Interview

„Die Bayern haben noch nichts gewonnen“

Manager Heyder über die Wahrnehmung des Meisters Bamberg, Albas Potenzial und den rauen Ton in der Basketball-Bundesliga

Am Sonnabend (20 Uhr, Sport1) treffen in der O2 World Alba Berlin und die Brose Baskets Bamberg im Klassiker der Basketball-Bundesliga aufeinander. Achtmal wurden die Berliner Meister, Titelverteidiger Bamberg sechsmal, zuletzt sogar viermal in Folge. Rund 13.000 Zuschauer werden erwartet. Im Gespräch mit Dietmar Wenck lobt Bambergs Manager Wolfgang Heyder, 57, die junge Berliner Mannschaft, ärgert sich über Kritik an seinem Trainer Chris Fleming und der Verpflichtung des Bonner Spielmachers Jared Jordan. Und dass der nächste Meister mit Bayern München für viele schon festzustehen scheint, kann er gar nicht nachvollziehen.

Berliner Morgenpost:

Herr Heyder, wie gefällt Ihnen die aktuelle Alba-Mannschaft?

Wolfgang Heyder:

Sie hat sich super entwickelt. Es ist eine Mannschaft mit viel Talent, sehr guten, auch jungen Spielern wie Reggie Redding oder Jonas Wohlfarth-Bottermann. Aber auch Routiniers. Es ist eine gute Mischung. Vor allem sind sie ein wirkliches Team, verteidigen sehr hart und aggressiv.

Wird sie schon in den Zweikampf um die Meisterschaft zwischen Ihrer Mannschaft und Bayern München eingreifen können?

Die Münchner und die Bamberger Mannschaft haben vielleicht ein etwas höheres individuelles Potenzial zum jetzigen Zeitpunkt. Aber das muss man ja auch noch aufs Feld bringen. Leidenschaft, Emotionen, Opferbereitschaft – wenn das München und Bamberg zeigen, haben sie sicher Vorteile. Aber die Berliner haben in dieser Saison schon Niederlagen und Rückschläge gut verarbeitet, sind immer wieder aufgestanden. Und sie haben noch viel Entwicklungspotenzial. Die Mannschaft passt sehr gut zum Trainer Sasa Obradovic, setzt seine Philosophie vom Basketball sehr gut um. So wurde sie auch zusammengestellt.

In Berlin wird gesagt, dass Alba finanziell nicht mehr die Möglichkeiten hat wie Bamberg oder München. So wie Sie einen Elias Harris aus den USA geholt haben oder einen D’Or Fisher, der schon bei Real Madrid und Maccabi Tel Aviv unter Vertrag stand – das schafft Alba nicht. Oder wie Sie zuletzt Jared Jordan von den Telekom Baskets Bonn losgeeist und nach Franken geholt haben.

Da werden teilweise falsche Dinge kolportiert. Für Jordan haben wir zum Beispiel kein Geld angefasst, sondern wir haben es finanziert, weil wir Zach Wright und Novica Velickovic abgegeben haben. Da ist noch Geld übrig geblieben.

Dass Sie mitten in der Saison einen Play-off-Konkurrenten schwächen, indem Sie ihm den Spielmacher wegnehmen, hat Ihnen viel öffentliche Kritik eingebracht. Verstehen Sie das?

Nein, in dem Fall nicht. Der Impuls kam ja vom Spieler. Wir haben dann ein Angebot gemacht, aber ich bin nie davon ausgegangen, dass die Bonner ihn wirklich ziehen lassen. Wir hatten etwa im Dezember eine Anfrage von Galatasaray Istanbul für unseren Spielmacher Anton Gavel, das wir abgelehnt haben. Obwohl wir viel Ablöse hätten kriegen können. Wir haben das nicht mal diskutiert. Dass die Bonner sich darauf eingelassen haben, hat mich sehr überrascht. Jetzt zu sagen, der wäre mit dem Herzen schon weg gewesen – so schätze ich Jared Jordan nicht ein. Der hätte mit vollem Einsatz seinen Vertrag erfüllt. Da ist viel an den Haaren herbeigezogen worden.

Täuscht der Eindruck, dass die Rolle der deutschen Spieler in Bamberg geringer geworden ist?

Ich sehe das nicht so. Gavel hat bei uns 28 bis 30 Minuten Spielzeit. Unser Trainer Chris Fleming fördert die deutschen Spieler, gibt ihnen Freiraum. Auch Elias Harris und Maik Zirbes haben hohe Spielanteile. Chris baut auf sie.

Aber Philipp Neumann, auch Nationalspieler, haben sie an Oldenburg abgegeben und sich D’Or Fisher als Verstärkung geholt.

