Motorsport

„Ohne Spaß bist du nicht schnell“

Weltmeister Marc Marquez geht mit gebrochenem Bein, aber ungebrochenem Selbstvertrauen in die Motorrad-Saison 2014

Am Donnerstag beginnt mit dem ersten Training zum Nachtrennen in Katar (Sonntag 20 Uhr, Sport1) die Motorrad-WM-Saison 2014. Der Mann, auf den sich alle Blicke richten, ist MotoGP-Champion Marc Marquez. Derzeit kuriert er einen Wadenbeinbruch aus, den der Spanier sich beim Motocross-Training zugezogen hat. Er verpasste zwei der drei Vorbereitungstests. Dennoch ist Marquez, der keinen Motorrad-Führerschein für die Straße besitzt, sich sicher: „Die Verletzung heilt gut, ich werde wieder Weltmeister!“ Morgenpost-Redakteur Matthias Brzezinski sprach mit dem 21-jährigen Weltmeister.

Berliner Morgenpost:

Herr Marquez, Sie müssten eigentlich Ihre Karriere beenden.

Marc Marquez:

Eine richtige Frage, bitte.

Sie haben alles gewonnen, was es im Motorrad-Grand-Prix-Sport zu gewinnen gibt. Den wichtigsten und wertvollsten Titel in der Kategorie MotoGP sogar in Ihrem ersten Jahr. Wo also lockt noch eine Herausforderung?

Ich habe bisher drei Titel gewonnen. Nach der 125er Klasse bin ich sofort in die Moto2 aufgestiegen, nach der WM dort bin ich in die MotoGP gegangen. Also ist es eine Herausforderung, einen Titel zu verteidigen. Denn die Jungs, die ich besiegt habe, werden diesmal noch viel härter kämpfen.

Eine Herausforderung kann mit einem Misserfolg enden.

So denke ich nicht. Ich fahre nicht um zweite Plätze.

Das klingt arrogant.

Ist aber nicht so gemeint. Ich gehe genauso wie Dani Pedrosa, Jorge Lorenzo oder Valentino Rossi immer mit dem absoluten Willen ins Rennen zu siegen. Aber ich kann zweite und dritte Plätze akzeptieren, wenn die anderen besser waren.

Blicken wir kurz zurück. Ihr Titelgewinn 2013 war eine Sensation, jünger war nie ein Champion in der Königsklasse. Hat sich Ihr Privatleben dadurch verändert?

Ja, auf zweierlei Art. Ich freue mich, dass ich öfter von den Leuten auf der Straße erkannt werde. Ich freue mich auch, wenn jemand ein Foto mit mir machen will oder ein Autogramm haben möchte. Das stärkt das Selbstbewusstsein, weil du merkst, dass sich Leute für dich und deinen Sport interessieren. Und ich habe auch Vorteile, wenn ich zum Beispiel am Flughafen nicht lange warten muss. Aber es gibt auch mehr Stress. Ich kann manchmal nicht in Ruhe in ein Restaurant gehen. Und ich habe mehr offizielle Termine fürs Team oder für Sponsoren.

Im Verlauf der WM-Saison 2013 war immer wieder zu hören, dass Sie ein Familienmensch sind. Dass Ihre mentale Stärke in Ihrem Familienleben begründet ist. Wie wichtig sind Vater Julia, Mutter Roser und Ihr Bruder Alex?

Ganz wichtig. Früher sind mein Bruder und ich mit meinen Eltern zu Motocross-Rennen gefahren. Wir hatten einen 16 Jahre alten, klapprigen Kombi. Mein Vater arbeitete als Kranführer, und er und meine Mutter hatten bei den Cross-Rennen oft einen Job als Streckenposten. Tickets für Straßenrennen waren zu teuer. Später unterstützten beide mich und auch meinen Bruder (Alex fährt in der WM-Einsteigerklasse Moto3 und hat 2013 in Japan sein erstes WM-Rennen gewonnen, d.R.) großartig.

Sie wohnen noch bei Ihren Eltern, das ist schon ungewöhnlich für einen Sportstar.

Wir wohnen in Cervera, einer kleinen Stadt nicht so weit von Barcelona entfernt. Da habe ich meine Ruhe. Und für Alex und mich gibt es super Trainingsmöglichkeiten für Mountainbikes und Cross-Motorräder. Außerdem bin ich so oft unterwegs, dass von zu Hause wohnen eigentlich keine Rede sein kann.

Stimmt es, dass Sie und Ihr Bruder bei der Hausarbeit feste Aufgaben haben?

(lacht) Ja. Ich muss immer den Tisch decken, und Alex muss immer abräumen.

Mit dem Saisonbeginn in Katar erhöht sich der Leistungsdruck für Sie. Wie viel Spaß haben Sie noch bei Ihrem Job?

Du musst den Spaß behalten, sonst bist du nicht mehr schnell. Ohne Spaß verkrampft man auf dem Motorrad. Das ist aber kein richtiges Problem, denn sonst hätte Valentino nie neun WM-Titel geschafft. Den Druck hat jeder Fahrer. Der, der an die Spitze will und der, der dort schon ist. Das ist für alle gleich.

Der Italiener Rossi, 35, ist Ihr Vorbild, obwohl Sie ihn besiegen?

Ja, er ist super. Und er hat bisher bei den Tests gezeigt, dass immer noch mit ihm zu rechnen ist. Er ist der einzige Fahrer, von dem ich ein Autogramm besitze.

Gibt es etwas, wovor Sie sich fürchten?

Ja, ich möchte nie an meine Leistungsgrenze stoßen. Wenn das passiert, bist du als Rennfahrer irgendwie am Ende. Leider weiß ich, dass sich mein Wunsch wohl nicht erfüllen lässt. Sonst hatte ich nur einmal richtig Angst. Das war nach einem Sturz in Malaysia (in der Saison 2012, d.R.), als ich Sehprobleme bekommen habe, die nicht weggehen wollten. Da hatte ich Angst um meine Karriere.

Sie gelten als extrem risikofreudig, sich selbst und auch anderen gegenüber. Werden Sie als Champion lieber einmal mehr bremsen als zu stürzen?

Jede meiner Entscheidungen ist beeinflusst durch die jeweilige Situation im Rennen. Das kann man also nicht so einfach beantworten. Wenn es unbedingt sein muss, werde ich wohl auch mal bremsen – vermutlich.