Motorsport

Alonso gibt Ferrari die Hoffnung zurück

Großer Preis von China in Shanghai: Der Spanier fährt eine starke Trainingszeit zum Dienstantritt seines neuen Chefs

Kehren neue Besen wirklich gut? Die Antwort ist ein glasklares Jein. Zumindest, wenn man die ersten Arbeitstage des in dieser Woche von Ferrari-Boss Luca di Montezemolo installierten Teammanagers Marco Mattiacci zugrunde legt. Neu – und vorerst besser als zuvor unter dem geschassten Stefano Domenicali – waren die Auftakt-Trainingszeiten der Roten Renner beim Großen Preis von China (Sonntag, 9 Uhr RTL und Sky). Fernando Alonso beendete den Tag nur 0,141 Sekunden hinter Silberpfeil-Pilot Lewis Hamilton auf Rang zwei, direkt vor Nico Rosberg im zweiten Mercedes. Ermutigend dabei: Der spanische Doppelweltmeister (2005 und 2006) verbesserte sich in den beiden Übungsdurchgängen um rund 1,3 Sekunden. Das ist viel und zeigt, dass der Ferrari auf der Piste vor den Toren der 25-Millionen-Metropole erstmals in der Saison Potenzial hat.

Vettel kommt nicht hinterher

Doch sogleich kam im Fahrerfeld Skepsis auf. Sebastian Vettel, bislang chancenloser Titelverteidiger, gab angesichts des diesmal knapperen Mercedes-Vorsprungs zu Protokoll: „Vielleicht sind sie nicht volle Pulle gefahren. Ich bin hinter ihnen gefahren, es sah aus, als könnten sie machen, was sie wollen.“ Doch das Statement kann auch ein wenig Selbstschutz des gefrusteten Hessen sein. Egal, die Szene darf hoffen. Das gilt auch für den 43 Jahre alten Römer Mattiacci. Seine Akzeptanz im Team ist noch nicht vorhanden. „Den kenne ich nicht. Wahrscheinlich hab ich ihn schon mal getroffen“, sagte der Finne Kimi Räikkönen. Was viel ist, beschränkt sich der Weltmeister von 2007 doch eher auf Mitteilungen wie „keine Ahnung“. Teamkollege Fernando Alonso meinte ebenfalls distanziert: „Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob der Wechsel sehr gut oder sehr schlecht war.“

Die Laune der Roten ist in diesen Tagen so grau wie der Himmel über dem Shanghai International Circuit. So schlecht wie in diesem Jahr ist die Scuderia schon lange nicht mehr in eine Saison gestartet, da gilt die zweitbeste Trainingszeit von Alonso schon als Lichtblick. Der enttäuschende Auftakt kostete Domenicali das Amt, nun soll es der in der Branche bislang völlig unbekannte Mattiacci richten. Einer, der aus dem Service- und Verkaufssegment kommt, Nordamerika-Chef war und im Sport lediglich Erfahrungen aus dem Amateurbereich mitbringt.

„Keine Angst, er ist die richtige Wahl“, versicherte Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo. Und doch scheint der Commendatore Zweifel zu haben. Warum sonst will er sich künftig deutlich mehr selbst ins Tagesgeschäft des Teams einmischen? „Ich werde im Vergleich zu den letzten Jahren zur Vergangenheit zurückkehren: Näher am Team und an der Formel 1“, sagte der 66-Jährige.

So schnell wie er verpflichtet wurde, so schnell blühten die Spekulationen. Mattiacci sei nur Platzhalter. Es fielen Namen wie Ross Brawn, Bob Bell und sogar Gerhard Berger. Brawn war einst Vater der Ferrari-Erfolge mit Michael Schumacher und zog sich Ende 2013 bei Mercedes zurück. Technikchef Bell verlässt das Silberpfeil-Team im November und wäre dann frei. Berger fuhr früher für Ferrari und war später Motorsportdirektor bei BMW und Mitbesitzer beim Toro-Rosso-Team.

Die Lage ist für Ferrari jedenfalls schlicht inakzeptabel. Schon 35 Punkte trennen den Spanier Alonso als Gesamtvierten von WM-Spitzenreiter Nico Rosberg (61:26). Räikkönen hat sogar erst sieben Punkte gesammelt und ist damit WM-Zwölfter. „Wir müssen ehrlich sein: Wir sind nicht da, wo wir sein wollten. Immerhin haben unsere Verbesserungen funktioniert“, sagte Alonso, der im Vorjahr in China gewann. Daran ist 2014 nur dann zu denken, wenn es einen Doppelausfall bei Mercedes geben würde. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Ferraristi seit Wochen an den neuen Regeln der Königsklasse herumnörgeln. Sogar den Präsidenten des Olympischen Komitees Italiens zitierte das Team auf seiner Homepage als Kronzeugen. „Ich spreche im Namen aller Sportler und Fans Italiens: Ich mag diese Formel 1 nicht. Meiner Meinung nach liefert sie ein Produkt, das absolut keinen Sinn macht“, wetterte Giovanni Malago. Was peinlich ist.

Die derzeit spannendste Frage in der Formel 1 wird aber nicht in China entschieden. Kommt er oder kommt er nicht? Eine Wahl hat Formel-1-Geschäftsführer Bernie Ecclestone aber eigentlich nicht: Als Angeklagter in einem Bestechungs-Strafprozess muss der 83-Jährige am Donnerstag persönlich in München vor Gericht erscheinen. Notfalls könne er per Haftbefehl gezwungen werden. Ein internationaler Haftbefehl hätte zur Folge, dass Ecclestone nicht mehr aus seinem Heimatland England ausreisen und somit zu keinem Rennen im Ausland mehr fliegen könnte. Er soll dem früheren BayernLB-Vorstand Gerhard Gribkowsky 44 Millionen Dollar gezahlt haben, um damit den Verkauf von Formel-1-Anteilen in seinem Sinne zu beeinflussen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Bestechung und Anstiftung zur Untreue vor.