Interview

„Emotionen sind schwer zu kontrollieren“

Kawika Shoji aus Hawaii ist Zuspieler der Volleys. Und dank eines Online-Studiums der Psychologie auch Einpeitscher des Teams

Es wird ernst für Berlins Volleyball-Team. Durch das Viertelfinale um die deutsche Meisterschaft gegen den CV Mitteldeutschland sind die BR Volleys ohne Satzverlust marschiert. Am Sonntag (16 Uhr, Max-Schmeling-Halle) starten sie in die Best-of-5-Serie des Halbfinales gegen den TV Ingersoll Bühl. In der anderen Paarung treffen der VfB Friedrichshafen und Generali Haching aufeinander. In beiden Duellen wird es darauf ankommen, wie die Zuspieler den gegnerischen Block ausspielen und ihre Angreifer in Szene setzen. In Berlin besorgt das Kawika Shoji. Der 26-jährige Hawaiianer spielt seine dritte Saison in Berlin. Er wurde in beiden Jahren Meister und ist längst auch abseits des Netzes zum Führungsspieler geworden. „Ich freue mich auf den Saison-Höhepunkt, dafür haben wir hart gearbeitet“, sagt Shoji im Interview mit der Morgenpost.

Berliner Morgenpost:

Wie stehen die Chancen, dass Bühl und Haching das Finale bestreiten, Herr Shoji?

Kawika Shoji:

Na, ich hoffe doch, dass die Chancen, was uns angeht, sehr gering sind. Aber wir wissen, dass Bühl ein sehr gutes Team ist und wir all unsere Energie und unseren Fokus auf dieses Halbfinale richten müssen. Wir schauen weder auf das Finale, noch interessiert uns, was mit Friedrichshafen oder Haching passiert.

Die Bühler haben Sie in der Hautrunde zweimal klar geschlagen.

Wir gehen die Serie auch selbstbewusst an. Wenn wir gut spielen, sind wir das beste Team der Bundesliga. Und das wollen wir natürlich auch zeigen, uns gut vorbereiten, gut spielen und gewinnen.

Im Pokalfinale hat Sie Friedrichshafen im Tiebreak noch abgefangen. Hat die Mannschaft diese Enttäuschung überwunden?

Ja, ich glaube schon. Das war eine unglaublich große Enttäuschung, aber auch ein ganz entscheidender Punkt in dieser Saison. Die Niederlage hat uns extra motiviert und wir haben uns neu fokussiert. Wir mussten ein paar Auswärtsspiele gewinnen, um Platz eins in der Tabelle zu verteidigen, unter anderem auch in Bühl. Das haben wir geschafft. Wir haben das Pokalfinale vielleicht noch nicht ganz vergessen, aber die Niederlage hat uns stärker gemacht.

Mit Bühl wird Björn Höhne nach Berlin kommen. Mit dem sind Sie vergangenes Jahr noch Meister geworden. Höhne sagt, Spiel eins sei entscheidend und vielleicht die beste Chance für eine Überraschung.

Björn ist mein Freund und ich kann schon verstehen, warum er das sagt. Ich denke nicht, dass es viele Überraschungen geben wird. Beide Teams kennen sich gut. Das erste Spiel ist schon wichtig, natürlich wollen wir einen guten Start erwischen, aber ein Spiel entscheidet nicht die Serie, drei Siege sind nötig.

Welche Rolle spielt die Videoanalyse bei der Vorbereitung auf die gegnerischen Teams?

Wir sehen uns zwei-, dreimal Videos der Gegner an, versuchen Tendenzen zu erkennen, das, was sie gern tun. Ich sehe mir auch Videos von mir an und vom gegnerischen Block, wie er gegen mich spielt. Mein Job als Zuspieler ist es ja, Gegenstrategien zu entwickeln.

Sie zeigen oftmals Spielzüge hinter ihrem Rücken an. Wie viel Zeit haben Sie, die umzusetzen?

