Bundesliga

Das große Zetern im Abstiegskampf

Bei den Trainern liegen die Nerven blank, neuerdings beschimpfen sie sich gegenseitig

Es gibt ein interessantes Feld in der Forschung, das sich etwas sperrig Kognitionspsychologie nennt. Es geht um Wahrnehmung und – auf den Fußball bezogen – um verzerrte Wahrnehmung. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sich jeder noch so professionelle Schiedsrichter beeinflussen lässt. Akustische Reize spielen dabei eine entscheidende Rolle. Einfach gesagt, lassen pöbelnde Zuschauer oder zeternde Trainer einen Unparteiischen nicht kalt.

Weil der Mob im eigenen Stadion in der Überzahl und damit weitaus lauter ist, fallen Schiedsrichterentscheidungen im Zweifel eher mal für die Heimmannschaft aus. Mit hoher Wahrscheinlichkeit geschieht das unbewusst, auch das ist ein Ergebnis der Studien. Aber es passiert eben, was die Trainer an diesem Spieltag wieder mal an den Rand der Weißglut brachte. Es mag Zufall gewesen sein, dass sich vornehmlich Gastmannschaften grob benachteiligt fühlten. Das Wehklagen von Frankfurter, Nürnberger oder Braunschweiger Seite fiel jedenfalls unüberhörbar aus. Fakt ist aber, dass es noch nie so viele Abstiegskandidaten zu diesem Zeitpunkt der Saison gegeben hat wie in dieser Spielzeit. Bis hoch Platz elf, den derzeit Eintracht Frankfurt belegt, plagen jeden Klub noch Abstiegssorgen.

Weil sich der Kampf um den Klassenverbleib als Schneckenrennen gestaltet, werden die Nerven der Betroffenen nicht eben geschont. Ganz im Gegenteil, sie liegen zunehmend blank, derweil im Abstiegskampf die existenzielle Phase beginnt. Ein Sammelsurium an Leidgeplagten schlägt sich damit herum, und die sehen ihre Tortur nun auch noch durch Außenstehende verschlimmert.

Wie etwa der Frankfurter Armin Veh. Der Trainer hatte seine liebe Not mit den Entscheidungen der versammelten Schiedsrichtergilde, die sich da in Wolfsburg gegen sein Team verschworen hatte. Zumindest hatte Veh den Eindruck. Es stand 1:0 für seine Mannschaft, und die Führung hätte auf 2:0 erhöht werden können, wenn sich das Gespann der Unparteiischen nicht dagegen ausgesprochen hätte. Joselu traf, doch er wurde von Schiedsrichter Peter Gagelmann zurückgepfiffen. Abseits entschied er, unglücklicherweise vollkommen zu Unrecht. Drei Minuten später traf Ivica Olic, und am Ende gewann Wolfsburg durch einen Treffer von Naldo 2:1.

Linienrichter nicht auf der Höhe

Veh war restlos bedient. Er zürnte: „Mich ärgert es, wenn der Linienrichter die Spiele entscheidet.“ Ob er ihn noch mal aufsuchen wolle? „Mit dem brauche ich nicht zu sprechen, der soll seinen Job machen. Der hat voriges Jahr schon ein Spiel von uns entschieden. In Stuttgart pfiff er uns ein Tor ab, das ein klares war. Wir hätten wichtige Punkte holen können und haben das trotz sehr guter Leistung nicht“, klagte Veh. So bleibt es ein zehrendes Nervenspiel. Oder um es mit Veh zu sagen: „Ich bin stinksauer. Wie einer da die Fahne heben kann, ist mir ein Rätsel. Wir kämpfen wie die Ochsen mit dem letzten Aufgebot gegen den Abstieg und dann das.“ Klubchef Heribert Bruchhagen motzte Gagelmann gar im Kabinengang an: „Peter, das ist ein halber Meter gewesen. Was dein Kollege da winkt, das kann nicht sein.“

Die Abstiegsgefahr führte auch zu wilden Auswüchsen wie in der Partie des SC Freiburg gegen den 1. FC Nürnberg (3:2). Am Ende eines hochemotionalen Duells wollte sich FCN-Trainer Gertjan Verbeek allerdings nicht einmal mit seinem SC-Widersacher Christian Streich an einen Tisch setzen. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) schreibt zwar vor, dass nach einer Bundesligapartie beide Trainer zur Pressekonferenz erscheinen müssen. Streich aber saß allein auf dem Podium und mimte die Unschuld vom Lande. Was Verbeek ihm da andichten wolle, sei „die völlige Unwahrheit. Ich beschimpfe doch keinen Kollegen, völliger Wahnsinn“. Tatsächlich?

Klopp wirkt wie ein Waisenknabe

Streich hat eine große Schwäche. Bei Spielen ist er so vogelwild, dass Jürgen Klopp, der Dortmunder Zampano, gegen ihn wie ein Waisenknabe wirkt. Bei jeder strittigen Aktion schaut er wie ein Irrer zur gegnerischen Bank und zetert los. Wie gegen Nürnberg. Streich baute sich fortwährend vor Verbeek auf. Dem wurde das zu bunt, was in einer legendären Wutrede gipfelte, die neben Streich auch Schiedsrichter Jochen Drees in keinem guten Licht dastehen ließ.

Der Wortlaut, leicht gekürzt: „Das war ein gutes Spiel, wo wir fast die ganze Zeit gegen zwölf Mann gespielt haben. Wenn du nicht bestehst gegen diese Emotionen, die es hier gibt, und wenn du nicht geschützt wirst, auch nicht durch den vierten Offiziellen, wenn du siehst, wie der Trainer mich beschimpft hat, das ist unverschämt, brutal, respektlos! Das habe ich noch nie mitgemacht. Das ist kein Kollege von mir, das ist brutal! Wie ein Verrückter hat er agiert, bei jedem Mal, wenn etwas passiert ist. Eine Entschuldigung würde ich nicht annehmen. Du siehst auch, wie der Schiedsrichter da mitgeht. Wenn ein Spieler so schlecht spielt, dann spielt er das nächste Mal nicht. Das heißt: Er darf nicht mehr pfeifen.“ Auch am Tag danach gab er sich unversöhnlich, gestand aber, dass Streich ihn wohl nicht direkt beschimpft hätte. „Wenn man aber sieht, welche Handzeichen er gemacht hat, da war klar, dass das nicht freundlich gemeint war.“ Vor dem Spiel hatten sich bis zu 160 Fans beider Teams geprügelt.

Dem Abstiegskampf hat sich auch Torsten Lieberknecht vom Letzten Eintracht Braunschweig verschrieben. Die Niedersachsen schöpfen wieder Hoffnung. Das Ende des 1:1 in Leverkusen aber sah der Trainer wieder mal von der Tribüne aus, zum dritten Mal in dieser Saison. „Ein Witz“, haderte Lieberknecht, er habe sich zwar aufgeregt, aber ohne jemanden zu beleidigen, wie er beteuert: „Ich habe zu keinem Schiedsrichter etwas gesagt.“ Gut möglich, dass er dennoch bestraft wird. Der Ausgang dieser Angelegenheit aber dürfte spannend werden. Lieberknecht will nämlich nicht wie üblich an den DFB überweisen. „Wenn ich eine Strafe bekomme, dann entscheide ich, wohin ich die bezahle.“ Er postulierte, ihn verbiege keiner. Nicht einmal der Abstiegskampf.