Motorsport

Die Stunde der Neulinge

Beim Formel-1-Auftakt in Australien überraschen die beiden Debütanten Magnussen und Kwjat

Kevin Magnussen lachte, dabei ahnte er noch gar nichts von seinem Glück. Mit strahlendem Gesicht stand der junge Däne auf der untersten Stufe des Podests über dem Albert Park von Melbourne und streichelte mit einer Mischung aus Stolz und Unglauben über die Silberschale in seinen Händen. Er hatte den kleinsten der drei Teller bekommen, schließlich war er als Dritter über den Zielstrich gesaust. In seinem ersten Rennen war das eine mehr als beachtliche Leistung, keine Frage. Rennfahrerpapa Jan war gar vor Freude vom heimischen Sofa gerutscht. „Das ist schwer zu glauben und einfach surreal“, stammelte der 21-jährige Blondschopf in die Mikrofone. Doch da wusste der Däne noch nicht, dass er wenige Stunden später auf Rang zwei vorrücken und damit endgültig in die Geschichte der Formel 1 eingehen sollte.

Die Disqualifikation von Lokalmatador Daniel Ricciardo, der knapp vor Magnussen ins Ziel gekommen war, sorgte am Montag in ganz Australien für mächtig Aufregung. Bei Magnussen und seinem Team McLaren ließ das die Sektkorken umso lauter knallen. Nicht nur, dass er sich damit auf Position zwei vorschob; in Jenson Button rückte auch sein Stallgefährte auf das imaginäre Podest nach. Nach der Seuchensaison 2013 kommt das einem Wunder gleich.

McLaren hat wieder Erfolg

Nicht einmal hatte es einer der verchromten Boliden im vergangenen Jahr zu einem Podestplatz geschafft. Sergio Perez, als Ersatzmann für Ex-Weltmeister Lewis Hamilton gekommen, konnte die Erwartungen nie erfüllen, Altmeister Jenson Button war außer Form und das Auto erst recht. 2014 steht McLaren nach dem ersten Rennen plötzlich an der Spitze der Teamwertung; kein anderer Toprennstall brachte beide Piloten so weit vorn platziert ins Ziel. Während die Konkurrenz über die Technikrevolution und ihre Auswirkungen auf die Hierarchie im Feld flucht, profitieren abgehängte Teams wie McLaren.

„Nach einem schwierigen Jahr, wie wir es zuletzt hatten, schreien viele nach einer Veränderung“, erklärte Button die Gründe für den überraschenden Aufschwung. Der langjährige Teamchef Martin Whitmarsh musste seinen Platz räumen, für ihn kamen in Eric Boullier und vor allem Ron Dennis zwei absolute Spitzenkräfte. Dennis hatte McLaren schon 2007 wortkarg, aber mit eiserner Disziplin zum WM-Titel durch Hamilton geführt.

Am Sonntag sagte der 66-Jährige gewohnt knurrig: „Das Ergebnis ist nicht so schlecht. Es steckt aber mehr dahinter, als auf den ersten Blick zu sehen ist: Disziplin im Team, gute Boxenstopps. Aber solange wir nicht gewinnen, sind wir nicht dort, wo wir hin wollen.“ Mit dem Wissen um den extrem leistungsstarken Mercedes-Motor im Heck ist das als klare Kampfansage an die Konkurrenz zu verstehen. Mit McLaren ist 2014, ein Jahr vor dem Einstieg von Honda als neuem Motorenlieferanten, wieder verstärkt zu rechnen.

Solch forsche Töne schlug Youngster Magnussen natürlich nicht an. „Es ist zwar kein Sieg, aber es fühlt sich wie ein Sieg an“, sagte der erste Däne überhaupt auf einem Formel-1-Podest: „Ich versuche gerade, möglichst nicht aufzuwachen aus diesem Traum.“ Kevins Vater Jan Magnussen hatte 25 Formel-1-Rennen zwischen 1995 und 1998 für die Teams McLaren und Stewart bestritten. Sein bestes Ergebnis war ein sechster Rang in Kanada 1998.

Magnussen ist eine Art Anachronismus in der modernen Formel 1. Zu großen Teilen setzt sich das Fahrerfeld aus sogenannten „Pay-Drivern“ zusammen, aus Piloten also, die vornehmlich wegen des dicken Geldbeutels ihrer Sponsoren und nicht wegen ihres Talents in die Königsklasse aufgestiegen sind. Das ist allerdings nicht neu in der Formel 1. Seit dem ersten Weltmeisterschaftsrennen der Königsklasse, am 12. Mai 1950 in Silverstone, gehören die damals noch „Herrenfahrer“ genannten Piloten zur Szene. Fest steht aber: Dieses Muster verbaut manchem talentierten Fahrer den Weg in ein Cockpit. Nicht so bei Magnussen.

Von ihm waren sie von Anfang an überzeugt. „Nachdem ich mich lange mit unseren Ingenieuren unterhalten hatte, stand im vergangenen Herbst für mich fest – wir müssen Kevin so schnell wie möglich hochziehen“, erzählte Dennis in Melbourne. 2013 war Magnussen Champion in der Formel Renault geworden und hatte bei den ersten Testfahrten in Jerez direkt einen starken Eindruck hinterlassen. Den bestätigte er im ersten Rennen. „Er hat keinen Fehler gemacht. Das war perfekt“, lobte Teamchef Eric Boullier.

Auch der zweite Debütant wurde ausgiebig beklatscht. Daniil Kwjat, 19, wurde mit seinem Toro-Rosso-Boliden Neunter und sammelte damit zwei Punkte mehr als Titelkandidaten wie Hamilton oder Sebastian Vettel. „Diese Jungs sind erstens riesige Talente“, sagt Mercedes-Chefaufseher Niki Lauda begeistert: „Die hauen sich da hinein und fahren einfach.“

Eine Erklärung dafür, dass zwei Debütanten ein derart furioser Start in einem weitgehend von Routiniers dominierten Sport gelingen konnte, hatte der Ex-Weltmeister ebenfalls parat: „Die Vorbereitung dieser jungen Fahrer ist perfekt. Die Kinder können besser mit Computerspielen umgehen. Kevin Magnussen hat wahrscheinlich viel herumgespielt, und das hat ihm geholfen. Das machen meine Kinder auch schon, die sind viereinhalb Jahre alt. Die sind ganz anders ausgebildet als wir.“

So einfach kann das manchmal sogar in der Formel 1 sein.