Interview

„Wir sind eine neue Generation“

Weltklassesprinter André Greipel über die Wahrnehmung deutscher Radprofis und seine Ziele für die Klassiker-Saison

Mailand-San Remo bildet den Auftakt der Frühjahrsklassiker im Radsport. André Greipel, 31, gehört neben Vorjahressieger Gerald Ciolek und John Degenkolb heute zu den deutschen Favoriten beim 294 Kilometer langen Rennen. Der Rostocker, der im Vorjahr eine Etappe bei der Tour de France gewann und Deutscher Meister wurde, sprach mit Sebastian Fiebrig über die Wahrnehmungsprobleme seiner Branche.

Berliner Morgenpost:

Sie haben am Anfang des Jahres zwei Etappensiege bei der Tour Down Under in Australien, einen bei der Tour of Qatar und drei bei der Tour d’Oman gefeiert. Was haben Sie sich als nächstes vorgenommen?

André Greipel:

Eigentlich sind diese Erfolge erschreckend für mich. Denn ich habe noch nie so viele Etappen gewonnen wie bisher. Aber ich habe noch nie einen Frühjahrsklassiker gewonnen. Die stehen jetzt an. Da hätte ich schon gerne ein gutes Ergebnis bei Paris-Roubaix. Mailand-San Remo wäre toll. Da würde ich gerne einmal einen Sieg feiern.

In Deutschland schaut man vor allem auf die Tour de France. Da ist die erste Etappe für einen Sprinter wie Sie die einzige Möglichkeit, ins Gelbe Trikot zu schlüpfen. Letztes Jahr ist das Ihrem Konkurrenten Marcel Kittel gelungen. Ein besonderer Anreiz?

Es ist nicht sehr häufig der Fall, dass man sich als Sprinter auf der ersten Etappe das Gelbe Trikot schnappen kann. Im letzten Jahr war das der Fall, und ich hoffe, dass es dieses Jahr auch so sein wird. Ich sage aber immer: Wenn man auf der Tour eine Etappe gewinnt, ist man einer von möglichen 20 Fahrern. Das schaffen nicht viele, in diesen Bereich zu kommen. Das möchte ich erreichen. Alles andere, was noch dazu kommt, ist Bonus.

Ist das die Demut vor der Tour?

Man muss sich einfach immer realistische Ziele setzen. Jeder andere, der vorher sagt, dass er fünf Etappen bei der Tour gewinnt, ist für mich unglaubwürdig. Es gibt einfach Konkurrenz, gerade bei mir im Sprintbereich. Dort trifft man im Bruchteil von Sekunden richtige oder falsche Entscheidungen. Das ist einfach nicht planbar.

Bruchteil von Sekunden trifft es vor allem bei Massenankünften. Können sich die Zuschauer wieder auf einen Sprint-Dreikampf zwischen Ihnen, Marcel Kittel und Mark Cavendish freuen?

Das glaube ich schon. Auf dem Papier geht es zwar nicht nur um die drei Fahrer, sondern um die drei Sprintzüge. Cavendish hat jetzt natürlich mit Alessandro Petacchi und Mark Renshaw zwei starke Anfahrer dabei, aber ich denke, dass mein Sprintzug auf jeden Fall auch stark ist. Am Ende zählen die letzten 200 Meter, auf denen die Sprinter dann entsprechend platziert sind. Wenn wir drei alle auf einer Linie sind und lossprinten, sieht man keinen Unterschied. Das wird auf jeden Fall interessant.

Die Deutschen konnten mit Tony Martin, Marcel Kittel und Ihnen wieder Erfolge feiern. Hilft das, den beschädigten Ruf des Radsports hierzulande wiederherzustellen?

Ich sage immer: Mit den visuellen Medien kommt das Interesse am Radsport zurück. Das ist meiner Meinung nach noch nicht der Fall. Das macht mich auch traurig. Denn es gab nicht viele Jahre, in denen der deutsche Radsport wie im vergangenen Jahr sechs Etappen bei der Tour gewinnen konnte. Tony Martin ist seit drei Jahren Weltmeister im Zeitfahren. Wir fahren zwar nicht für die Medien, aber so ist es schwierig ohne sie, Sponsoren zu finden, um vielleicht mal wieder ein deutsches Team bei der Tour am Start zu sehen.

Wenn die großen Medien wegbleiben, muss man selbst aktiv werden. Sie haben über 60.000 Follower bei Twitter und schreiben dort auf Englisch für ein internationales Publikum. Was ist der Vorteil für Sie an dieser Art der Kommunikation?

Twitter ist ein super Medium. Damit kann ich alle unterhalten, die etwas von mir wissen wollen. Das ist dann auch immer genau das, was ich sagen möchte. Und jeder kann mir antworten, und ich kann darauf eingehen.

Sie sind seit geraumer Zeit beim belgischen Lotto-Team unter Vertrag und haben einmal gesagt, dass Sie froh sind, nicht für ein deutsches Team zu fahren. Liegt das an dem starken Fokus auf Doping im Radsport in Deutschland?

Sagen wir es mal so: Ich bin mir der Sache auf jeden Fall bewusst. Das, was damals im Radsport passiert ist, war Teil einer Generation, die es jetzt nicht mehr gibt. Der Sport ist von Grund auf neu gestaltet worden. Sei es von trainingsspezifischer Seite, sei es von der Organisation im Team. Wir sind eine neue Generation, müssen uns aber weiter mit der Vergangenheit auseinandersetzen und manchmal eben auch plagen. Ich verstehe jeden Zuschauer, der das damals miterlebt hat und jetzt über die Rennfahrer schimpft. Aber ich persönlich ziehe mir diesen Schuh nicht an. Ich kann nur mit meiner sportlichen Leistung versuchen, das Publikumsinteresse zu gewinnen.

Sie beklagen sich, dass gerade im Amateur- und Freizeitbereich nicht nicht mehr so viele Rennen in Deutschland stattfinden. Woran liegt das?

Das fängt schon in den Vereinen an. Es ist schwierig, Landestrainer und Vereinstrainer zu finden, die das den Kindern beibringen. Dazu kommt durch die Dopingskandale in der Vergangenheit, dass sich viele Mütter und Väter fragen, warum ihre Kinder überhaupt Rad fahren sollten. Zusätzlich kostet es viel Geld und fordert einen enormen Zeitaufwand. Da ist es dann schwierig, gegen eine Spielekonsole anzukämpfen. Ich persönlich unterstütze zwei Vereine, für die ich selbst gefahren bin. Dem SSV Gera und dem PSV Rostock habe ich Räder, Helme, Schuhe gestellt. Alles was teuer ist, damit es den Kindern leichter fällt, wieder in den Sport zu finden.