Ich würde sagen, von der Annahme bis zu dem Moment, in dem ich eine Entscheidung treffen muss, vergeht weniger als eine Sekunde. Aber genau das mag ich, ich will den Ball haben, und ich liebe es, schnelle Entscheidungen zu treffen, die sowohl unser Team als auch den gegnerischen Block einbeziehen.

Sind die Entscheidungen oft spontan?

Vielleicht so zu 50 Prozent. Du hast einen Plan, weißt aber nie, was passieren wird. Das ist allerdings von Zuspieler zu Zuspieler unterschiedlich. Ich spiele gern mit vielen Freiheiten, dabei kommt zwar nicht immer der leichteste Spielzug heraus, aber es macht mir Spaß.

Für Ihre Mitspieler eine schöne Herausforderung.

Ja, aber Volleyball ist ein Teamsport. Alle müssen bereit sein. Sie wissen nicht, wo ich den Ball hin spiele, aber es funktioniert, wenn alle in ihren Anlaufrouten auf dem Weg sind. Mein Job ist es, den Ball zu verteilen und ihrer dann, zu punkten.

Zwei Filmemacher haben Ihr Team vor und während des Pokalfinales begleitet. Darin ist zu sehen, dass sich die Mannschaft in der Kabine um Sie versammelt und Sie sie dann auf das Spiel einstimmen. Sind Sie der heimliche Anführer, machen Sie das immer?

Wir haben viele Anführer in unserem Team. Ich mache das, weil ich dafür eine gewisse Leidenschaft habe und auch ein Hintergrundwissen. Ich habe online an der John-F.-Kennedy- Universität in San Francisco ein Masterstudium in Sportpsychologie angefangen. Ich versuche, eine Art Konzentration und geistige Bereitschaft herzustellen, weil in jedem vor großen Matches so viele Emotionen sind, die man nur sehr schwer kontrollieren kann. Die Gedanken fliegen in solchen Momenten. Es hat immer jemand kurz vor den Spielen eine kleine Ansprache gehalten. Wie ich es gemacht habe, hat allen gefallen, auch dem Coach. Und, ganz wichtig: wir haben gewonnen. Also mache ich es jetzt immer.

Sie verlangen dann, dass alle die Augen schließen und zwei perfekte Szenen vor dem inneren Auge Revue passieren lassen. Was stellen Sie sich in diesem Moment vor?

Meistens ist es ein perfekter Aufschlag und ein Zuspiel, das ich mir genau so vorstelle, wie es dann im Spiel werden soll. Diese Visualisierungen zusammen mit tiefem Atmen beruhigen und fokussieren nicht nur. Sie verschaffen auch Selbstvertrauen.

Sie haben noch ein weiteres Jahr Vertrag in Berlin.

Ja, aber auch eine Option, eventuell zu gehen. Aber darüber habe ich ehrlich noch nicht nachgedacht, ich bin jetzt drei Jahre in Berlin und fühle mich hier zu Hause und zum anderen bin ich nur auf das Play-off fokussiert. Ich will sehr gerne bleiben, werde aber auch schauen, ob es andere Optionen gibt.

In der Bundesliga sind Berlin und Friedrichshafen mit großem Vorsprung die Schwergewichte. Haching verliert nun seinen Hauptsponsor, Moers zieht sich zurück. Verfolgen Sie diese Entwicklungen in der Liga auch?

Selbstverständlich. Darüber mache ich mir Gedanken, wie alle bei uns im Klub. Wir wollen so gut sein, wie es nur irgend möglich ist, und das geht eigentlich nur, wenn du jederzeit herausgefordert wirst. Ich hoffe, dass in Haching ein Sponsor und in Moers Lösungen gefunden werden, um schnell zurück zu kommen. Alle Volleyball-Köpfe müssen sich in Deutschland zusammen tun, das Level der Liga, die eigentlich stark ist, zu halten und noch stärker zu machen.