Olympia

Eröffnung unter Protest

Ukraine verzichtet auf Boykott in Sotschi. „Lasst uns keinen Krieg beginnen während der Paralympics“

Russlands Präsident Wladimir Putin hat seine nächste Party eröffnet – ausgelassene Feierstimmung wollte bei der Zeremonie zu Beginn der elften Winter-Paralympics in Sotschi aber nur auf den Rängen aufkommen. Die Athleten reagierten zum großen Teil verhalten. Das furiose Spektakel und die gigantische Show standen im Schatten der Krise auf der Krim.

Die deutsche Mannschaft verzichtete wie die meisten Nationen beim Einmarsch auf das Schwenken von russischen Fähnchen. Eine stumme Missbilligung aufgrund Russlands militärischer Intervention in der Ukraine. Zahlreiche Staats- und Regierungschefs hatten ihre Teilnahme an der Eröffnungsfeier abgesagt – aus Protest gegen Putins aggressive Politik auf der Halbinsel.

Um 21.37 Uhr Ortszeit sprach Putin im ausverkauften Fischt-Stadion die traditionelle Formel („Ich erkläre die elften Paralympischen Winterspiele in Sotschi für eröffnet“) und gab damit den Startschuss für die größten Winterspiele der Behindertensport-Geschichte. Es folgte ein kurzes, aber bombastisches Feuerwerk. Wenig später entzündeten die russischen Paralympics-Helden Olesija Wladykina und Sergej Schilow das paralympische Feuer.

„Wir werden alles dafür tun, dass sich die Athleten in Russland wie zu Hause fühlen, unter guten Freunden“, schrieb Putin in seinem Grußwort, „damit sie ihr Können zeigen und neue Höhen erreichen. Ich wünsche allen Athleten Erfolg und nur das Beste.“ Als Putin im Stadion erschien, würdigte ihn der ebenfalls anwesende IOC-Präsident Thomas Bach kaum eines Blickes. Sir Philip Craven, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), sagte: „Der heutige Abend ist der Beweis, dass das vermeintlich Unmögliche möglich ist.“

Zuvor waren unter dem Jubel der 40.000 Zuschauer die 45 teilnehmenden Nationen durch einen Lichter-Wald in die Arena eingezogen. Gigantische Leuchtstäbe wurden dazu vom Hallendach abgeseilt. Die Ukraine, die sich erst Stunden zuvor für eine Teilnahme an den Wettbewerben entschlossen hatte, schickte als Reaktion auf Russlands umstrittene Außenpolitik nur Fahnenträger Michailo Tkatschenko zu der Zeremonie. Das Publikum honorierte sein Kommen mit tosendem Beifall.

Abstimmung in der Mannschaft

Seit Russland unter Staatspräsident Putin mit dem Truppenaufmarsch auf der Halbinsel Krim zum Monatswechsel das Völkerrecht brach, wurde über einen Boykott der ukrainischen Sportler in Sotschi spekuliert. Am Freitagmittag verkündete Waleri Suskewitsch, Präsident des paralympischen Komittees der Ukraine: „Wir wollen teilnehmen – für den Frieden in der Ukraine, in Europa und der Welt.“

Eine halbe Stunde lang haben Suskewitsch und Putin bereits am Montag miteinander gesprochen, danach wurde innerhalb der ukrainischen Mannschaft offenbar abgestimmt. Nun appellierte Suskewitsch: „Lasst uns keinen Krieg beginnen während der Paralympics!“ Er bete zu Gott, „dass der Frieden in Europa und der Welt erhalten bleibt. Mein Wunsch ist, dass die Ukrainer in Frieden leben können. Die paralympische Bewegung kann dazu beitragen“.

Mit dem Entschluss gegen einen Boykott der neuntägigen Wettkämpfe in der Kaukasus-Region, die gut 450 Kilometer vom politischen Krisenzentrum Krim entfernt liegt, erspart die ukrainische Delegation mehreren Beteiligten unangenehme Folgen: Dem Internationalen Paralympischen Komitee (IPC), dessen Präsident Craven so verzweifelt wie vergeblich darauf pocht, Sport und Politik strikt zu trennen. Staatschef Putin, der unter allen Umständen den schönen Schein zu wahren versucht. Und nicht zuletzt den ukrainischen Sportlern.

Er hoffe, dass nun „der Sport und die Athleten in den Mittelpunkt gestellt werden und die Schlagzeilen erhalten, die sie verdienen“, wiederholte der Brite Craven. Er jedenfalls sei begeistert, dass die Ukraine teilnehmen wird. Wie konterkarierend wirkt da die Meldung, Cravens IPC prüfe Ermittlungen just gegen die ukrainische Delegation. Nachdem am Donnerstag im olympischen Bergdorf in Krasnaja Poljana das obligatorische Hissen der Nationalflagge und das Singen der Nationalhymne vonstatten gegangen waren, hatten die Ukrainer im Weitergehen lautstark „Frieden für die Ukraine“ gerufen. Ein politischer Protest – ja oder nein? Laut olympischer Charta ist ein solcher strikt verboten und müsste auch sanktioniert werden.

Suskewitsch berichtete von bewegenden Eindrücken selbst von vielen russischen Volunteers bei der Zeremonie. „Einfache Passanten riefen uns etwas zu, man hörte nur das Wort Frieden, es gab keinen Unbeteiligten.“ Als die Nationalhymne ertönte und pikanterweise das russische Militär dazu salutierte, „hatten alle Tränen in den Augen, als wir an unser Volk und unser Land dachten“, kommentierte er und ergänzte: „Wir haben den Beschluss gefasst, die Fahne einer unabhängigen, souveränen Ukraine zu hissen.“

Die „besten Paralympics aller Zeiten“ haben sie Sotschi prophezeit, doch was von diesen Spielen an der Schwarzmeerküste bleiben wird, ist ungewiss.