Ich hatte unseren Trainer davon überzeugt, Zirbes und Neumann auch in der Euroleague das Vertrauen zu geben. Aber da hatten wir gegenüber den Topteams Nachteile auf der Centerposition. Wir haben es versucht, es ging schief. Wir waren in der Euroleague die zweitschlechteste Mannschaft im Rebounding. Das ist der Grund, warum wir diese Entscheidung getroffen haben.

Nicht zum ersten Mal haben Sie mitten in der Saison noch mal kräftig durchgemischt, Spieler ausgetauscht. Ist das zur Methode in Bamberg geworden? Zur Strategie?

Glauben Sie mir, ich würde das liebend gern verhindern. Es kann ja manchmal auch ineffektiv sein. Grundsätzlich ist das nicht unser Ziel. Aber nehmen Sie Spielmacher Zachery Wright in dieser Saison. Es hat einfach nicht funktioniert, weil er kein Leader ist. Dann spielte uns in die Karten, dass Panathinaikos Athen ihn unbedingt haben wollte und wir sehr gut aus dem Vertrag herauskamen, mit Ablösesumme. Und dann haben wir mit Jared Jordan eine perfekte Lösung gefunden. Aber es ist viel besser, mit einer Mannschaft über die Saison zu kommen. Wir haben uns geschworen, das in Zukunft zu schaffen.

Es hat in den vergangenen Jahren trotzdem zum Meistertitel gereicht. Jetzt aber reden eigentlich alle nur davon, dass die Bayern Meister werden. Bamberg wird als eine Art Herausforderer gesehen. Stört Sie das?

Ich erzähle Ihnen mal was Lustiges: Auf der Pressekonferenz nach unserem Sieg gegen die Artland Dragons wurde gefragt, ob wir meinen, dass wir mit unserem kongenialen Spielmacher-Duo Jordan/Gavel den Bayern die Meisterschaft jetzt doch entreißen können. Da musste ich mal kurz entgegnen, dass die Bayern ja noch nichts gewonnen haben. Aber wir können damit leben, dass wir in der Öffentlichkeit als Underdog gehandelt werden. Mich stört etwas anderes mehr.

Und zwar?

Dass das Zutrauen unserer eigenen Fans, auch unserer eigenen Sponsoren fehlt nach all dem, was hier in den vergangenen Jahren geleistet wurde. Da ist mir das Selbstvertrauen gegenüber den Bayern zu gering. Der Glaube an das, was Fleming und sein Trainerstab hier auf die Beine gestellt haben.

Beobachten Sie, wie zwischen den Verantwortlichen von Bayern München und Alba Berlin fröhlich die Giftpfeile hin- und herfliegen? Auch da wird Bamberg gar nicht mehr so wahrgenommen.

Es können sich nicht immer alle liebhaben, das wäre auch nicht gut. Wichtig ist, dass die großen Klubs inhaltlich zusammenarbeiten. Dass wir gemeinsam nach vorne marschieren. Ich kann nicht beurteilen, ob das zwischen Alba und Bayern klappt. Wir versuchen es auf jeden Fall. Wir können uns als Basketball-Bundesliga nur gemeinsam entwickeln. Dass sich Konkurrenten auf dem Spielfeld und auf dem Boulevard beharken, gehört dazu.

Wie hart hat Sie getroffen, dass Bamberg zuerst in der Euroleague und anschließend auch gleich im Eurocup ausgeschieden ist?

Das waren extreme Enttäuschungen, das hat uns einen richtigen Tritt gegeben.

Sie mussten sogar Ihren Trainer Fleming schützen, der stark in der Kritik stand.

Das meine ich, das stört mich. Fleming macht einen Superjob. Sicher haben wir bei der Zusammenstellung des Teams Fehler gemacht. Wir hatten keinen Anführer, wir haben eine Menge junger Spieler, die auch Fehler machen. Und unser Spieler Velickovic hat sich verletzt. Es gab also Gründe. Aber die Arbeit von Fleming steht nicht in Frage.

Auch Michael Stoschek, Ihr Mäzen, soll zu den Kritikern Flemings gehört haben.

Zumindest konnte man das lesen. (lacht)

Wer wird Deutscher Meister?

Wenn wir gesund bleiben, werden wir eine gute Rolle spielen, wir haben eine gute Chance. Ich traue auch Alba sehr viel zu, die kommen jetzt international mit einem großen Selbstbewusstsein zurück. Sie sind eine Mannschaft, die extrem über sich hinauswachsen kann. Natürlich die Bayern, vom Talent her. Die haben lauter Top-Leute. Wenn alle hundertprozentig mitziehen, werden sie auch dabei sein. Wir werden eine spannende Endphase der Saison erleben.