Iternationale Bühne

Das Kreuz mit Europa

Rufe nach der Europa League kann Hertha als scheinheilig abtun – und das völlig zu Recht

Das Dokument hängt bei Hertha BSC in einem Büro der Geschäftsleitung. Eine Menükarte von einem Nobelitaliener im Grunewald. Kostbar wird das Papier durch die Unterschrift von Eusebio, dem Weltstar aus den 1960er- Jahren. Eusebio hatte sein Autogramm auf die Karte gesetzt, als die Klubführung von Hertha sich mit der von Benfica Lissabon zum Essen traf. Anlass war im Februar 2010 das bisher letzte Europacup-Spiel der Berliner. So beeindruckt die Berliner Funktionäre waren vom mittlerweile verstorbenen Eusebio, so mürrisch war der Berliner Fan. Das 1:1 von Hertha gegen Benfica Lissabon (mit Angel di Maria, Saviola und David Luiz) in der K.o.-Runde der Europa League erlebten im Olympiastadion gerade einmal 13.684 Zuschauer.

Gleicher Wettbewerb, andere Stadt. Eintracht Frankfurt traf zu Beginn dieser Saison in der Qualifikation auf Qarabag Agdam (Aserbaidschan). Die Arena in Frankfurt war mit 47.000 Fans ausverkauft. Im Umfeld von Hertha BSC wird immer öfter über die Europa League diskutiert. Ob bei den Fans, im Internet, in den Medien – auch nach 24 Bundesliga-Spieltagen liegt Hertha in Reichweite der internationalen Startplätze. Aktuell liegen die Berliner nur zwei Zähler hinter Rang sieben, der in dieser Saison wahrscheinlich für die Qualifikation reichen wird. Hertha-Trainer Jos Luhukay mahnt: „Wir haben nicht den Kader, um bis zum letzten Spieltag um die Europa League zu spielen.“ Der Trainer hat den Spielplan im Kopf. Hertha trifft in den verbleibenden zehn Runden auf die Branchengrößen der Liga: auf Bayern, Dortmund, Leverkusen, Schalke und Gladbach. Dennoch ahnt Luhukay: „Wenn wir nahe an den Europa-League-Plätzen bleiben, müssen wir vielleicht das Ziel korrigieren.“

Aus sportlicher Sicht der normale Reflex. Ob Trainer oder Spieler, jeder will die nächste Partie gewinnen. Dennoch muss die Frage erlaubt sein: Kann Hertha die Europa League stemmen? Die Etatzahlen für die kommenden Saison, die das Hertha-Präsidium gerade verabschiedet hat und die heute bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) in Frankfurt eintreffen, legen die Antwort nahe: eher nein.

Der Berliner bleibt weg

Der Reihe nach: Ein Argument pro Europa ist das Prestige. Der Marktwert der Spieler nimmt zu, ebenso der Marktwert eines Vereines, wenn er international vertreten ist. Das registrieren auch Sponsoren mit Wohlgefallen. Ein Hertha-Problem der Europa League ist jedoch, dass Heimspiele dazu gehören. Und die Erfahrungen lehrt: Der Berliner Fan, der jetzt lautstark Europa fordert, kommt dann nicht.

So hat Hertha zwischen 2005 und 2010 insgesamt 17 internationale Spiele in Uefa-Cup und Europa League bestritten. Die durchschnittliche Besucherzahl: 17.315 (siehe Grafik).

Zum Vergleich: Eintracht Frankfurt ist die Blaupause für Hertha. Ebenfalls als Aufsteiger hatten sich die Hessen 2012/13 überraschend für Europa qualifiziert. Die Eintracht-Fans ernannten die internationalen Herausforderungen kurzerhand zu Feiertagen. Der Schnitt in Frankfurt nach fünf Heimspielen in der Europa League lag bei 42.400 Besuchern. Finanziell hat sich der Aufwand gelohnt für die Hessen. Zwölf Millionen Euro spülte die Reise durch Europa in die Vereinskasse. Sportlich jedoch hat der ungewohnte Rhythmus das Team von Trainer Armin Veh an den Abgrund gebracht. Die vielen englischen Wochen mit den Ansetzungen Sonntag-Donnerstag-Sonntag bekommen der Eintracht nicht. Seit dem ersten Spieltag kämpft Frankfurt in der Abstiegszone ums Überleben in der Bundesliga.

Hertha ist nach wie vor ein Aufsteiger. Solange die imaginäre 40 Punkte-Grenze nicht erreicht ist, weisen Trainer, Spieler und Manager reflexhaft auf das Ziel Klassenerhalt, dass es zunächst zu sichern gelte. Aber natürlich beschäftigen sich die Verantwortlichen mit dem Szenario Europa League. Die Rechnung lautet: Der derzeitige Kader müsste um sechs, sieben Spieler verstärkt werden, die alle Potenzial als Startelf-Spieler mitbringen müssten. Eine solche Aufstockung wird, mit Blick auf die Finanzen, aber kaum zu bezahlen sein.

Bei Hertha steigen nicht nur im Umfeld die Erwartungen. Auch die Spieler, um die sich Manager Michael Preetz und Trainer Luhukay bemühen, haben wachsende Ansprüche. Die Branche hat mitbekommen, dass Hertha mit dem Private-Equity-Unternehmen KKR einen strategischen Partner gewonnen hat, der dem Klub Ende Januar 61,2 Millionen Euro überwiesen hat. Ein Teil davon, so die Vorstellung von Profis und Berater, mögen nun bitte weitergereicht werden.

Etat steigt auf 71,5 Millionen Euro

Nun wissen alle, dass die zweite Bundesliga-Saison für einen Aufsteiger häufig die schwierigere ist. Die Zahlen, mit denen Hertha 2014/15 plant, belegen einen weiter überschaubaren Rahmen. Die KKR-Millionen hat der Klub in den Umbau der Strukturen gesteckt, vor allem in die Ablösung von Bankverbindlichkeiten. Am Mittwoch hat das Hertha-Präsidium den Etat verabschiedet, der dann per Bote an die DFL geschickt wurde. Demnach steigt der Haushalt nur leicht auf 72 Millionen Euro (Planung der laufenden Saison: 69 Mio.). Die Personalkosten klettern um rund 20 Prozent auf 34 Millionen (aktuell 28,1).

Der Zuwachs ist erheblich, aber Hertha ist weit entfernt davon, in neue Dimensionen aufbrechen zu können. Es wird mit dem Budget schwierig, die angesprochenen sechs, sieben Neuen für eine Saison mit Dreifach-Belastung zu bezahlen. Zumal die mit einem Zwei- oder Drei-Jahres-Vertrag ausgestattet werden. Der Fokus liegt klar auf der langfristigen Etablierung in der Bundesliga – und nicht auf einem einmaligen Abenteuer Europa, das das Berliner Publikum ohnehin nicht dankt.

In der Rubrik ‚Einnahmen aus dem Europacup’ hat Hertha übrigens kalkuliert mit null Euro.