Hannover 96

Der Zauber ist verflogen

Seit fünf Spielen wartet 96-Trainer Tayfun Korkut auf einen Sieg, bei Hertha BSC soll er gelingen

Für seine Verhältnisse hat er eine echte Kampfansage abgeliefert. „Wir werden bei Hertha BSC auf Sieg spielen. Das kann ich versprechen“, sagt Tayfun Korkut. Der sonst so vorsichtig und fast medienscheu agierende Trainer von Hannover 96 ist vor dem Gastspiel der Niedersachsen in Berlin (Sonnabend, 15.30 Uhr) in die Offensive gegangen. Der Grund dafür dürfte auf der Hand liegen: Zweieinhalb Monate nach seiner Einstellung als Chefcoach sind der erste Hype und Zauber wieder verflogen. Hannover hat sich in der Tabelle der Fußball-Bundesliga sogar schon vom norddeutschen und eben noch abstiegsgefährdeten Rivalen Werder Bremen überholen lassen. „Ich wusste, dass mich der Alltag schnell wieder einholt. Aber mir macht das nichts aus“, versichert der 39 Jahre alte Deutsch-Türke und geht weiter unbeirrt seinen Weg.

Was war das Anfang des Jahres für ein Trubel. Der bundesweit als Fußball-Charmeur bekannte Mirko Slomka wurde in Hannover mangels Erfolg entlassen und durch den bundesweit unbekannten Korkut ersetzt. Als Novize im Profibereich ist der neue Bundesliga-Trainer besonders gründlich beäugt worden. Für seine mutigen Worte zum Amtsantritt und zwei Siege zum Start ist er euphorisch gefeiert worden. Aber all das gerät immer mehr in Vergessenheit. Es ist deutlich ruhiger und stiller geworden rund um Korkut. Die Mehrheit der Interviewanfragen blockt er weiterhin ab, um sich besser auf seine neue Aufgabe konzentrieren zu können. Korkut will die Chance, sich in der Bundesliga zu etablieren, konsequent nutzen. Zwei Siege, zwei Remis, drei Niederlagen: Seine bisherige Bilanz in der Rückrunde ist ordentlich, aber mittlerweile leicht negativ. Seit fünf Begegnungen wartet 96 auf einen Sieg.

Der Neue verordnet Sachlichkeit

Von dem Spektakel, für das Hannover 96 unter der Regie von Slomka in positiver wie negativer Form zuständig war, ist wenig geblieben. Korkut verordnet dem auf lange Sicht betrachtet sehr turbulent geführten Klub deutlich mehr Sachlichkeit. Das kann man als dröge bezeichnen und als Rückkehr in frühere 96-Zeiten, als der Klub mit der oberen Tabellenhälfte so gut wie nie etwas zu tun hatte. Aber der sachliche Stil des ehemaligen türkischen Nationalspielers (42 Länderspiele) soll mit Absicht als Basis für eine behutsame Weiterentwicklung des Vereines dienen.

Streng genommen haben der Mangel an Spektakel und die Zunahme an Spießertum bisher wenig bewirkt. Hannover 96 ist immer noch die auswärtsschwächste und unfairste Mannschaft der Liga. Es klingt durchaus auch Frust mit, wenn ein begabter Torhüter wie Ron-Robert Zieler von einer „ernsten Situation“ spricht. Je weiter sich Hannover dem Abstiegskampf nähert, desto weniger Gelegenheiten für prominente Auftritte bekommt er. Zieler möchte sich gern noch einen Platz in der deutschen Nationalelf erkämpfen und die Reise zur Weltmeisterschaft nach Brasilien mit antreten dürfen. Er prüft aber auch kritisch, ob Hannover 96 ihm auf lange Sicht eine zu seinen Ambitionen passende Perspektive bietet. Der Absturz unter Slomka und die derzeit eher wacklige Stabilisierung von Korkut sind keine idealen Rahmenbedingungen, um Ansprüche auf eine Rolle im internationalen Fußball erheben zu können. Die Ankündigung des neuen Trainers, dass er eine möglichst ruhige Saison spielen möchte, lässt vermuten, dass die ganz großen Ziele des Vereins längst auf kommende Spielzeiten verschoben worden sind.

Es ist durchaus verblüffend, wie rigoros Korkut seinem Job nachgeht. Das Interesse türkischer Medien an seiner Arbeit ist enorm – und wird doch nur in Maßen befriedigt. Korkut ist im Schwabenländle aufgewachsen, was man nicht nur hört, sondern ihm auch deutlich anmerkt. Er tritt ziemlich deutsch auf und taugt in Hannover nicht als Magnet für Tausende türkischstämmiger Zuschauer. Er agiert sehr zurückhaltend und möchte möglichst niemandem öffentlich weh tun. Dass etwa der frühere Nationalspieler Jan Schlaudraff bei ihm derzeit kaum eine Chance bekommt, sei keine Entscheidung gegen den Spieler, sondern erst einmal eine Entscheidung für einen anderen Spieler. Mit diesem um Harmonie bedachten Ansatz hat Korkut in Hannover ein von mehr Solidarität, Solidität und Defensivarbeit geprägtes Spielsystem eingeführt. Weil der Senegalese Mame Diouf (Schulterverletzung) lange Zeit ausfallen wird und mit dem Letten Artjoms Rudnevs derzeit nur ein Stürmer zur Verfügung steht, fehlen die Möglichkeiten zu mehr Offensivspektakel. Mancher Fan mag das unsexy finden. Korkut findet, dass sein Team gut funktioniert, mit Rückschlägen professionell umgeht und sich nach seinen Wünschen entwickelt.

Auf die Frage, wie viel Misserfolg sich ein neuer Trainer bei der Runderneuerung einer Erstliga-Mannschaft eigentlich erlauben darf, gibt es eine klare Antwort. „Die Handschrift von Tayfun Korkut ist klar zu erkennen. Er arbeitet hart und konsequent. Meine Erwartungen werden voll erfüllt“, sagt Martin Kind. Der Präsident von Hannover 96 hat aus seinen vielen Trainerentlassungen gelernt und versucht, mit mehr Gelassenheit zu handeln. Korkut genießt in Hannover keine Narrenfreiheit. Er wird vor allem dafür bezahlt, eine in der Hinrunde außer Kontrolle geratene Mannschaft wieder einzufangen und weiterzuentwickeln. Dafür bekommt er von der Vereinsführung mehr Zeit eingeräumt als viele seiner Vorgänger.

„Im Moment verspüre ich noch keinen Druck. Ich arbeite immer noch genauso wie am ersten Tag in Hannover. Meine Ziele ändern sich nicht durch Erfolg oder Misserfolg“, sagt Korkut.