Pferdesport

„Ich würde alles wieder genauso machen“

50 Jahre im Sulky, 50.000 Rennen, 17.000 Siege: Weltrekordler Wewering feiert ein einmaliges Jubiläum

Nicht jedem gelingt es, seinen Lebenstraum zu verwirklichen. Heinz Wewering ist einer der wenigen Zeitgenossen, die quasi auf der Sonnenseite stehen. Seit 50 Jahren sitzt der 1950 in Albachten bei Münster geborene Trabrennfahrer im Sulky. Fast 50.000 Rennen hat er inzwischen bestritten, fast 17.000 davon gewonnen. Zweimal war er Welt- , viermal Europameister. 29-mal gewann Wewering den begehrten Goldhelm für den besten deutschen Fahrer eines Jahres. Die von ihm für sich und die Besitzer der von ihm gesteuerten Pferde eingefahrene Preisgeldsumme liegt bei rund 48 Millionen Euro. Im Interview verrät der 64-Jährige unter anderem den Grund für seine ungebrochene Motivation und warum das Arbeitsleben mit 64 etwas leichter ist als mit 14.

Berliner Morgenpost:

Herr Wewering, was verbinden Sie mit dem 13. September 1965?

Heinz Wewering:

Da gab es den ersten Sieg als Amateur für mich. Und bevor Sie weiter fragen, das Pferd hieß Morgan vom Veeinghof. Aber wie hoch das Rennen dotiert war, weiß ich nicht mehr.

Ihren ersten Sieg haben Sie im Gedächtnis. Gibt es auch einen wichtigsten, und können Sie sich noch über jeden Sieg richtig freuen?

Nein, ich könnte mich nicht einmal für die 50 wichtigsten entscheiden. Erfolge werden ja immer unter den verschiedensten Umständen errungen. Das heißt, nicht unbedingt die Siege mit dem höchsten Preisgeld oder einem Titel sind die herausragenden, sondern auch welche, die unter ganz schlechten Umständen zustande gekommen sind. Wenn ich mich mal nicht über einen Sieg freue, und sei es in einem noch so kleinen Rennen, dann höre ich sofort auf.

Ihr Vater war bei der Eisenbahn beschäftigt, Sie haben acht Geschwister. Das klingt nicht eben nach idealen Voraussetzungen, in den schon immer finanziell aufwendigen Pferdesport einzusteigen.

Stimmt. An ein eigenes Pferd war nicht zu denken. Aber manchmal hilft der Zufall. Mein Onkel Theo war Trainer auf dem Gestüt Röttgen, und so hatte ich die Möglichkeit, eine Lehre und eine Trainerlaufbahn zu beginnen.

Man sagt Ihnen nach, Sie könnten auf nahezu jede sich in einem Rennen entwickelnde Situation reagieren. Wie weit muss man eigentlich ein Rennen vorausplanen, und wie gut verhilft nur Flexibilität zum erwünschten Ergebnis?

Was die Reaktion innerhalb eines Rennens angeht, hilft einfach die Erfahrung. Irgendwann hat man fast jede Rennsituation schon einmal erlebt. Ich sage aber auch nach 50 Jahren noch bewusst fast jede, denn wir haben es mit Lebewesen zu tun. Eigentlich jedes Rennen teilt sich auf. Zunächst die Startphase, in der man sehen muss, dass das Pferd keinen Fehler macht. Dann beobachte ich meine Fahrerkollegen, versuche deren Absichten zu erkennen. Dann kommt die Phase, wo man seine Entscheidungen treffen muss. Und manchmal weiß man in dem Moment, wo man sich entschieden hat, auch schon, dass es falsch war.

Wie viel Anteil haben Sie als Fahrer am Erfolg auf der Bahn?

Zehn Prozent als Fahrer. 90 Prozent gehen an den Trainer und das Pferd. Genauer, an die Arbeit des Trainers im Vorfeld und an das Pferd auf der Bahn. Kein Fahrer kann mit einem schlecht vorbereiteten Pferd etwas reißen.

Haben Sie nach so vielen Jahren eigentlich noch Lampenfieber oder sind nervös?

Nervös nicht, aber immer noch angespannt. Denn ich weiß ja, dass ich nur im Rennen Entscheidungen treffen kann, nicht davor.

50 Jahre im Job. Können Sie, ganz kurz gefasst, sagen, wo liegen die grundsätzlichen Unterschiede zwischen 1964 und 2014?

Grundsätzlich ist es heute angenehmer. Erstens bin ich 64 und nicht mehr 14, habe Lebenserfahrung gesammelt, die es mir viel besser gestattet zu unterscheiden zwischen wichtig und nicht so wichtig. Zweitens sind heute die Pferde talentierter. Ich will damit sagen, dass die Zucht viel besser geworden ist, dass die Pferde intensiver – und wenn man so will – auch härter trainiert werden können. Die Technik hat Fortschritte gemacht. Das ist wie bei einem Auto von 1964 und einem von heute. Heute ist ein Sulky manchmal aus Carbon, ist für jedes Pferd individuell konstruiert oder zumindest auf seine Körpermaße anzupassen. Und er wiegt ohne Räder gerade mal vier Kilo. Die Bahnbeläge sind ebenfalls weiterentwickelt worden.

Es gab Phasen, in denen Sie bis zu 200 Pferde im Training hatten. Heute belassen sie es bei rund 30. Warum?

Damals, in den 80er Jahren, boomte der Trabersport. Dennoch war es zu viel, was ich mir zugemutet hatte. Die individuelle Arbeit kam zu kurz, manches musste ich anderen überlassen. Das alles erkennt man aber erst im Lauf der Zeit.

Wie groß ist die Rolle, die Geld für Sie spielt oder gespielt hat?

Ich habe gut verdient, gut ausgegeben, und mir geht es auch heute gut. Das kann nicht jeder von sich behaupten.

Müssten Sie ein Lebensfazit in einem Satz ziehen, wie würde der lauten?

Ich würde alles wieder genauso machen.