindet über die Jahre ein besonderes Verhältnis. Sie hat ihn mal als väterlichen Freund beschrieben, der eigentlich ganz lieb ist.

So einem kann man auch nicht böse sein, wenn er mal Entscheidungen trifft, die vielleicht nicht so schön sind. Zietz war lange Spielführerin, jetzt ist sie es nicht mehr. „Ich brauche die Binde nicht, um Fußball zu spielen oder jemand anders zu sein“, sagt sie. Und überhaupt: „Ich werde immer vorweg gehen.“ Sie weiß einfach am besten, wo es bei Turbine lang geht. Das kann sie den jungen Frauen vermitteln. Vielleicht helfen ihre Tipps sogar, damit es irgendwann eine weitere Spielerin schafft, bei Turbine so alt zu werden wie sie.