College-Meisterschaft

Berlins Herr der Ringe

Niels Giffey feiert vor 79.238 Zuschauern die College-Meisterschaft. Alba hätte ihn gern zurück, aber es gibt viele andere Angebote

Wenn sich 79.238 Zuschauer in einem Football-Stadion versammeln, um ein Basketballspiel zu sehen, wenn es sich auch ehemalige US-Präsidenten wie Bill Clinton und George W. Bush nicht nehmen lassen, dabei zu sein, ist über den Stellenwert dieser 40 Minuten Korbjagd alles gesagt. Dieses Spiel zu gewinnen, ist das Größte, was ein junger Spieler erreichen kann. Das Finale des Universitäts- und Collegesportverbandes NCAA zum zweiten Mal zu gewinnen, wie der Berliner Niels Giffey in der Nacht zu Dienstag, hat schon historische Dimensionen. In seinem ersten Jahr an der University of Connecticut (UConn) gewann Giffey 2011 das Endspiel gegen die Butler Bulldogs, drei Jahre später triumphierte er nun in der Arena der Dallas Cowboys gegen die Kentucky Wildcats.

„Das ist gerade völlig unreal“, sagte der 22-Jährige, der einst für die Marzahner Bären spielte. „Wir haben die Meisterschaft zurück nach Connecticut geholt. Das ist unglaublich, wunderbar. Als der Buzzer ausgegangen ist, wusste ich erst gar nicht was los war. Ich brauchte zwei Minuten, um mich zu freuen und richtig jubeln zu können. Irgendwie war da eine unglaubliche Leere.“

Dass er mit dem 60:54 über die Wildcats zum Ende seiner Uni-Karriere Dirk Nowitzki direkt vor dessen Haustür den Meistertipp vermasselte, störte Giffey nicht. Der Superstar konnte wegen eines Auswärtstrips seiner Dallas Mavericks nicht in der Heimat zuschauen und hatte sich vor dem Turnier als Kentucky-Fan geoutet. „Ich glaube, da muss ich mal mit ihm sprechen und ihn fragen, was er sich dabei gedacht hat“, scherzte Giffey.

Ein Mann mit Sieger-Gen

Bei seinem ersten College-Coup 2011 war der Berliner noch eingewechselt worden, jetzt im Finale war er wie schon die gesamte Saison über Leistungsträger, gegen Kentucky stand er 37 der 40 Minuten auf dem Feld, erzielte zehn Punkte. Seine beiden Dreier in der zweiten Halbzeit zum 44:39 und 54:49 entschieden mit das Spiel. „Das Ganze schon mal geschafft“ zu haben, sei das eine, sagt er, „dieses Jahr einer der wichtigen Akteure“ gewesen zu sein, sei „aber noch mal ein ganz anderes Gefühl.“

NBA-Neuling Dennis Schröder von den Atlanta Hawks, der wegen des NCAA-Finales wie der Rest der Liga spielfrei hatte, gratulierte bei Twitter („Good Job Niels Giffey!!!“). Besonders herzliche Glückwünsche kamen vom Headcoach des TBB Trier, Henrik Rödl. „Niels hat so etwas wie ein Sieger-Gen“, sagt die Alba-Ikone, unter der Giffey 2009 noch mit Alba die deutsche U19-Meisterschaft gewann. „Er ist einer für die besonderen Momente, kann sich dann noch mal extra konzentrieren. Er passt sich dem an, was die Mannschaft braucht.“ Mal durch die beiden genannten Dreier, vor allem aber in der Verteidigung. „Kentucky hat unglaubliche Athleten“, sagt Rödl, „und er hat fast gegen alle verteidigt, fast auf allen Positionen. Das verdient allergrößten Respekt.“

Das erste Wort, mit dem Marco Baldi die Leistung Giffeys kommentiert, ist: „Sensationell“. Wobei nur wenige wissen, wie enttäuscht Albas Geschäftsführer war, als sich der zwei Meter große Flügelspieler 2010 für die Uni in Connecticut und gegen das Programm seines Klubs entschieden hatte. Die Enttäuschung ist nach nunmehr vier Jahren verklungen, jetzt wird Baldi alles daran setzen, den verlorenen Sohn am Ende der Uni-Karriere nach Berlin zurück zu holen. „Niels kennt unser Interesse, er hätte schon letztes Jahr zu uns kommen können, aber wollte noch für UConn spielen, was er ja jetzt auch mit dem größtmöglichen Erfolg getan hat. Er soll erst mal feiern, aber er ist ein Mannschaftsspieler, hart und vielseitig. Er würde in unser Team gut passen.“

Seit Jahren ist für Albas Sportdirektoren, wie für alle Scouts der NBA und aus Europa, die 4301 Cedar Lane in Portsmouth/Virginia ein Pflicht-Reiseziel. In diesem Jahr wird dort vom 16. bis 19. April das „PIT“ (Portsmouth Invitiational Tournament) ausgetragen, zum 62. Mal. Dort präsentieren sich College-Absolventen, die knapp über oder unter der Messlatte der NBA liegen. Es ist gut möglich, dass Albas Abgesandter, Mithat Demirel, Giffey dort trifft, denn der wurde aufgrund seiner starken Leistungen nicht nur im Finale eingeladen.

„Ich denke, dass er die Einladung annimmt“, sagt Demirel, der Giffeys Leistung kurz „krass!“ nennt. „Wir sind aber auch so regelmäßig in Kontakt und ich habe ihn schon zwei-, dreimal an der Uni besucht.“ Auch Demirel muss nicht noch mal extra die Werbetrommel rühren. „Niels ist ein Teamspieler, ein Berliner Junge, den man gern zurückholt. Er wird sicherlich hochdotierte Angebote bekommen und muss sehen, was für ihn ausschlaggebend sein wird.“

Später gern, lässt Giffey im Rausch des Triumphes wissen. „Ich habe noch gar keinen Plan“, sagt er, „lasse den Sommer jetzt einfach auf mich zukommen und warte ab, welche Türen sich für mich öffnen werden.“ Der wirklich ganz große Termin ist jetzt sowieso erst mal das Wiedersehen mit US-Präsident Barack Obama, dem ersten Basketballfan des Landes. „Jetzt habe ich zwei Wochen Zeit, wo ich alles völlig genießen und Obama die Hände schütteln kann.“