Tennis

Triumph des Willens

Leidgeprüfte Petkovic krönt ihre Rückkehr auf den Tennisplatz mit Sieg in Charleston

Allzu häufig äußert sich Steffi Graf nicht mehr zum deutschen Frauen-Tennis, doch nach dem Triumph von Andrea Petkovic verneigte sich auch die „Gräfin“. „Nach vielen Verletzungspausen hat sie nie aufgegeben und diesen Sieg hoch verdient. Gratulation!!“, schrieb die 22-malige Grand-Slam-Siegerin auf ihrer Facebook-Seite über den „tollen Sieg“ der Darmstädterin.

Wie besonders der Erfolg in Charleston war, verdeutlichte nicht nur die Reaktion von Graf, sondern vor allem die von Petkovic selbst. Wie den heiligen Gral hegte und pflegte sie den schmucklosen Pokal, der ihr quasi als gläsernes Symbol ihrer ungebrochenen Willenskraft überreicht worden war. Nun wird die „Blumenvase“ einen Ehrenplatz im eigenen Häuschen in Darmstadt erhalten.

Zunächst aber musste das gute Stück noch einigen Belastungen standhalten. „Ich werde Champagner aus meinem Pokal trinken und mit den Stewardessen tanzen“, kündigte die freudetrunkene Petkovic nach dem 7:5, 6:2-Finalsieg gegen die Slowakin Jana Cepelova für den Rückflug an. Über dem Atlantik hatte die 26-Jährige zudem genügend Zeit, den größten und emotionalsten Sieg ihrer bisherigen Karriere Revue passieren zu lassen. Den Triumph über sich selbst, die eigenen Zweifel und die der Kritiker, die nach vier schweren Verletzungen nicht mehr mit diesem Comeback gerechnet hatten.

Die Hessin, deren Vater Zoran einst für die University in Charleston College-Tennis spielte, zeigte viel Demut und nur ein wenig Genugtuung, als sie über ihren ersten Turniercoup nach 1051-tägiger Durststrecke sprach. „Ich bin so erleichtert und stolz, dass ich nach all den Verletzungen zurückgekommen bin. Ich dachte nicht, dass ich noch einmal in den Finals der großen Turniere spielen würde“, sagte Petkovic. Ein weiterer Lohn: In der Weltrangliste verbesserte sie sich um zwölf Plätze auf Rang 28. Damit wäre sie bei den French Open im Mai gesetzt. Auch Fed-Cup-Teamchefin Barbara Rittner freute sich. „Harte Arbeit zahlt sich aus. Der Titel war sehr wichtig, damit sie selbst wieder an sich glaubt“, sagte Rittner.

Es war der erste Turniererfolg von Petkovic, nachdem sie in Folge von zwei Knie-, einer Rücken- und einer Sprunggelenks-Blessur binnen 14 Monaten von Platz neun auf Rang 192 des Rankings abgerutscht war. Nach dem Aus in der Qualifikation für die French Open im Mai 2013 dachte die konstanteste Grand-Slam-Spielerin der Saison 2011 sogar an ein Karriereende. Ihr damaliger Coach Petar Popovic erinnerte sie daran, dass „Aufgeben“ gar nicht zu einer Petkovic passe. Wie wahr.

Die Welle der Sympathiebekundungen wird Petkovic überrascht haben. Auffällig viele aktuelle und ehemalige Konkurrentinnen freuten sich mit ihr. „Tolle Geschichte“, twitterte die frühere Nummer eins Kim Clijsters (Belgien), während die einstige French-Open-Gewinnerin Ana Ivanovic schrieb: „Du hast es so verdient.“ Weltfußballerin Nadine Angerer „zwitscherte“: „Ich bin stolz auf Dich“.

Vor allen Dingen die seit Februar laufende Zusammenarbeit mit dem niederländischen Coach Eric van Harpen scheint nach einigen frühen Niederlagen erste Früchte zu tragen. Die topfitte Petkovic versucht den Court durch extremere Winkelbälle mehr zu öffnen und sucht immer wieder den Weg ans Netz. „Andrea ist kompletter und ruhiger geworden“, sagte Rittner.

Dass ausgerechnet Vater Zoran in seiner ehemaligen Wahlheimat fehlte, war ein Wermutstropfen. Petkovic aber streifte sich einfach das graue Sweatshirt der University mit der Aufschrift „Carolina“ über und schickte eine bewegende Grußbotschaft an den Papa. „Er hat mir durch unseren Weggang aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland all die Chancen ermöglicht, mich zu entwickeln, die Bildung zu bekommen“, sagte Petkovic: „Ich bin stolz auf ihn.“