Sichtungssystem

Das Geschäft mit den Kindern

Weltverband ahndete erstmals Regelverstöße bei Talent-Transfers. Dabei spielt nicht nur der FC Barcelona falsch

Es ist eine Welt des Tricksens und des Täuschens, der Übersteiger und Fallrückzieher. Genau das, was die Fans im Stadion in Verzückung versetzt, ist seit Jahrzehnten auch abseits der großen Bühne Profifußball traurige Realität. Hinter den Kulissen des schillerndsten globalen Entertainmentbetriebes rangeln Vereine, Berater und Geschäftemacher mit windschiefen Methoden um ihren Anteil am laut Expertenschätzungen zweistelligen Milliarden-Euro-Business. Und die heißeste Ware auf diesem Markt sind junge Talente. Nachwuchskicker, die wenig kosten und die extrem hohe Gewinnmargen versprechen, wenn sie zu Stars werden.

Der Weltverband Fifa hat nach diversen Auswüchsen versucht, dem Geschacher mit Kinderkickern einen Riegel vorzuschieben, indem er 2001 ein Statut erließ, das den Handel mit minderjährigen Talenten verbietet oder nur unter strengsten, sozial verträglichen Auflagen erlaubt. Um zu verhindern, dass Geschäftemacher in afrikanischen, asiatischen, osteuropäischen oder südamerikanischen Ländern zu Dutzenden junge Spieler unter Vertrag nehmen, sie in Ausbildungscamps drillen, um sie mit satten Gewinnen zu verscherbeln, mitsamt Gewinnbeteiligungen bei späteren Transfers oder Millionengagen.

Nun bestrafte die Fifa den spanischen Verband und den FC Barcelona wegen internationaler Transfers Minderjähriger. Weil Barca zwischen 2009 und 2013 zehn U16-Spieler transferiert und eingesetzt hatte, verhängte das Sportgericht eine Geldbuße von 370.000 Euro gegen den Klub und 410.000 gegen den Verband. Zudem darf Barcelona in den kommenden zwei Transferperioden keine Profis verpflichten oder verkaufen.

Barcelona nutzte nicht einmal das übliche Schlupfloch. Laut Paragraf 19 dürfen minderjährige Spieler straflos wechseln, wenn ihre Eltern „aus Gründen, die nichts mit dem Fußballsport zu tun haben“, einen neuen Wohnsitz im entsprechenden Land beziehen. „Da bekommt der Vater des Spielers dann schon mal eine lukrative Anstellung in der Firma des Präsidenten“, erklärt der ehemalige Spielerberater und Scout Lars Mrosko, ein Experte im Jugendfußball.

Das erste echte Jugendschutz-Urteil kommt nun einem Erdbeben gleich. „Der Schutz Minderjähriger ist ein wichtiges soziales und rechtliches Anliegen“, betonte die Fifa-Disziplinarkommission. Bereits 2009 hatte es ein Urteil gegen den FC Chelsea gegeben. Der Klub sollte den jungen Gael Kakuta mit unlauteren Mitteln vom RC Lens weggelockt haben. Damals legte Chelsea Protest ein, eine Strafe wurde nie vollstreckt. Barcelona will auch den Internationalen Sportgerichtshof Cas anrufen. „Wir sehen die Sache gelassen und haben 90 Tage Zeit, unsere Position darzulegen und zu erläutern, weshalb wir diese Spieler verpflichtet haben“, heißt es.

Was für Kapriolen die Hatz auf die Wunderkinder mitunter schlägt, zeigt ein Beispiel aus den Niederlanden. 2011 vermeldete der VVV Venlo den Zugang des gerade mal einjährigen Baerke van der Meji. Das vermeintliche Talent, das zuvor auf Youtube Berühmtheit erlangt hatte, weil es in einem Filmchen drei Bälle in eine Spielzeugkiste kickte, unterkrakelte vor den klickenden Kameras einen Zehn-Jahres-Vertrag. Ein Gag, vielleicht. Aber auch ein Beispiel dafür, dass viele Protagonisten noch immer nicht sensibilisiert sind für den regelkonformen Umgang mit Kinderkickern.

ManCity bislang ungestraft

Deutlich ernsthafter ging es beim Transfer des 14-jährigen Brahim Abdelkader Diaz zu. Die englische „Daily Mail“ vermeldete im Dezember, dass Manchester City das Transferrennen gewonnen habe. 360.000 Euro habe ManCity zunächst als Abschlagszahlung an den FC Malaga überwiesen, bis zu drei Millionen könne die Gesamtsumme am Ende betragen. Angeblich hatten sich zuvor sogar die Barca-Superstars Lionel Messi, Xavi und Andrés Iniesta mit Diaz getroffen. Gemäß Fifa-Reglement müsste auch ManCity bestraft werden.

