Paralympics

„Brutal wie nie“

Die alpinen Speed-Wettbewerbe bei den Paralympics werden von schweren Stürzen überschattet

Tyler Walker landete im Krankenhaus, viele Athleten im Fangzaun, Franz Hanfstingl und Georg Kreiter überschlugen sich mehrfach: Angesichts der vielen Horror-Stürze bei den alpinen Speed-Wettbewerben bei den Winter-Paralympics in Sotschi stockte den Fans im Ziel immer wieder der Atem. Besonders die Monoski-Wettbewerbe wurden durch eine Ausfall-Quote von rund 50 Prozent überschattet. Gerd Schönfelder fordert nun erste Konsequenzen.

„Man sollte sich überlegen, ob man die Rennen der sitzenden und stehenden Klasse nicht splittet“, sagte der 16-malige Paralympics-Sieger aus Kulmain in Bayern, „dann würde die Piste nicht so sehr belastet, und man könnte für die Monoski-Athleten die Streckenführung entschärfen. Wir wollen spektakuläre Rennen, aber wenn es zu viele Stürze gibt, ist keinem geholfen.“

Zuvor waren die Abfahrt und der Super-G der Männer in der sitzenden Klasse durch die zahlreichen schlimmen Stürze fast zur Farce geworden. Der beinamputierte Ski-Rennfahrer Tyler Walker aus den USA musste nach seinem Unfall sogar mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden, befand sich nach Angaben seines Verbandes aber schnell wieder in einem stabilen Zustand. Inzwischen meldete sich Walker selbst zu Wort: „Ich kann mich an nichts erinnern, aber ich habe mir nichts gebrochen.“ Auch die deutschen Starter Franz Hanfstingl (Abfahrt) und Georg Kreiter (Super-G) stürzten wie zahlreiche andere Athleten schwer, blieben aber weitestgehend unverletzt. Weltmeister Hanfstingl erlitt einen Haarriss in einer Rippe und musste wie auch Walker seinen Start am Sonntag im Super-G absagen. „Die Piste war brutal zu fahren“, sagte der Helmstedter Thomas Nolte, der in der Abfahrt nicht über Rang elf hinaus kam: „Wenn es vor dir jeden zweiten zerlegt hat, ist es schwer, das auszublenden.“ Der Österreicher Matthias Lanzinger, der bei den Stehenden Silber im Super-G gewann, gestand eine besondere Rennvorbereitung: „Prothese richtig festschrauben, Stoßgebet nach oben und dann geht’s los.“

15 Grad am Schwarzen Meer

Im warmen März an der russischen Schwarzmeerküste bei Temperaturen um die 15 Grad liegt nach Ansicht vieler Athleten und Trainer zu wenig Schnee auf der Piste, so sind die vielen Schläge noch schwieriger auszugleichen, und die Fahrer werden ausgehoben und durch die Luft geschleudert. „So schwierige Pistenverhältnisse hatten wir noch nie“, sagte Bundestrainer Justus Wolf. Und Kreiter meinte: „Die Strecke ist sehr beansprucht von den vergangenen Wochen und einfach zu weich, da es auch nachts zu warm ist.“

Schönfelder sieht die Situation aber auch „nicht ganz so dramatisch, schließlich sind das hier die Paralympics“. Zwar sei die Strecke „schon ein Problem, sehr schwierig, selektiv, mit vielen Schlägen bei hohem Tempo“, sagte der Ex-Rennfahrer, der vor drei Jahren seine erfolgreiche Karriere beendet hatte: „Aber bei der Abfahrt und dem Super-G ist immer ein Risiko dabei. Die Athleten riskieren bei den Paralympics alles, manchmal geben sie mehr als 100 Prozent, und dann fliegt man schon einmal ab.“

Die Sturzserie in Sotschi sorgte auch bei Funktionären für bange Blicke und erste Reformvorschläge. „Wenn die Summe der Stürze überwiegt, muss man das hinterfragen. Das sind ja keine Anfänger, die da fahren“, sagte Friedhelm Julius Beucher, Chef des Deutschen Behindertensportverbandes, am Sonntag. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) müsse sich „grundsätzlich überlegen, ob man Monoskiwettbewerbe in allen Disziplinen auf allen Pisten“ durchführen könne.

Pisten sind regelgerecht

Karl Quade, Chef de Mission des deutschen Teams, sagte, dass die Pisten sehr anspruchsvoll seien, „die aber regelgerecht sind“. Eine IPC-Sprecherin betonte, dass es am Sonnabend in der Trainerrunde nach dem Rennen keine Beschwerden gegeben habe. „Die Trainer und die Athleten haben gesagt: Das ist in Ordnung“, bestätigte Quade, fügte aber an: „Wir werden da sicherlich drüber sprechen. Speziell die Abfahrt bei den Monoskifahrern war absoluter Highspeed.“ Zusätzlich das Leben schwer macht den Paralympioniken das milde Frühlingswetter in Krasnaja Poljana, wodurch der Schnee zu weich wird. „Es gibt eine ideale Fahrspur, die wird gesalzen. Wenn man da rauskommt, dann haut’s einen in den weichen Schnee rein“, erkannte Quade.

Beucher ist skeptisch ob der Zukunft von Monoskifahrern auf solch extrem steilen Pisten: „Jede Extremsituation gleichen sie normalerweise mit dem zweiten Ski durch die Körperdrehung aus. Bei den Monoskifahrern geht das nicht“, betonte er. Nolte hat das Sicherheitsvakuum erkannt: „Man versucht die Gefahr auszublenden, soweit es geht.“ Zurückhaltung im Hang sei allerdings keine Lösung, wie Kreiter erklärte: „Jeder gibt volles Rohr. Wenn du das nicht machst, kommst du zumindest nicht unter die ersten Drei.“