Olympia

Paralympics im Schatten der Krise

Am Freitag beginnen die Weltspiele der Behinderten in Sotschi. Doch statt des Sports stehen Boykottaufrufe im Vordergrund

Wladimir Putin will sich seinen großen Auftritt auf gar keinen Fall nehmen lassen. Am Freitag beginnen in Sotschi knapp zwei Wochen nach Ende der Olympischen Winterspiele die Paralympics, die Weltspiele der Behinderten. Der Präsident Russlands wird diese Veranstaltung mit einem hübschen Feuerwerk und einer bunten Show eröffnen, als wäre die Welt nicht in Sorge wegen der militärischen Machtspiele, die nur 450 Kilometer Luftlinie entfernt auf der Halbinsel Krim stattfinden. Unter Putins Federführung.

Dass Politiker im Westen nun einen Boykott der Paralympics fordern, nennt er „den Gipfel des Zynismus“. Es gehe um „ein internationales Sportereignis, bei dem Menschen mit Behinderung sich selbst und der Welt beweisen können, dass es für sie keine Grenzen gibt“. Wenn jemand dies zu verhindern versuche, sei das ein Beweis dafür, dass „es Menschen gibt, denen nichts heilig ist“.

Absagen aus Königshäusern

Solche Kommentare sind nichts anderes als billige Propaganda. Genau deswegen wird die Zahl der Boykott-Befürworter eher größer als kleiner. Sich darüber Gedanken zu machen, Putin keine glänzende Bühne zu geben, ist nur legitim. Wobei es gar nicht in erster Linie um einen Sportler-Boykott geht. Die USA und Großbritannien haben angekündigt, aus Protest gegen das russische Vorgehen auf der Krim keine Regierungsvertreter nach Sotschi zu entsenden. Die Grünen haben von der Bundesregierung gefordert, diesem Beispiel zu folgen. „Mitglieder der Bundesregierung sollten den Paralympischen Spielen fern bleiben und Putin keine Gelegenheit zur Inszenierung geben“, sagte Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth in der „Frankfurter Rundschau“. Angesichts der sich zuspitzenden Krim-Krise zwischen der Ukraine und Russland hätte man „ernsthaft über eine Verlegung oder Verschiebung der Paralympics nachdenken müssen“. Auch aus Europas Königshäusern, die dem Behindertensport sonst große Aufmerksamkeit widmen, hagelte es schon Absagen. Schwedens Kronprinzessin Victoria, die norwegische Prinzessin Martha Louise, der britische Prinz Edward und Vertreter der niederländischen Königsfamilie werden fehlen.

Die Parlamentarischen Staatssekretäre Ole Schröder (Innenministerium/CDU), Gabriele Lösekrug-Möller (Arbeit und Soziales/SPD) und Ralf Brauksiepe (Verteidigung/CDU) wollen sich hingegen ebenso als Vertreter der Bundesregierung auf den Weg machen wie die Behindertenbeauftragte Verena Bentele. Die sportpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen von CDU und SPD, Eberhard Gienger und Michaela Engelmeier-Heite, lehnen einen Boykott ab. „Politiker sind genau die, die vor Ort Gespräche führen können. Das kann man von Sportlern nicht erwarten“, sagte der ehemalige Turn-Weltmeister Gienger.

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, spricht sich eindeutig gegen einen Boykott durch die deutsche Mannschaft aus. „Boykott macht nur Sinn, wenn es sehr viele machen. Ich setze auf die Einsicht von Herrn Putin und der russischen Regierung, dass sie den olympischen Eid respektieren und keine Kriegshandlungen zwischen Olympischen oder Paralympischen Spielen beginnen“, sagte Beucher. Der russische Präsident könne sich das „gar nicht erlauben – bei diesem weltweiten Aufschrei. Damit würde er sich die Lorbeeren selber wegnehmen, die durch Olympia entstanden sind.“ Allerdings ergänzte der SPD-Politiker: „Wir dramatisieren nichts, analysieren nüchtern und bewerten die Sachlage jeden Tag neu.“

Auch Willi Lemke, seit 2008 Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport, hält einen Boykott für das falsche Signal: „Mir ist es immer lieber, wenn die Menschen zusammenkommen und miteinander reden.“ Generell könnten Sportorganisationen keine politischen Krisen lösen. „Der Sport kann aber zeigen, dass man auch in schweren Zeiten aufeinander zugehen kann“, sagte der frühere Manager von Werder Bremen. Lemke sieht jedoch: „Die Situation ist für alle Beteiligten bedrückend.“

Rekord: 46 Nationen am Start

Die 13 deutschen Athleten starten ohne konkretes Medaillenziel, aber mit großem Hunger auf Erfolge in die 11. Winter-Paralympics in einem „etwas zu groß geratenen Phantasialand“ (Beucher über die Wettkampf-Region Krasnaja Poljana). „Wir können mit den Besten mithalten und werden sicher nicht abstürzen“, sagte der deutsche Chef de Mission Karl Quade: „Die Russen werden am Ende deutlich vorn liegen. Wir wollen versuchen, an unser Ergebnis von Vancouver heranzukommen. Wir schicken eine kleine, aber feine Mannschaft.“ Vor vier Jahren sammelte das deutsche Team in Kanada insgesamt 13 Goldmedaillen und war am Ende die erfolgreichste Mannschaft – allerdings haben die Stars Gerd Schönfelder und Verena Bentele mittlerweile ihre Karriere beendet.

Insgesamt wird es in Russland eine Rekord-Beteiligung geben. 46 Nationen und damit zwei mehr als in Vancouver werden teilnehmen, darunter die vier Neulinge Brasilien, Kirgistan, Türkei und Usbekistan. 575 Athleten (2010: 504) kämpfen in 72 Entscheidungen (2010: 64) um Medaillen.