Hertha BSC

„Wir müssen vier neue Spieler holen“

Hertha-Trainer Luhukay über die Zukunft ohne Ramos und die Spiele gegen Gladbach und Bayern

Hertha BSC steht vor einer aufregenden Woche. Am heutigen Sonnabend geht es zu Borussia Mönchengladbach (18.30 Uhr, Sky), am Dienstag kommt der FC Bayern, am kommenden Freitag steht die Dienstreise zum FC Schalke an. Morgenpost-Redakteur Jörn Meyn sprach mit Hertha-Trainer Jos Luhukay über seine Jugenderinnerungen an den Bökelberg, über die Rückkehr von Pierre-Michel Lasogga und über mögliche Verstärkungen in Sommer.

Berliner Morgenpost

: Herr Luhukay, Sie sagen, dass Sie die legendäre Fohlenelf von Borussia Mönchengladbach auswendig aufzählen können. Lassen Sie mal hören!

Jos Luhukay:

Die Mannschaft Anfang der 70er-Jahre kenne ich zum Großteil noch auswendig. Ich war damals oft im Stadion. Berti Vogts, Günter Netzer, Jupp Heynckes, Wolfgang Kleff im Tor, Rainer Bonhof, Allan Simonsen usw.

Welcher Spieler hat Sie damals am meisten beeindruckt?

Als kleiner Junge war ich ein Fan von Allan Simonsen. Der war unglaublich dribbelstark und hat das Risiko gesucht.

Sie als Spieler haben Simonsen ja etwas geähnelt: klein, wendig, dribbelstark.

Der Vergleich hinkt ein wenig. Ich hab’ es nicht so weit nach oben geschafft. Als ich später selbst Profi war, wollte ich nicht unbedingt sein wie Simonsen.

Sie hatten als 15-Jähriger das Angebot, ins Jugendteam von Borussia Mönchengladbach zu wechseln?

Ja. Ich hatte damals drei Angebote: Gladbach, PSV Eindhoven und Venlo, mein Heimatklub. Ich habe mich für Venlo entschieden. In Gladbach und Eindhoven hätte ich B-Jugend gespielt. In Venlo bin ich sofort ins erste Team aufgestiegen, das in der zweiten holländischen Liga gespielt hat. Hinterher kann man sich natürlich fragen, was wäre gewesen, wenn ich nach Gladbach gegangen wäre?

Haben Sie das nie bereut?

Nein, nie. Das habe ich in meinem Leben nie gemacht – ob als Spieler oder später als Trainer. Als ich mich im Sommer 2012 für Hertha entschieden habe, haben mich viele Freunde gefragt, warum ich mir das antue. Aber ich überlege mir meine Schritte sehr genau und bin dann mit vollem Herzen dabei, ohne zurückzuschauen.

Gladbach war nicht nur der Beginn Ihrer Karriere als Bundesligatrainer. Sie haben dort auch als Profi einen unverhofften Höhepunkt erlebt.

Stimmt. Ich habe mit Bayer Uerdingen in Gladbach mein zweites und letztes Bundesligaspiel gemacht. In der Saison 1995/96 wurde ich gegen Borussia eingewechselt, wir haben 1:2 verloren. Eigentlich war das gar nicht mehr geplant. Ich war 33 und wollte in Uerdingen als Jugendtrainer arbeiten. Aber als die Mannschaft im Abstiegskampf steckte, hat mich Friedhelm Funkel, der damals Trainer war, gefragt, ob ich bereit wäre, zu helfen.

Als Trainer sind Sie in Mönchengladbach wegen Erfolglosigkeit entlassen worden. Das einzige Mal bisher.

Man sagt, jeder Trainer muss so etwas mindestens einmal erlebt haben, um zu wissen, was es wirklich heißt, Trainer zu sein. Ich hatte bei Borussia ein fantastisches Jahr in der Zweiten Liga, wir sind als Meister aufgestiegen. Damals kamen 100.000 Leute zur Aufstiegsfeier. Zwei Monate später wurde ich entlassen. Da erlebt man, wie schnelllebig das Geschäft ist. Mein letztes Spiel war ein Derby gegen Köln. In der 93. Minute bekam Köln einen Freistoß, der dann abgefälscht reinflog. Das war es dann.

Macht es einen Trainer nicht irre, wenn die eigene Zukunft von solchen Zufällen abhängt?

Man nimmt solche Erfahrungen mit. Irgendwann versteht man, dass es nicht nur von einem selbst abhängt, wie es läuft. Man muss auch Glück haben. Bei mir ging es meistens in die gute Richtung. Der Abschied von Borussia war hart, aber ich denke, dass mich die Fans dort in guter Erinnerung haben.

Kann die Borussia für Hertha ein Vorbild sein? Auch Gladbach stand 2011 vor dem Abgrund und hat dann mit Lucien Favre eine sehr erfolgreiche Zeit begonnen.

Gladbach ist ein gutes Beispiel dafür, dass Kontinuität zum Erfolg führen kann: Sie haben zuletzt neun Spiele nicht gewinnen können, und was machen sie? Sie verlängern den Vertrag mit Favre. Borussia hat sich kontinuierlich weiterentwickelt. Sie haben sich in der Bundesliga stabilisiert und gucken nach Europa. Das gelingt, weil sie Ruhe auf den beiden wichtigen Positionen – Trainer und Manager – haben. Favre und Max Eberl stehen für den Erfolg. Auch Hertha hat nach Kontinuität gesucht. Auch Hertha hat die Verträge mit Michael Preetz und mir verlängert. Nur da, wo Ruhe ist, kann es eine Weiterentwicklung geben. Von daher kann Borussia ein gutes Vorbild für Hertha sein.

