Motorsport

Erst fliegen, dann siegen

Spanier Maikel Melero gewinnt Night of the Jumps in Berlin und ist WM-Spitzenreiter

Der „Highway to Hell“ (AC/DC) führte für den Spanier Maikel Melero bei der 10. Auflage der Night of the Jumps in der O2 World gleich zweimal zum „Stairway to Heaven“ (Led Zeppelin). Denn was der 26 Jahre alte Spanier auf dem brutal schwierigen Parcours der wohl spektakulärsten Motocross-Disziplin den fast 20.000 Zuschauern an Sprüngen, Salti und purer Akrobatik auf seiner KTM präsentierte, wurde zu Recht am Ende beider Nächte jeweils mit Platz eins belohnt. Auch Dreifach-Weltmeister Remi Bizouard (Frankreich, zweimal Zweiter) und Melero-Landsmann Danny Torres (zweimal Dritter) applaudierten ihrem Konkurrenten.

Feuerwerk, Lichtshow, infernalisch laute, harte, aber zum Event und zum Publikum passende Musik, gefühlt durchgeknallte Motorradfahrer – die Faszination des Spektakels ist erklärlich, sofern man sich darauf einlassen will. „Ich habe nie an so große Veranstaltungen gedacht. Ich hatte als Junge einfach Spaß an den Sprüngen“, erinnerte sich Melero an seine Anfänge. „Die Sache hat sich sensationell entwickelt. Auch in Berlin. Die Stimmung hier bei den Fans ist kaum zu überbieten. Das macht uns Fahrer heiß. Du riskierst mehr, die Jungs riskieren mehr, alles schaukelt sich auf“, grinste der Doppelsieger, der mit dem Triumph in Berlin auch die Führung in der Weltmeisterschaft 2014 übernahm.

Deutschlands bester Starter, Hannes Ackermann, konnte am Ende mit Rang sechs eigentlich zufrieden sein, wäre da nicht das Finale am zweiten Tag gewesen. „Scheiße“, war das einzige, was dem total enttäuschten 24-jährigen KTM-Piloten zunächst zu entlocken war. Gleich zwei Blackouts (Sprünge ohne Wertung) zwangen ihn zur Aufgabe. „Ich weiß nicht, was los war. Ich will das auch nicht auf meine lange Verletzung schieben. Ich habe es einfach vermasselt“, sagte Ackermann, für den die Zuschauer vor dem entscheidenden Durchgang in der abgedunkelten Halle per Smartphone-Kameralampen noch mehrere LaOla-Runden absolviert hatten.

Sein acht Jahre jüngerer Bruder Luc, erstmals in einem WM-Starterfeld dabei, rettete aber die Familienehre. Denn der 16-Jährige brachte im Hochsprungwettbewerb den Kessel zum Kochen. Sein „Vater-Sohn-Duell“ gegen den fast 35 Jahre alten Italiener Massimo Bianconcini war sensationell. Beim Hochsprung haben die Fahrer sechs Meter Anlauf auf ebener Piste, rasen dann einen knapp fünf Meter hohen steilen Naturhügel aus Sand und Lehm hinauf. Auf dem Hindernis steht eine Art Stabhochsprunganlage. Am Ende gewann Weltrekordler Bianconcini mit 11,10 Metern (gemessen vom Hallenboden), also etwas über sechs Meter reiner Sprunghöhe. Ackermann hatte 10,70 Meter überquert und war dann an der nächsten Höhe knapp gescheitert. Die Weltrekordmarke des Mannes aus Bologna liegt bei 11,50 Meter. Ackermann sagte selbstbewusst: „Irgendwann besiege ich ihn.“

Auch wenn der Ablauf einer Night of the Jumps etwas chaotisch wirkt, ist das Spektakel eine Weltmeisterschaft unter Aufsicht und Federführung des Motorsport-Weltverbands FIM. Streckenaufbau, Abstand und Höhe der Schanzen, Zeitnahme und elektronische Punkteerfassung unterliegen den gleichen Kriterien wie im Motorrad-Straßensport oder bei Motocross-Weltmeisterschaften. Für FIM-Präsident Vito Ippolito (Venezuela) war es eine logische Entscheidung, die spektakuläre Motocross-Disziplin bereits 2006 mit einem WM-Prädikat zu versehen. „Man muss der Entwicklung Rechnung tragen. Bestes Beispiel sind die Olympischen Winterspiele in Sotschi. Freestyle und Slopestyle oder Snowboard haben großen Erfolg gehabt“, so der 61-Jährige im Vorfeld des Weltmeisterschafts-Auftaktes 2014. „Neben dem Sport fühlen sich die jungen Leute auch von der Musik, der ganz besonderen Kleidung und einem für sie passenden Lebensgefühl angezogen.“

Für Hannes Ackermann ist die WM ein wichtiger Job-Bestandteil: „Ich kann vom Fahren ganz gut leben. Eine WM hebt die Qualität an, bei uns Fahrern und bei den Veranstaltern. Das Umfeld ist gut. Und die Sicherheit ist gut, weil es immer ärztliche Versorgung gibt, wenn einer stürzt.“ Mittlerweile seien die Anforderungen und der Trainings- und Reiseaufwand so hoch, dass sich nur noch Profis an der Weltspitze halten können.