Interview

„Wir sind jetzt reif für den Titel“

Pierre Littbarski, Weltmeister von 1990, über die deutschen Chancen beim Turnier in Brasilien

So viel steht fest: Pierre Littbarski, 53, kann immer noch akzentfrei berlinern. Für jemanden, der seine Heimatstadt mit 18 Jahren verlassen hat und seither durch Deutschland und die Welt tingelt, ist das gar nicht so selbstverständlich. Doch der Fußball-Weltmeister von 1990 schaut ja noch öfter vorbei. Diesmal führt ihn das von Coca Cola organisierte Fanfest, das am Sonntag ab 13 Uhr vor dem Brandenburger Tor stattfindet und bei dem der WM-Pokal aus nächster Nähe erlebt werden kann, in die Hauptstadt. Gemeinsam Horst Eckel, Weltmeister von 1954, und Bernd Hölzenbein, Weltmeister von 1974, präsentierte Littbarski die Trophäe.

Berliner Morgenpost:

Herr Littbarski, Sie arbeiten derzeit als Chefscout beim VfL Wolfsburg. Wie eng ist Ihre Beziehung nach Berlin noch?

Pierre Littbarski:

Meine Mutter wohnt hier, Wolfsburg ist ja auch nicht weit entfernt. Weil ich durch meine Tätigkeit sehr viel reise, bin ich viermal im Monat in Tegel. Ansonsten muss natürlich der Kudamm herhalten, um die Currywurst-Erinnerung hochzuhalten.

Am Freitag unterlag Hertha BSC gegen Schalke 0:2. Verfolgen Sie Hertha?

Wenn man von hier kommt, gehört das dazu. Speziell weil ich Trainer Jos Luhukay als Typen mag. Ich bin überrascht und erfreut, dass die Mannschaft sehr attraktiv und erfolgreich spielt.

Sie durften gerade noch einmal mit Ihrer großen Zeit in Berührung kommen und den echten WM-Pokal hochheben. Wie war es?

Ich habe da ja eine besondere Geschichte, weil wir 1982 und 1986 das Finale verloren haben und ich den Pokal nicht anfassen durfte. 1990 war dann natürlich die Erfüllung aller Träume, und ich wollte ihn nie wieder hergeben. Das Original in der Hand zu halten, ist das Größte überhaupt. Dieses Gefühl kam gerade zurück. Aber der Pokal wird dir auch schnell wieder aus den Händen gerissen. Dafür haben wir 1990 ein Rasenstück aus Rom bekommen, unter Plexiglas. Das ist mein Schatz.

Viele haben das Gefühl, dass es im Sommer Zeit ist für den Titel. Sie auch?

Ich wünsche es den Jungs, weil ich sie gern spielen sehe. Sie spielen guten Fußball. Mit leichter Anstrengung können wir unter die letzten Vier kommen, dann ist die Feinabstimmung gefragt. Ich glaube, dass wir jetzt reif sind.

Wenn Sie Ihr Team von 1990 mit dem von heute vergleichen, was fällt Ihnen auf?

Wir hatten noch so ein paar Bekloppte drin, die unbedingt gewinnen wollten. Gegen die konntest du nicht mal „Mensch ärgere dich nicht“ spielen, ohne dass sie gekämpft haben und verbissen waren. Dieses Quäntchen braucht es auch. Das hat sich jetzt allerdings entwickelt, Spieler wie Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm sind sehr hungrig, die bringen auch die jungen Spieler in die richtige Bahn.

Und sonst?

Die Qualität, die wir haben, ist sehr hoch. Wir sind technisch sehr stark, wir haben Leute, die nicht nur gut Fußball spielen, sondern auch Tore machen können. Außerdem waren die vergangenen Turniere sehr lehrreich.

Wie hat sich das Spiel verändert?

Früher konnte man den Ball länger halten, man hatte mehr Raum und Zeit. Das gibt es heute nicht mehr, du musst schnell reagieren und schnell spielen. Das ist ein Riesenunterschied.

Welche Gefahren lauern in Brasilien?

Die Mannschaft muss sich auf die klimatischen Bedingungen einstellen. In Mexiko habe ich das 1986 gemerkt, da war nichts mit zehn Mal die Linie rauf und runter rennen, nach zweimal warst du fertig gewesen. Wenn wir uns da vom Stil her ein bisschen ändern können, weil 90 Minuten Hochgeschwindigkeits-Fußball nicht möglich sind, dann haben wir eine Chance auf das Finale.

Wer könnte den Weg dorthin verbauen?

Die Südamerikaner sind sehr hoch einzuschätzen, weil sie einfach die ganzen Verhältnisse kennen. Ich sage es mal ganz trivial, die wissen, wie der Ball auf diesem Rasen rollt, wie er fliegt, die wissen, wie man bei diesen Klimaverhältnissen spielt. Die haben keine Eingewöhnungsprobleme. Deshalb ist es dort immer recht schwierig, und ich glaube, es hat ja auch noch nie eine europäische Mannschaften in Südamerika gewonnen. Aber Spanien ist auch sehr stark.

Und Brasilien hat Heimvorteil.

Ja, ich tippe auf ein Finale gegen Brasilien. Dort gewinnt Deutschland dann 1:0.

Glauben Sie, dass Deutschland eine ähnliche Dominanz aufbauen kann wie die Spanier in den vergangenen Jahren?

Das Gewinnen eines Turniers baut ein ganz anderes Selbstbewusstsein auf. Mit jeder Niederlage zweifelst du natürlich, die Trainer überlegen, ob alles richtig gemacht wurde. Wenn wir gewinnen und uns die Altersstruktur in den Vereinen, den Erfolg von Bayern und Dortmund ansehen, glaube ich, dass wir über Jahre erfolgreich sein können. Aber wir dürfen nicht so vermessen sein, die anderen Länder abzutun.

Sie haben viele Länder gesehen, sind Sie in Wolfsburg jetzt zur Ruhe gekommen?

In den letzten 25 Jahren bin ich etwa 20 Mal umgezogen, habe in verschiedenen Ländern gelebt und Erfahrung gesammelt. Es gefällt mir in Wolfsburg, ich habe da mein Plätzchen gefunden. Das ist auch mehr eine Familienentscheidung, der Papa muss auch mal zurückstehen für die Kinder.

Werden Sie in Brasilien sein?

Ich schaue am Fernseher zu, da wird alles so schön präsentiert, und ich kann unsere Tore immer wieder ansehen.