Rückkehr

Einer gegen den Frust

Der lange verletzte Spielmacher Alexander Baumjohann soll Hertha die Leichtigkeit zurückbringen

Alles war für eine fröhliche Veranstaltung gerüstet. Lautsprecher waren aufgestellt, die Sonne brachte ein fast sommerliches Ambiente. Dazu Tore für aufregende Fußballspiele. Doch das war die Unbekümmertheit eines D-Jugendturniers im Olympiapark. Auf dem Platz gegenüber stand Hertha-Trainer Jos Luhukay, die Arme verschränkt, das Basecap tief ins Gesicht gezogen, in Gedanken versunken am Tag nach dem 0:2 beim FC Schalke 04, dem sechsten sieglosen Spiel in Folge. Seine Mannschaft lief im Kreis um den Platz, der Trainer blieb genau in der Mitte stehen und schaute seinen Spielern nach. Als würde er jeden einzelnen taxieren. Denn klar ist, dass Hertha im Moment große Schwierigkeiten hat, das Bundesliganiveau mitzugehen. Heranbringen soll das Team nun ausgerechnet ein Profi, der bis zum Spiel in Gelsenkirchen fast sieben Monate keine Bundesligapartie bestritten hat.

„Man muss immer das Positive sehen“, versuchte es Luhukay einen Tag nach dem Spiel gegen eine mit vielen jungen Spielern verstärkte Schalker Mannschaft, die seinem Team in Details deutlich machte, woran es gerade bei den Berlinern in der Bundesliga fehlt. Den Niederländer nahm diese Partie mehr mit, als er zuzugeben bereit war. Doch als es um das Positive ging, sprach der Trainer nicht von den guten Torchancen, die sein Team herausgespielt hatte. Auch nicht vom Siegeswillen, den Mittelfeldspieler Änis Ben-Hatira gesehen hatte. Er sprach mehr von einem Signal als von einer Spielsituation. „Das Schönste war eigentlich die Rückkehr von Alexander Baumjohann. Mehr als ein halbes Jahr nach seinem Kreuzbandriss hat er endlich wieder das Gefühl, als Fußballer dabei zu sein. Das haben wir ihm zugetraut und auch gewünscht.“

Auch Ramos fehlt derzeit Effizienz

Durch die ausbleibenden Erfolge befindet sich Hertha in einem Schwebezustand. Eigentlich fehlt nur ein Sieg, um den Klassenerhalt perfekt zu machen. Doch dieser entscheidende Sieg will nicht gelingen. „Das verfolgt uns seit Wochen. Es liegt an den Details“, haderte Luhukay etwas. Die Details sind im Defensivverhalten zu suchen. Dort lässt Hertha sehr wenig Chancen zu, die werden aber eiskalt vom Gegner ausgenutzt, wie gegen Schalke Nico Schulz von Chinedu Obasi demonstriert bekam. „Wir sind immer mit sehr hoher Qualität konfrontiert. Das ist eben Bundesliga, und das ist sehr hart“, sagte der Trainer. Was das im Umkehrschluss für das aktuelle Niveau seiner Spieler bedeutet, ließ er offen. Doch bereits nach dem Spiel gegen Bayern (1:3) machte er klar, dass bis auf Adrian Ramos jeder Hertha-Profi froh sein könne, wenn er es in den 18er-Kader eines Bundesligisten schafft.

Aktuell fehlt es an der Leichtigkeit der Hinrunde, in der Hertha bei jedem Anschein einer sportlichen Delle einen Sieg geholt hatte. Dabei half die Effizienz vor dem Tor, die aktuell selbst einem Top-Stürmer wie Ramos fehlt. Hertha betreibt einen immensen Aufwand, der nicht belohnt wird. „Das ist eine Phase, die nicht leicht für die Mannschaft ist. Nach dem Spiel sieht man dann schon in den Gesichtern einiger Spieler Ratlosigkeit“, sagte Sebastian Langkamp. „Nicht bei mir. Ich bin nur frustriert“, fügte der Verteidiger hinzu. Von Ratlosigkeit will sein Trainer hingegen nichts gesehen haben. Aber er gibt zu, dass die ausbleibenden Erfolge auf das Gemüt schlagen. „Je länger das fehlt, desto mehr wird das ein mentales Problem. Wir fühlen zwar keine Krise, aber wir sind alle frustriert.“

Vielleicht hatte man nach der Hinrunde mit 28 Punkten bereits das Gefühl gehabt, weiter zu sein. Auch wenn nach außen immer das Ziel Klassenerhalt beibehalten wurde. Die Realität war ein Platz nahe am internationalen Geschäft und eine zum Teil begeisternd schnelle Spielweise. Noch vor wenigen Wochen behielt man sich bei Hertha eine Korrektur des Saisonziels offen. Jetzt scheint das alles weit weg. Wird Luhukay auf die Misserfolgsserie angesprochen, reagiert der Trainer bisweilen gereizt: „Wir können nicht 34 Spieltage am Stück ein konstant hohes Level spielen. Das schaffen auch sehr gute Mannschaften nicht. Wie soll uns das als Aufsteiger gelingen?“

Ganz und gar nicht in diese Atmosphäre des Frustes passt das fröhliche Gesicht von Alexander Baumjohann. Der Mittelfeldspieler wurde zuletzt schmerzlich vermisst. Auch wenn er in den 30 Minuten seines Comebacks auf Schalke nicht das 0:2 verhindern konnte, wirkte er ausgelassen. Die Erleichterung, endlich wieder normal spielen zu dürfen, war ihm anzusehen: „Ich denke kein bisschen mehr an das Knie.“ Er versprühte eine positive Grundstimmung, die Hertha gerade etwas abgeht.

Luhukay kann mit Baumjohann wieder mehr Qualität und Selbstbewusstsein in sein Team bringen. In den fünf Spielen bis zu seiner schweren Verletzung hatte er mit drei Torvorbereitungen Anteil an Herthas Erfolg. Ein bisschen wirkte der 27-Jährige hin und her gerissen. Zwischen der professionell geschliffenen Fußballersprache, als er sagte: „Kein Spieler der Welt bringt nach sechsmonatiger Verletzungspause sofort wieder Topleistung. Aber ich möchte der Mannschaft helfen, wieder in die Erfolgsspur zu finden.“ Das Glücksgefühl, das ihn so stark bewegte, überwog aber: „Auch wenn wir 0:8 auf Schalke zurückgelegen hätten, wäre ich froh gewesen, dabei zu sein.“ Allein seine positive Ausstrahlung sollte Hertha in den nächsten Spielen helfen.