Interview

„Luxus ist, Zeit für mich zu haben“

Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel über seine Motivation, Glücksgefühle auf dem Motorrad und die Abneigung, im Internet shoppen zu gehen

Neue Saison, neue Regeln, neues Glück. Morgenpost-Mitarbeiter Burkhard Nuppeney sprach vor dem ersten WM-Rennen 2014 (Sonntag, 7 Uhr bei RTL und Sky) mit Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel.

Berliner Morgenpost:

Herr Vettel, wie kommentieren Sie die Wintertests?

Sebastian Vettel:

Im Grunde genommen macht das komplett neue Reglement es fast unmöglich, eine wirklich relevante Prognose abzugeben. Erst in Melbourne wissen wir, wie weit wir wirklich von der Konkurrenz entfernt sind.

Vor diesem Hintergrund: Wie beurteilen Sie die Chancen, 2014 den WM-Titel zu verteidigen?

Daran denke ich noch nicht. Jetzt ist unser erstes Ziel, Australien gut zu überstehen. Dann sehen wir weiter.

Sie sind vierfacher Formel-1-Weltmeister. Woher kommen die Motivation und der offenbar noch immer ungestillte Ehrgeiz?

Ehrgeiz treibt mich an, weil er einfach zu mir gehört. Damit meine ich, ich wollte schon immer mein Maximum geben. Unabhängig von Ergebnissen.

Was macht Sie glücklich?

Der Moment auf dem Podium, wenn einem die Leute zujubeln, ist nun mal ein ganz besonderer. Der Weg dahin ist schwer. Die Anspannung am Morgen vor dem Rennen, wenn ich von der Toilette gar nicht mehr runter komme, weil ich so nervös bin. Die Tage, die ich zu Hause bei mir bin und intensiv trainiere, die Quälerei. Dieser Weg zum Erfolg ist für mich das wahre Glück.

Hat das Glück für Sie viele Gesichter?

Ja. Für mich sind es im Wesentlichen die kleinen Dinge, die mich glücklich machen.

Zum Beispiel?

Wenn ich zum Beispiel ich selbst sein kann. Viele glauben, mein Leben muss etwas Besonderes sein.

Ist doch auch nachvollziehbar, oder?

Irgendwie schon, aber in gewisser Weise auch nicht.

Zum Beispiel?

Zu Hause bin ich nicht der Rennfahrer, sondern einfach nur der Sebastian, der gerne Zeit mit seinen Freunden verbringt und das genießt.

Gehört zum Vettel-Glück auch der Geschwindigkeitsrausch?

Geschwindigkeit spielt in meinem Leben eine Hauptrolle, aber es ist kein Rausch. Ich bin gesund und mache gerne Sport. Ich fahre mit allem gerne, was einen Motor hat. Motorradfahren gehört dazu. Auf der Maschine fühle ich mich freier. Ich bekomme viel mehr mit von Luft, Land und Leuten, kann überall anhalten und kurz mal absteigen. In den Bergen und auf dem Motorrad kann ich meine Gedanken abdriften lassen. Diese Freiheit spüre ich nur noch im Formel-1-Auto.

Wie groß ist noch der Formel-1-Spaßfaktor?

Der ist schon noch da. Richtig ist, dass die neuen Autos im Moment derzeit noch langsamer sind als im letzten Jahr. Man muss sehen, wie sich der Speed im Laufe der Saison noch entwickelt.

Apropos Spaß. In der vergangenen Saison wurden Sie ab und zu als Sieger auf dem Podest ausgepfiffen. Wie packt man so was weg, oder erklärt sich das?

Das ist am Anfang schwer zu verstehen. Dann versteht man immer mehr, besonders spezielle Regeln.

Die lauten?

Erst lobt man dich und klopft dir auf die Schulter, wenn du siegst. Da denkst du: Oh, das ist ja toll und dass das immer so ist. Ist es aber nicht. Ich musste erst lernen, dass es mit den andauernden Erfolgen weniger Lob gibt.

Hat das auch was mit Neid zu tun?

Neid muss man sich erarbeiten. Mitleid bekommt man geschenkt.

Sie haben in vier Jahren vier WM-Titel gewonnen. Was bleibt außer den Trophäen und der Anerkennung oder Kritik?

Ich merke, dass ich mich weiter entwickelt und viel dazugelernt habe.

Was?

Ich bin gelassener geworden. Auch was die neue Saison betrifft. Ich glaube, das ging mit dem ersten WM-Titel los. Es kam dann nach und nach immer mehr Ruhe ins Spiel – auch in meinem Kopf. Was nicht heißt, dass ich dadurch weniger motiviert bin.

Aber nicht, was das Privatleben angeht. Da blocken Sie ab. Sie sind Anfang Januar Vater einer Tochter geworden. Aber Sie sprechen nicht darüber.

Auch jetzt nicht. Privates bleibt privat.

Was fällt Ihnen beim Wort Luxus ein?

Luxus ist für mich, wenn ich Zeit habe.

Kaufen Sie eigentlich im Internet ein, oder sind Sie da nicht so stark und intensiv vernetzt?

Nur Reifen. Die Klamotten, die ich trage, kaufe ich am liebsten in einem vollkommen normalen Geschäft. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich mit Hilfe von einem kleinen Bild auf einem Computer vorstellen können, wie diese oder jene Hose, Jacke oder ein Hemd an mir aussieht. Wenn ich mir etwas kaufe, will ich selbst vor einem Spiegel stehen, um mich davon zu überzeugen, ob mir das Teil steht oder nicht.

Und wann und wofür benutzen Sie den Computer oder gehen ins Netz?

Wenn es um Sport geht.

Welche Sportart?

Fußball, Tennis. Manchmal lese ich auch ein Magazin. Das ist alles. Grundsätzlich versuche ich, so wenig wie möglich Zeit vor dem Computer zu verbringen.