Bayern München ist ebenfalls schon aufgefallen. Der Rekordmeister verpflichtete 2007 den Peruaner Pier Larrauri Corroy. Der 13-Jährige galt als Supertalent, Vater Cesar wechselte mit seinem Filius an die Isar. Das Talent kommentierte professionell: „Ich bin sehr glücklich, dass ich zu den Bayern darf. Ich will zeigen, dass es in Peru sehr gute Spieler gibt.“ Im März 2008 flog er nach kurzem Gastspiel in Bayerns U14-Team zurück nach Lima, die Karriere hatte nicht wie erwartet gezündet. Auch, weil der Teenager emotional nicht mit der Trennung von der Restfamilie zurecht gekommen war. Das vermeintliche Megatalent verschwand in der Versenkung.

Real Madrid holte im August 2011 Leonel Angel Coira, einen Siebenjährigen, nach Spanien übergesiedelten Argentinier. Juan Tapidor, ein Real-Sprecher, steckte den Medien, Leonel sei so gut wie kein Teenie-Zugang zuvor.

Lionel Messi heißt der letzte Hoffnungsträger, der Barca jetzt aus der (juristischen) Patsche helfen soll – und kann? Im Alter von 13 Jahren, es gab damals noch keinen Fifa-Paragrafen 19, kam der kleinwüchsige Argentinier mit seinen Eltern und drei Geschwistern zum FC Barcelona. Der neue Klub zahlte eine teure Hormontherapie, um Mini-Leos Wachstumsstörungen zu beheben, die für ihn in Südamerika unerschwinglich geblieben wäre. Barca peppelte den 1,45-Meter-Hänfling auf und bildete ihn aus. Schon als Barca ahnte, dass es wegen der zehn Kindertransfers zu einer Untersuchung kommen würde, betonte der Klub im Bittbrief, dass die Jungkicker in einer regelrechten Wohlfühloase weiter entwickelt würden.

Ein Insider wie Christian Beeck kennt die unterschiedlichen Gepflogenheiten der Klubs. Der frühere Bundesligaspieler und Ex-Manager des 1. FC Union und von Energie Cottbus hat etliche Jugendakademien europäischer Topvereine inspiziert. Von einem flächendeckenden „Kinderhandel“ könne keine Rede sein: „Nur für Klubs, die sich ein Jugendscouting über die Landesgrenzen hinaus leisten können, sind solche Spieler überhaupt interessant. Es ist teuer, diese Talente zu entdecken und zu holen. Und das Risiko, dass sie scheitern, ist hoch.“

In Deutschland konzentriere sich das Sichtungssystem nahezu ausschließlich auf heimische Talente, sagt Beeck. Zudem sorge ein Meldesystem für Kontrolle. Das Mustermodell hindert europäische Wettbewerber jedoch nicht, in den Talentschmieden zu wildern. Wobei Klubs wie Arsenal London dabei – zumindest offiziell – auf die Einhaltung des Fifa-Paragrafen achten. So köderten die „Gunners“ vor vier Jahren Abwehrspieler Leander Siemann von Hertha BSC. Der damals 15-Jährige erhielt zunächst eine Einladung nach London zu einem einwöchigen Schnuppertraining. Kaum 16 Jahre alt geworden, bekam er einen Dreijahresvertrag. Auch der deutsche Jugendnationalspieler Serge Gnabry geriet früh ins Visier der Arsenal-Späher. Gnabry war mit 14 viel zu jung für offizielle Deals. Trotzdem wurde schon zu diesem Zeitpunkt eine Abmachung zwischen beiden Vereinen eingetütet. VfB-Manager Jochen Schneider sagte: „Wir wollten ihn unbedingt halten, aber der Reiz zu Arsenal zu wechseln, war vor allem für den Vater von Serge zu groß.“ Im Sommer 2011 wechselte Gnabry mit 16 Jahren nach England. Sein Vater ging als Berater und Chauffeur mit an die Themse.

Den ersten Profivertrag unterschrieb Gnabry im Sommer 2012, sein Debüt in der Premier League gab der Offensiv-Allrounder am 20. Oktober 2012. Gnabry ist eines der wenigen Talente, das nach seinem frühen Transfer angekommen ist. Auf der guten Seite, in der heilen Welt des Tricksens und Täuschens.