Motorsport

„Ich fürchte, dass die Formel 1 sich dabei überhebt“

Für Legende Jackie Stewart birgt die Regel-Revolution große Gefahren

Wenige Menschen in der Formel 1 haben mehr erlebt als der Mann mit den bunten Hosen. Auch in Melbourne zählt Sir Jackie Stewart wieder zu den Ersten, die morgens im Fahrerlager sind. Der 74 Jahre alte Brite war dreimal Weltmeister, arbeitete dann als Teamchef und Fernsehexperte, heute ist er Berater für Lotus. Mit Burkhard Nuppeney sprach Stewart über die Veränderungen, die der Formel-1-Szene vor dem ersten Rennen am Sonntag (7 Uhr, RTL) Kopfzerbrechen bereiten.

Berliner Morgenpost:

Mister Stewart, die Formel-1-Saison beginnt am Sonntag mit vielen Fragezeichen. Finden Sie das gut oder schlecht?

Jackie Stewart:

Weder noch. Formel 1 hat in Sachen Technik in den vergangenen 15 Jahren enorm an Fahrt aufgenommen. Das nennt man Fortschritt. Früher gab es etwa 200 elektronische Sensoren oder Steuerungen in einem Auto, heute sind es vielleicht 20, die aber die Arbeit von 200 erledigen. Alleine die Elektronik ist heute so extrem, dass die Techniker, egal auf welcher Strecke auf diesem Planeten gefahren wird, über Satellit schneller über die Befindlichkeit eines Autos bescheid wissen als der Fahrer, der am Steuer sitzt. Das ist faszinierend, aber auch bedenklich.

Was finden Sie daran bedenklich?

Das Timing für diese Entwicklung hätte besser überdacht werden sollen.

Was meinen Sie damit?

Ich glaube, dass die Kosten, die diese Technik verschlingt, während einer globalen Finanzkrise größer sind, als es sich die Formel 1 erlauben kann. Es gibt ein Missverhältnis zwischen der schwachen globalen Ökonomie und dem Anspruch der Formel 1, über das Jahr hinweg das größte TV-Ereignis der Welt zu sein. Ich befürchte, dass sich die Formel 1 überheben wird und dass das Publikum diese Entwicklung nicht richtig versteht, weil es an der notwendigen Aufklärung fehlt.

Die Formel 1 war schon immer eine Art Experimentierfeld für den Fortschritt im zivilen Straßenverkehr.

Das stimmt, und den Auftrag erfüllt sie auch. Aber nicht zu jedem Preis. Das kann auf die Dauer so nicht funktionieren.

Was erwarten Sie konkret von der neuen Saison?

Ich denke, erst nach vier oder fünf Rennen werden wir mehr wissen. Im Moment wissen selbst die Hersteller nicht, wie die Dinge laufen werden. Die Technik lässt keine belastbaren Prognosen zu. Das überträgt sich auch auf die Leistung der Fahrer. Das neue Reglement könnte, so sieht es zumindest aus, die große Dominanz von Red Bull und Sebastian Vettel einbremsen. Das könnte eine neue Attraktivität für das Publikum erzeugen. Je nachdem, auf welcher Seite man steht, ist das ein positiver Effekt. Trotzdem sehe ich ein sehr, sehr großes Problem.

Welches?

Nach dem ersten Grand Prix hier in Melbourne könnte es notwendig werden, dass der Ablauf der Qualifikation verändert werden muss.

Worauf wollen Sie hinaus?

Es gibt einen Zeitunterschied von teilweise sechs Sekunden pro Runde. Das bedeutet: In der Qualifikation könnte ein Spitzenfahrer wie Sebastian Vettel aus rein technischen Gründen nicht die durch die 107-Prozent-Klausel (kein Pilot im Qualifying darf mehr als 107 Prozent der schnellsten Runde brauchen – Anmerkung der Redaktion) vorgeschriebene minimale Rundenzeit erreichen. Dann dürfte er im Rennen nicht starten. Um diese absurde Situation zu verhindern, hätte es aus meiner Sicht schon lange eine Reaktion aus Paris (dort sitzt der fürs Regelwerk zuständige Automobil-Weltverband Fia – d. Red.) geben müssen. Ich glaube nicht, dass sich die Formel 1 einen Grand Prix mit weniger als 22 Autos leisten kann. Wir haben ja eben über den Anspruch aller Beteiligten und die Problematik des Sports an sich gesprochen. Ich fürchte, wir werden mit der neuen Technik noch eine Menge Dominoreaktionen erleben, die vermeidbar gewesen wären.

Woran denken Sie denn dabei genau?

Ein Fahrer, der sechs Sekunden langsamer ist als das schnellste Auto, bedeutet ein enormes Sicherheitsrisiko. Und wenn ich von Sicherheit in der Formel 1 spreche, meine ich nichts weniger als die Frage nach Leben oder Tod. Ich verstehe das Problem. Ich verstehe nur nicht, dass so wenig darüber nachgedacht wird.