Eishockey

Mit Schwung in die fünfte Jahreszeit

Zuletzt kamen die Eisbären um Torhüter Rob Zepp immer besser in Form. Voller Selbstvertrauen starten sie nun gegen Ingolstadt in das Pre-Play-off

Wenn die Fans in T-Shirts beim Training zusehen, wenn vor der Halle Eis gegessen wird, wenn Torwart Rob Zepp den Helm abnimmt und der Schweiß nicht mehr als Tropfen an der Nase hängt, sondern in Strömen über das Gesicht fließt, dann ist Play-off-Zeit. Die fünfte Jahreszeit, wie es im Eishockey heißt. Alles steht auf Null, es geht nicht mehr um Punkte, nur noch Sieg und Niederlage zählen, wenn Zepp und die Eisbären an diesem Montag (19.30 Uhr, O2 World) zum ersten Spiel der Best-of-three-Serie gegen den ERC Ingolstadt antreten.

Wenn es um Alles oder Nichts geht, um die Meisterschaft, stehen Torhüter noch mehr im Fokus als sonst. Mit einer Glanzparade können sie den Erfolg festhalten, mit einem Lapsus die Niederlage oder vielleicht sogar das Aus besiegeln. Weit mehr als in anderen Sportarten, wie die Statistik belegt. Zepp stand in 38 Spielen 2256 Minuten zwischen den Pfosten, wehrte 1207 Schüsse ab und ließ 90 Mal den Puck passieren. Rein rechnerisch ist er also mindestens alle anderthalb Minuten gefordert. Gelegenheiten, Fehler zu machen, gibt es genug.

„Das stimmt schon, dass es im Play-off auf den Goalie ganz besonders ankommt, aber als Extra-Druck empfinde ich das nicht. Für mich kommt jetzt die schönste Zeit des Jahres, auf die ich mich wirklich freue“, sagt Zepp, ohne sich darum zu kümmern, wie der Schweiß im Trikot versickert. „Aber wenn der Torhüter gut spielt und alle anderen nicht, bringt das auch nichts. Im Play-off musst du als Einheit auftreten.“ Irgendetwas ändern werde er jetzt nicht. Muss er auch nicht: Zepp hielt in dieser Saison 93,1 Prozent der auf sein Tor abgefeuerten Pucks, ließ 2,39 Gegentore pro Spiel zu – nicht nur in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) ein absoluter Spitzenwert.

Sieben Titel in neun Jahren

Dabei stand er auch zu Zeiten zwischen den Pfosten, als sich viele fragten, ob das wirklich die Eisbären sind, die fast unverändert eine Saison zuvor den siebten Meistertitel in neun Jahren gewonnen hatten. Das Spiel seines Teams habe sich „erst in der Länderspielpause im November leicht zum Besseren gewendet“, erzählt der 32-jährige Kanadier, der auch das Tor der deutschen Nationalmannschaft hütet. Seitdem die Liga im Februar erneut wegen der DEB-Auswahl pausierte, „spielen wir richtig gut“.

Kapitän André Rankel erzählt, die Mannschaft habe sich in der Pause vor vier Wochen „zusammengesetzt und klare Ziele formuliert“. Das erste sei „das Erreichen des Pre-Play-off gewesen“, was die Eisbären bereits zwei Spieltage vor Ende der Hauptrunde gegen Augsburg (6:1) abhaken konnten. Das nächste Ziel, das Heimrecht für die erste Play-off-Runde, erreichten sie mit einem 4:1-Sieg am Freitag in Ingolstadt, zu dem Rankel den ersten lupenreinen Hattrick seiner Karriere beisteuerte.

Unter dem Strich stehen jetzt neun Siege in zehn Spielen – kein Wunder, dass es Zepp wieder mehr Spaß macht, seinen Vorderleuten zuzusehen. „Wir blocken mehr Schüsse ab und machen vor allem in der Verteidigung viele Kleinigkeiten besser, und das Toreschießen verteilt sich auf viele Schultern“, analysiert die Nummer eins der Eisbären, die die Rückennummer 72 trägt.

Die Zeiten, in denen der Meister kaum ein Sechs-Punkte-Wochenende zusammen brachte und viel zu selten ins gegnerische Tor traf, sind jedenfalls pünktlich zum Play-off-Start vorbei. „Da waren wir aber nicht die gleiche Mannschaft“, sagt Coach Jeff Tomlinson, den während der Krise einige schon wackeln sahen. Zu viele Verletzte hätten gefehlt, übrigens auch Zepp. Jetzt, da fast alle wieder da sind, „haben wir Selbstvertrauen und sind gut drauf“.

Die Tabelle hat es gewollt, dass jetzt auf dem Weg zum nächsten Ziel, dem Erreichen des Viertelfinales, genau die Mannschaft im Weg steht, die die Eisbären am Freitag in fremder Halle bezwangen: der ERC Ingolstadt. Auch die drei Begegnungen zuvor hatte Tomlinsons Team mit 3:2 (A), 6:3 (A) und 3:2 (H) gewonnen. Favorit sei sein Team aber dennoch nicht, versucht der Coach zu erklären. Die Siegesserie zeige lediglich, „dass wir auf einem guten Weg sind. Aber jetzt fängt eine völlig neue Saison an, zehn Mannschaften haben eine Chance“. Sein Team müsse „eine Schippe drauflegen“.

Die Bärte wachsen

Das Play-off ist auch die Zeit, in der bei denen, die lange dabei sind, die Bärte länger sind als das Haupthaar. Bei Florian Busch könnte es schon im ersten Spiel gegen Ingolstadt so weit sein. Bei allen anderen sind derzeit bestenfalls ein paar Stoppeln zu sehen. Ob die Mannschaft sich intern verabredet hat, die Gesichter zuwachsen zu lassen, weiß Tomlinson nicht. „Ich bin selbst gespannt“, sagt der Coach. „Ich hoffe, wir sind lange genug dabei, dass man ein paar richtige Vollbärte sehen kann.“

An Zepp, ist sich der Kanadier in seiner ersten Saison an der Eisbären-Bande sicher, wird es nicht liegen. „Rob war schon in dieser Situation und hat jede Menge Erfahrung. Er kümmert sich jetzt um nichts anderes mehr und ist voll fokussiert“, sagt der Coach. Um Großes zu leisten, brauche man auch einen gewissen Druck. Wer dann einknicke, gewinne in der Regel auch nichts. Was auf Zepp nun keinesfalls zutrifft. Er wurde mit den Bären fünfmal Meister.