Pokalsieger

Auch im Feiern die Besten

Füchse-Handballer genießen ihren Pokalsieg. Hanning: „Der Ritterschlag, den wir gebraucht haben“

Im Speisewagen des ICE 1723 von Hamburg nach Berlin wurde es immer heißer. Gefühlte 26 Grad waren es nach der Hälfte der Strecke. Und wieder stimmten die Handballprofis der Füchse lautstark ihre Freudengesänge an. Mal brüllten sie „Schalalalala“ oder schmetterten „Oh, wie ist das schön!“. Linksaußen Fredrik Petersen hielt die Hitze nicht mehr aus, er riss sich das grüne Pokalsieger-Shirt mit den goldenen Lettern vom Leib und klopfte sich auf die blanke Brust. Daneben lagen sich Trainer Dagur Sigurdsson und Klub-Präsident Frank Steffel in den Armen. Torwart Petr Stochl entführte den Pokal kurzerhand mit auf die Toilette, „weil der muss ja auch mal“. Und Bob Hanning? Der Geschäftsführer zelebrierte eher die ruhige Form der Freude, er erklärte sich spontan bereit, einem kleinen Jungen, der sich gerade den Kopf gestoßen hatte und zu weinen drohte, aus dem Buch „Der Räuber Hotzenplotz“ vorzulesen. „Eines meiner Lieblingsbücher als Kind“, sagte Hanning und lächelte.

Der Feier-Marathon der Füchse, der mit dem Schlusspfiff des Endspiels begann, hatte viele verschiedene Gesichter. Natürlich gab es in der Kabine eine ordentliche Bierdusche, der erst 19 Jahre alte Paul Drux wurde spontan zum Pokal-Minister bestimmt, der den Pott fortan im Auge behalten musste. Torjäger Konstantin Igropulo, mit neun Treffern der überragende Mann beim Pokal-Sieg der Berliner über die SG Flensburg-Handewitt am Sonntag in Hamburg (22:21), zog blank und teilte dann das Foto von sich selbst, nur mit Mütze, Schal und dem Pokal bekleidet, in den sozialen Medien. Nach einer kurzweiligen Zugfahrt und einem bierseligen Auftritt im Fernseh-Studio des RBB ging die Party in Berlin in die nächste Runde.

In der Monkey Bar im Bikini-Haus trafen sich die Spieler der Füchse mit ihren Ehefrauen und Freundinnen und allen Mitverantwortlichen des großen Erfolgs, um weiterzufeiern. Hanning sprach dabei mit Bartlomiej Jaszka, Petr Stochl und Markus Richwien – die drei sind am längsten im Verein – und ließ die vergangenen Jahre Revue passieren. „Dieses gemeinsame Genießen ist die größte Prämie, die du bekommen kannst. So etwas kannst du nicht kaufen“, sagte Hanning. Um Mitternacht stieß die Füchse-Familie dann auch noch auf den 29. Geburtstag von Igropulo an. „Ich bin überglücklich“, sagte der Russe gerührt, „erst der Pokalsieg, dann mein Geburtstag, und in vier Monaten werde ich Vater. Das ist der Wahnsinn.“ Während die Spieler die Nacht zum Tag machten, saß Bob Hanning am Montag schon wieder um 10 Uhr im Büro. „So langsam fange ich an zu begreifen, dass wir tatsächlich deutscher Pokalsieger sind. Das ist ein wunderbares Gefühl.“ Beinahe im Minutentakt trudelten seit dem frühen Morgen auf der Geschäftsstelle der Berliner am Gendarmenmarkt die Glückwunschschreiben ein. Von allen Bundesligavereinen, vielen Granden der Branche und allen Ex-Spielern der Füchse. „Die Berliner Cinderella-Geschichte geht weiter“, zollte Handball-Legende Stefan Kretzschmar den Füchsen seinen Respekt. „Die Resonanz ist unfassbar“, freute sich Hanning, „dieser Titel ist die Krönung für unsere lange und harte Arbeit von vielen Personen.“ Natürlich weiß der Manager um die Außenwirkung des historischen Erfolgs: „So ein Titel ist für die Außendarstellung und für die Kommunikation in einer Metropole wie Berlin elementar wichtig. Das ist eine Art Daseinsberechtigung.“ Und dann sagte Hanning: „Das ist der Ritterschlag, den wir gebraucht haben.“

Sonntag gegen Gummersbach

Mit dem Pokalsieg haben die Füchse den nächsten großen Schritt in ihrer beachtlichen Erfolgsgeschichte getan. 2007 erst waren sie in die Bundesliga aufgestiegen, jetzt dürfen sie sich Pokalsieger nennen. „Es ist für einen Verein, der weder mäzenatenhaft noch konzerngesteuert ist, ganz wichtig zu zeigen, dass man das auch über die Familie lösen kann“, sagte Hanning. Die Mischung aus erfahrenen Top-Spielern wie Torwart Silvio Heinevetter, Torjäger Igropulo oder Kapitän Iker Romero und den Talenten Fabian Wiede und Paul Drux hat Erfolg. „Diese Partie werden wir in Berlin nie vergessen. Das war eine gigantische Leistung“, jubilierte Dagur Sigurdsson, der seit fünf Jahren für die Füchse verantwortlich zeichnet. Beim Isländer entlud sich nach dem Triumph die ganze Anspannung der vergangenen Wochen. Sigurdsson, außerhalb eines Spiels stets beherrscht und diszipliniert, entpuppte sich bei der Party als Taktgeber bei den Gesängen und hatte die ganze Zeit über ein Lächeln im Gesicht.

Die Füchse, für die die Bundesligasaison am Sonntag mit dem Heimspiel gegen den VfL Gummersbach (17.15 Uhr, Schmeling-Halle) weiter geht, haben in knapp fünf Wochen schon die nächste Möglichkeit, einen Titel zu gewinnen. Beim Final Four um den EHF-Cup gehen die Berliner vor heimischer Kulisse aussichtsreich an den Start. Hanning: „Jetzt, wo wir wissen, wie man Titel gewinnt, wollen wir die Saison mit dem zweiten Titel in eigener Halle veredeln.“