Borussia ist das passiert, was Ihnen wohl auch passieren wird: Sie hat ihren Schlüsselspieler, Marco Reus, an den BVB verloren. Hertha wird wohl Adrian Ramos an den BVB verlieren.

Da wissen Sie mehr als ich, die Gerüchte kommen und gehen. Die Mannschaften, die Interesse an Adrian haben, spielen grundsätzlich um Meisterschaften und in der Champions League. Das können wir Adrian noch nicht bieten. Deswegen würden wir seine Gedanken sportlich verstehen. Der Vergleich mit Reus und Gladbach ist generell gut. Er zeigt, dass ein Klub so einen Verlust auffangen kann. Damit habe ich aber nicht gesagt, dass es auch so kommt.

Wie schwer wird es für Hertha, Ramos zu ersetzen?

Wir könnten Adrian nicht eins zu eins ersetzen. Falls Adrian uns verlässt, können wir nicht nach einem neuen Topstürmer auf diesem Niveau suchen. Den können wir uns nicht leisten. Das ist wie im Autohaus: Rechts steht ein großer Wagen, links ein kleiner. Klar hätte ich gern den Großen. Aber wenn das Geld nur für den Kleinen reicht, dann muss ich das Beste daraus machen. Wir müssen eher versuchen, einen hoffnungsvollen Stürmer zu überzeugen, dass ein Zwischenschritt bei Hertha besser für seine Entwicklung ist als gleich der große Schritt zu einem Topklub.

Mit Pierre-Michel Lasogga hat Hertha zumindest noch einen Mercedes im Fuhrpark. Er steht bis 2015 unter Vertrag.

Wenn Adrian uns verlassen sollte, wissen wir, dass im Sommer Pierre zurückkehrt. Darüber bin ich froh: Denn wir haben schon den Stürmer, der bewiesen hat, dass er viele Tore erzielen kann. Das gibt uns Ruhe. Und wir können vielleicht auf anderen Positionen etwas tun. Was das angeht, sind wir – Michael Preetz und ich – in einer sehr komfortablen Situation.

Sie haben in der Vergangenheit häufig Spieler geholt, die Sie bereits trainiert haben.

Das muss im Sommer nicht unbedingt sein, dass ich schon mit einem Spieler gearbeitet habe. Tolga Cigerci zum Beispiel hatte ich vorher nicht trainiert.

Wie gehen Sie bei der Personalsuche vor?

Zuerst gucken Michael Preetz und ich, auf welchen Positionen wir Handlungsbedarf haben. Dann sehen wir, was auf dem Markt ist. Dann schauen wir, was finanziell möglich ist. Wir können im Sommer keine großen Transfers tätigen. Das braucht keiner zu erwarten.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Wir haben keine Notsituation. Aber es ist wichtig, dass man sich jedes Jahr weiterentwickelt. Man muss gucken, welche Spieler im eigenen Kader die Erwartungen erfüllt haben und welche nicht. Nach dieser Bestandsaufnahme wissen wir, wo wir noch gezielt Qualität dazu holen müssen.

Welche Positionen haben Sie ausgemacht?

Ohne auf Namen eingehen zu wollen: Wir werden uns in der Abwehr, im Mittelfeld und im Angriff verstärken.

Im vergangenen Jahr hatten Sie im Sommer vier Spieler geholt. Ist das auch diesmal eine realistische Größenordnung?

Ja. Ich denke, dass wir etwa vier Spieler holen müssen, um wieder gut aufgestellt zu sein.

Sie haben sich darüber geärgert, dass die Erwartungen in Berlin an die Europa League geknüpft wurden. Warum?

Wir müssen die Realität sehen. Selbst wenn wir uns in diesem Jahr für die Europa League qualifizieren würden, wäre das wirtschaftlich kein Vorteil. Sportlich könnte es sogar ein großer Nachteil sein. Die Europa League wäre für Hertha ein großes Risiko. Freiburg und Frankfurt haben gezeigt, wie schwer es für kleine Teams ist, diesen Spagat zu schaffen. Das soll nicht heißen, dass wir die Europa League nicht erreichen wollen. Es soll nur zeigen, dass es ein Risiko sein könnte, weil wir noch nicht jede Woche Topleistung abliefern können.

Haben Sie das Gefühl, nicht genügend Wertschätzung fürs Erreichte zu erhalten?

Wenn wir auf die Tabelle schauen, muss jeder glücklich sein. Wir haben eine tolle Hinrunde gespielt. Wenn Mannschaften wie Leverkusen, Mönchengladbach und sogar Dortmund ihre Probleme bekommen, dann muss es uns mit unseren beschränkten Möglichkeiten doch auch erlaubt sein, mal eine schwächere Phase zu haben, wie jetzt gerade. Die einzige Mannschaft, die ständig auf Topniveau spielt, ist der FC Bayern, weil dort die Breite im Kader vorhanden ist.

Hertha hat mit Gladbach, Bayern und Schalke in sechs Tagen anspruchsvolle Gegner vor sich. Machen Sie sich Sorgen, dass es drei Niederlagen geben könnte?

Alle drei Teams sind finanziell und sportlich nicht auf unserem Niveau. Das heißt aber nicht, dass wir nicht an uns glauben: Wir wollen den unerwarteten Sieg. Wir wollen vielleicht die erste Mannschaft sein, die den FC Bayern mal knacken kann. Aber es wird unglaublich schwer. Diese Woche wird hart. Aber sie wird auch die schönste der Saison. Denn dafür, dass wir gegen solche Teams spielen dürfen, haben wir im vergangenen Jahr gekämpft. Mir ist egal, wo wir nach diesen drei Spielen in der Tabelle stehen. Wichtig ist mir, dass wir uns gut präsentieren.