Motorsport

„Die Formel 1 liegt auf der Intensivstation“

Fia-Präsident Todt befürchtet Team-Schwund. Hamilton und Vettel beherrschen Malaysia-Training

Jean Todt ist nicht nur Chef des Motorsport-Weltverbandes Fia, er ist auch ein Mann des feinsinnigen Humors. Außerhalb von Terminen, die mit seinem weltweit ausgeübten Job zusammenhängen, kommt es vor, dass er schon mal eine Krawatte trägt, auf der kleine Rennwagen hin und her fahren. Seine öffentlichen Stellungnahmen sind häufig eher zurückhaltend, abwägend. Doch kommt die Sprache auf die Motorsport-Königsklasse, ist der 59-Jährige derzeit auch um klare Worte nicht verlegen.

Angesprochen auf seine Sicht der Dinge in der aktuellen Formel 1, wurde der Franzose, der einst als Rallye-Co-Pilot selbst um WM-Punkte gekämpft hat, ungewohnt deutlich. Zwei Themen liegen ihm besonders am Herzen. Da sind zunächst die Finanzen. Gefragt nach der latent im Gespräch befindlichen Deckelung der Ausgaben, die Formel-1-Teams in einer Saison ausgeben dürfen, ging der Todt aufs Ganze. „Alle wollen diese Obergrenze. Das muss schriftlich fixiert werden. Dann ist es für alle verbindlich. Muss jedes Team für 19 Rennen zwischen 300 und 800 Mitarbeiter vor Ort haben? Natürlich nicht. Die Teams kommen zu mir und zu Bernie Ecclestone und flehen uns an, endlich die Budgetgrenze einzuführen. Ich höre, dass Sauber Probleme hat und Williams auch. Lotus hat angeblich seinen Fahrer nicht bezahlt.“ Und weiter: „So geht‘s nicht weiter. Ich habe Angst, dass wir Teams verlieren. Viele schreien um Hilfe. Unser Job ist es, diese Hilfeschreie zu hören. Die Formel 1 liegt auf der Intensivstation. Bis Ende Juni muss eine Lösung für dieses Problem her.“

Doch auch Todt weiß, dass bislang die Versuche, die Kosten oder den Personaleinsatz zu limitieren, flugs ausgehebelt wurden. Gab man früher die komplette Zahl der Mitarbeiter an der Strecke bekannt, wurden später diverse Angestellte zum Angehörigen von Stabsabteilungen wie Marketing, Presse- oder VIP-Betreuung deklariert. Und um das Team-Budget einer Firma wie Ferrari oder Mercedes zweifelsfrei zu kontrollieren, müssten die Hersteller Einblicke in ihre Bücher gewähren, die momentan nicht denkbar sind. Trotzdem ließ Todt nicht locker. „Niemand kann eine Formel 1 wollen, in der die Hälfte der Fahrer bezahlen muss, um dabei zu sein. Niemand. Die Formel 1 ist das Aushängeschild des Motorsports – also muss sie vorangehen“, befand der Fia-Präsident. Das „Vorangehen“ gilt nach seiner Ansicht auch für die gravierenden technischen Änderungen, die mit Start in die Saison 2014 relevant sind. „Natürlich gab es einige Schwierigkeiten beim Auftakt. Das finde ich normal. Glauben Sie mir: Im Laufe der Saison wird sich das regeln.“

Zweiter wichtiger Aspekt auf der Todt-Agenda ist der Umweltschutz, oder besser die Steigerung der Akzeptanz des Spitzenmotorsports durch umweltverträgliche Veränderungen. Ob das Regelwerk 2014 nicht einer Revolution gleichkomme, war zuletzt eine oft gestellte Frage. Jean Todt: „Ich mag das Wort Revolution in diesem Zusammenhang nicht. Wandel passt besser. Die ganze Welt ist im Wandel, warum sollte da die Formel 1 außen vor bleiben? Die Formel 1 muss aufwachen: Umweltverschmutzung, Finanzkrise, schwindende Ressourcen – das sind Probleme, die sich nicht leugnen lassen. Wenn die Formel 1 die Königsklasse des Motorsports bleiben will, muss sie sich verändern.“

Vertrauen in die Top-Fahrer

Den neu eingeführten Strafenkatalog für Fahrer befürwortet der Franzose. „Ziel dieser Maßnahme ist es, Fahrer für Vergehen zu bestrafen, die sie begangen haben. Das alles passiert auf einer rationalen Grundlage. Es ist wie im Leben.“

Den sportlichen Verlauf der gerade begonnene Saison macht Todt nicht am etwas überraschenden Australien-Ergebnis fest. Auch nicht daran, dass sich im Regenchaos beim Abschlusstraining zum heutigen Großen Preis von Malaysia (10 Uhr RTL und Sky live) mit Lewis Hamilton, 29, im Mercedes als Schnellster und Sebastian Vettel, 26, im Red Bull auf Position zwei wieder die etablierten Fahrer am besten in Szene setzen konnten. Dennoch sind seine Erwartungen an den Saisonverlauf eher konservativ: „Qualität setzt sich immer durch – deswegen glaube ich nicht, dass die Teams, die in den vergangenen Jahren stark waren, plötzlich hinterherfahren werden. Trotzdem ist der Weltmeister so unvorhersehbar wie lange nicht mehr – das finde ich gut.“