Fußball

Ein Verrückter in einer verrückten Welt

Wie Dortmund das Leben des armenischen BVB-Profis Mchitarjan verändert hat

Einiges an seiner neuen Heimatstadt verblüfft Henrich Mchitarjan immer noch. „Dortmund“, sagte er, sei eine „sehr ruhige Stadt.“ Allerdings nur auf den ersten Blick, so der Mittelfeldregisseur von Borussia Dortmund. Und zwar, „bis es ins Stadion geht. Dann sind alle plötzlich verrückt.“

Heute Abend taucht der oft ernsthaft und nachdenklich wirkende Armenier wieder ein in diese emotionale Welt. 80.000 Zuschauer, die ihrer Mannschaft im ersten Halbfinale des DFB-Pokals gegen den VfL Wolfsburg (20.30 Uhr/ARD und Sky) dabei helfen wollen, ins Endspiel nach Berlin einzuziehen. Es ist eine Welt, die Mchitarjan fasziniert, an die er sich aber immer noch gewöhnen muss. Weil sie eben „verrückt“ ist.

Sein Zugang zum Fußball war bislang eher ein rationaler. Er wusste früh, dass er überaus talentiert ist. Seine Familie unterstützte ihn auf dem Weg zum Profi, wo sie nur konnte. Und er selbst ordnete diesem Ziel alles unter. „Ich lebe Fußball, denke Fußball, fühle Fußball“, beschreibt er sich selbst. Seine Biographie bestätigt dies: Bereits als Jugendspieler feilte er mit regelmäßigem Extratraining an seiner Technik, ließ sich zur Weiterbildung sogar auf einen Jugendaustausch nach Brasilien schicken, um sich weiterzuentwickeln. Nachdem er als 20-Jähriger dann in die Ukraine gegangen war, wohnte er die meiste Zeit auf dem Trainingsgelände von Schachtjor Donezk. Mit Nachtklubs hat er nichts am Hut. Einziges Kriterium bei der Wohnungssuche: kurze Wege zum Arbeitsplatz.

Gut möglich, dass im Leben des mittlerweile 25-Jährigen ausgerechnet das wirkliche Leben ein bisschen zu kurz kam, aber das hat ihn offenbar auch nicht gereizt. Er war immer schon äußerst professionell. Doch wer nur für seinen Beruf lebt, den trifft es auch härter, wenn ihm einmal etwas misslingt.

Wie vor einer Woche, als Mchitarjan gleich mehrfach die Nerven versagten. Er machte beim 2:0 über Real Madrid ein gutes Spiel – doch er ließ beste Tormöglichkeiten aus und gab sich deshalb die Schuld am Ausscheiden aus der Champions League. Er entschuldigte sich sogar öffentlich bei den Fans.

Jürgen Klopp hatte an diesem Abend sofort erkannt, dass Mchitarjan untröstlich war. Und baute ihn wieder auf. Selbstzweifel waren beim Armenier beim 3:0 gegen den FC Bayern, wo er das erste Tor erzielte, nicht mehr zu sehen. „Micky nimmt sich sehr viel zu Herzen. Er ist in einem Land, das er nicht kennt, und spürt den Druck, der auf ihm lastet“, sagte Nuri Sahin. Auch Klopp ist der Meinung, dass es Mchitarjans größtes Problem sei, sich „die ganze Last auf die Schulter zu packen“. Er laufe dann mit einem „Rucksack“ herum.

Doch der Coach ist zuversichtlich, dass Mchitarjan dieses Problem dauerhaft in den Griff bekommt. So wie er den Dortmunder Spielstil, der ihm vollkommen fremd war, verinnerlicht hat. Die häufigen Tempowechsel, das schnelle Umschalten forderten von ihm, seine Spielweise anzupassen. Das hat nicht zuletzt bei ihm dafür gesorgt, dass es in einer verrückten Welt nicht schaden kann, selbst auch ein bisschen verrückt zu sein.