Formel 1

Der Druck auf Vettel wächst

Formel-1-Weltmeister im Aufschwung, doch der Doppelsieg für Hamilton und Rosberg belegt Überlegenheit der Silberpfeile

Nachdem er ihn besiegt hatte, machte Lewis Hamilton den Vettel. Erst kletterte er mit erhobenem Zeigefinger aus seinem Dienstwagen, dann streichelte er seinen Mercedes-Boliden so liebevoll, wie Rennfahrer ihre Autos nach großen Siegen eben streicheln. Von dort aus sprintete der Brite zu seinen Mechanikern, die mit ausgebreiteten Armen auf den Sieger warteten. In dieser Manier hatte auch der Weltmeister im Vorjahr oft seine Triumphfahrten beendet, in Indien war er sogar vor seinem Auto auf die Knie gefallen. Nachdem Hamiltons Teamkollege Nico Rosberg beim Formel-1-Auftakt vor zwei Wochen dominiert hatte wie 2013 nur Vettel, zelebrierte nun Hamilton seinen Triumph in Malaysia wie der Seriensieger.

Mochte Hamiltons Jubel-Choreografie auch dem Überschwang des Moments geschuldet sein, illustrierte sie trotzdem die neue Tektonik der Formel 1. Die Verhältnisse, das wurde auch in der tropischen Hitze vor den Toren Kuala Lumpur wieder deutlich, haben sich verschoben. Nicht mehr die lila-blauen Red-Bull-Boliden sind das Maß der Dinge, sondern die silbernen Autos mit dem Stern auf der Schnauze. Hamilton gewann klar vor Kollege Rosberg, der wiederum kaum Schwierigkeiten hatte, den drittplatzierten Vettel in Schach zu halten. Viereinhalb Jahre nach der Formel-1-Rückkehr als eigenständiger Rennstall gelang Mercedes nun der erste Doppelsieg. Vor allem dessen Entstehen dürfte den Schwaben Vorfreude auf die restlichen 17 Grands Prix machen.

„Gigantisch, was wir heute für ein Auto hatten, um alle wegzuputzen. Das war ein großer Tag für uns alle“, sagte Rosberg später an die Adresse der mehr als 200.000 Daimler-Angestellten: „Wir profitieren hier von den tollen Leistungen aller Mitarbeiter.“ Dass er noch vor der ersten Kurve an dem vor ihm gestarteten Vettel vorbeiziehen konnte, hatte er allerdings weniger den Daimler-Sekretärinnen und -Pförtnern zu verdanken, als vielmehr dem überlegenen Antrieb. Da Hamilton über einen ebenso starken Motor verfügt, konnte Rosberg ihn nicht überholen und besann sich fortan darauf, die silberne Doppelspitze abzusichern. Am Ende hatte Ex-Weltmeister Hamilton 24 Sekunden und Rosberg sieben Sekunden Vorsprung vor dem Rest des Feldes. Zwischenzeitlich konnten beide in einen benzin- und motorschonenden Modus übergehen – so groß war ihre Überlegenheit.

Der Drittplatzierte fühlte sich trotzdem ein Stück weit als Sieger des Tages. Selten hat man Vettel derart glücklich auf die niedrigste Stufe des Podests klettern sehen. Im Trockenen hatte der Red-Bull-Pilot, vom Qualifikations-Monsun auf Startplatz zwei gespült, erwartungsgemäß Defizite bei der Spitzengeschwindigkeit. Dennoch wähnte er sich und sein Team auf dem richtigen Weg. „Wir haben definitiv einen Schritt nach vorn gemacht“, sagte er mit Blick auf den Null-Punkte-Start in Melbourne: „Wir sind noch nicht da, wo wir eines Tages hinwollen. Aber die Richtung stimmt wenigstens.“

Ricciardo hart bestraft

Das konnte auch Daniel Ricciardo gut 40 Runden von sich behaupten. Der junge Australier bot seinem prominenten Red-Bull-Kollegen als Vierter lange Paroli, beim Start zog er sogar kurzzeitig an ihm vorbei. Doch dann begannen seine persönlichen zehn Seuchenminuten, die ihm nicht nur dieses Rennen versauten, sondern womöglich auch noch das nächste.

Alles begann damit, dass seine Mechaniker beim Boxenstopp das linke Hinterrad nicht richtig festschraubten. Ricciardo blieb danach noch in der Boxenstraße stehen und musste zurückgeschoben werden. Das Manöver ließ ihn vom sicheren vierten Platz aus weit zurückfallen. Bei seiner Aufholjagd touchierte er einen Randstein so unglücklich, dass sich der Frontflügel auf einer Seite löste und ihm das rechte Vorderrad aufschlitzte. Auf dem Weg zurück zur Garage verstreute er so viele Trümmer auf der Strecke, dass er mit einer Durchfahrtstrafe für die Gefährdung seiner Kontrahenten belegt wurde. Zusätzlich wird er beim nächsten Rennen in Bahrain (6. April) um zehn Plätze nach hinten versetzt – das neue, strenge Reglement will es so. „Es war kein schlechtes Rennen, sondern einfach Pech“, sagte Ricciardo mit Bitterkeit in der Stimme: „Es waren zwei unglückliche Ereignisse, die mein Rennen ruiniert haben.“ Bereits beim Heimrennen in Melbourne war ihm aufgrund einer unzulässigen Benzindrosselung sein zweiter Platz aberkannt worden. Ricciardos Misere trübte bei Red Bull die Freude über den Aufschwung.

Bis sie auf dem Niveau des Sterneteams angekommen sind, dauert es aber wohl noch eine Weile. In Malaysia erneuerte Motorsport-Berater Helmut Marko die Kritik an Motorenlieferant Renault. „Schaut man auf das Chassis, sind wir absolut an der Spitze. Der kranke Teil ist immer noch der Motor. Es liegt an Renault. Die vereinbarten Werte sind noch nicht erreicht worden“, sagte der einflussreiche Ex-Rennfahrer: „Wir diskutieren über einen Wechsel. Aber wir sind jetzt an das gebunden, was wir haben. Wir können nicht sagen: Ab morgen nutzen wir einen Mercedes-Motor. Dieses Auto ist um einen Renault gebaut, wir machen das Beste aus der Situation, klug und mit ruhigem Blut.“ Frühestens beim ersten Europa-Rennen in Barcelona Mitte Mai sei man in der Lage, um Siege mitzufahren. Bis dahin gehe es darum, den Rückstand so gering wie möglich zu halten.

Mit derlei Gedankenspielen muss sich Nico Hülkenberg nicht belasten. Mit der Titelvergabe wird der Force-India-Pilot wohl nichts zu tun haben; ihm geht es darum, einzelne Highlights zu setzen. Am Sonntag gelang ihm das bereits zum zweiten Mal in Serie: Nach Platz sechs im ersten Rennen fuhr er in Malaysia sogar noch einen Rang weiter nach vorn und hätte beinahe noch Ferrari-Star Fernando Alonso abgefangen. Im Gesamtklassement liegt er somit vor Vettel.