Nationalmannschaft

Von WM-Form weit entfernt

Götzes Siegtreffer beim 1:0 gegen Chile verdeckt viele Schwächen im Spiel der deutschen Fußball-Nationalelf

Als Mesut Özil in der 89. Minute vom Spielfeld schlich, hallten Pfiffe durch die Stuttgarter Arena. Der Unmut der Fans hatte sich auf den Spielmacher der deutschen Elf gerichtet. Er galt ihnen als Sinnbild für eine ideenlose, ja zum Teil wenig engagierte Leistung der deutschen Nationalmannschaft, die dank eines Treffers von Mario Götze (16. Minute) mit 1:0 (1:0) schmeichelhaft gegen Chile gewann. Sie siegte zwar im ersten Länderspiel im Jahr 2014. Der letzte Test vor der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders am 8. Mai darf dennoch nicht als gelungen bezeichnet werden. Der Appell, den Löw noch am Montag an seine Spieler gerichtet hatte, sich knapp drei Monate vor Beginn der Weltmeisterschaft in Brasilien zu straffen, er drang offenbar nicht durch.

„Das war ein glücklicher Sieg“, sagte Kapitän Philipp Lahm, „wir wissen, dass wir noch Arbeit vor uns haben. Wir werden in den letzten Wochen vor der WM einiges verbessern. Mir ist aber nicht bange vor der WM.“ „Sieg ist Sieg“, beruhigte Sebastian Schweinsteiger, „Chile war sehr gut, die hatten einige Chancen. Die spielen in einem anderen System als die meisten anderen Mannschaften. Wir müssen noch ein paar Dinge verbessern.“

Löw stellte seine Abwehr neu zusammen: Links begann Marcell Jansen. Rechts ersetzte Kevin Großkreutz Kapitän Lahm, der ins Mittelfeld rückte. Für den Dortmunder Allrounder Großkreutz war es die Rückkehr nach mehr als drei Jahren. Die neu formierte Defensivreihe aber wackelte gehörig. Erst musste Jerome Boateng gegen den flinken Alexis Sanchez in letzter Sekunde klären (8.). Dann köpfte der Ex-Leverkusener Arturo Vidal nach einem Eckball gefährlich aufs deutsche Tor, doch Lahm kratzte den Ball noch von der Torauslinie (9.).

Schon die ersten 15 Minuten gehörten klar dem Weltranglisten-14. aus Chile. Laufstark und aggressiv trat das Team des argentinischen Trainers Jorge Sampaoli hier auf. Ein Gegner zum Wegputzen im Vorbeilaufen waren die Südamerikaner keineswegs. Zuletzt ließen sie die Fußballwelt mit einem 2:0 gegen England und einem 2:2 gegen Welt- und Europameister Spanien aufhorchen.

Sanchez schlägt Häschen-Haken

Behäbig und statisch wirkte dagegen das deutsche Spiel über weite Strecken. Dass Löws Mannschaft aber auch in mäßigen Phasen über eine enorme Spielfertigkeit verfügt, zeigte sich, als sich Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger in den Strafraum kombinierten, Özil den frei stehenden Götze fand und dieser zum überraschenden 1:0 einschob (16.). „Auf dem Papier haben wir eine Topmannschaft“, hatte Löw am Montag gesagt. In diesem einen Moment zeigte sie es auch auf dem Platz.

Jansen musste früh mit einem Außenbandriss ausgewechselt werden (24.). Marcel Schmelzer kam für ihn. Chile nutzte diese Phase der Unordnung: Der agile Sanchez schlängelte sich an dem Dortmunder vorbei, spielte Vidal frei, doch der 26-Jährige schoss Manuel Neuer im deutschen Tor aus acht Metern unbedrängt an (26.).

„La Roja“, wie die Chilenen genannt werden, dominierte auch nach dem Rückstand weiter. „Das war eine gute Lehrstunde, für die Mentalität nicht schlecht“, gab der deutsche Abwehrchef Per Mertesacker zu. Sanchez schlug seine Häschen-Haken, Vidal giftete im Mittelfeld und trieb sein Team wie ein rachsüchtiger Häuptling auf Kriegspfad nach vorn. Die beste Chance aber sahen die 54.449 Zuschauer wieder auf der anderen Seite: Götze setzte sich im Strafraum durch, sein feiner Schlenzer strich jedoch knapp am chilenischen Tor vorbei (33.). Löw wechselte zur Pause und brachte André Schürrle für den unauffälligen Miroslav Klose. Mit seiner Hereinnahme stellte der Bundestrainer auf ein System ohne echten Stürmer um – Özil gab nun die „falsche Neun“ im Angriff. An der Ideenlosigkeit seiner Mannschaft änderte das aber wenig. Özil wirkte phlegmatisch wie selten zuvor im Nationaltrikot. Schweinsteiger bekam kaum Zugriff aufs Spiel. Als schon die ersten Pfiffe von den Rängen hallten, drosch Charles Aránguiz den Ball aus acht Metern an die Unterkante der Latte (61.), die Pfiffe wurden noch lauter. So richtig verärgert reagierten die Fans aber, als Neuer 25 Minuten vor Abpfiff auf Zeit zu spielen begann.

Löw tobte an der Seitenlinie

Immer häufiger spielte der formidable Sanchez mit der deutschen Defensive Katz und Maus. Zweimal musste Neuer gegen ihn retten (69./70.). Der chilenische Reporter auf der Pressetribüne schrie jedes Mal laut auf, wenn wieder eine gute Gelegenheit versandete. Löw dürfte nachdenklich gemacht haben, wie fest sein Team im zweiten Durchgang in der eigenen Hälfte eingeschnürt blieb und sich kaum einmal befreien konnte. Als Schweinsteiger dann doch einmal etwas zufällig zum Abschluss kam – die einzige nennenswerte Chance der deutschen Elf in den zweiten 45 Minuten –, da warf sich ein Chilene dazwischen (80.). „Wir hatten wahnsinnig Mühe, Zugriff zum Spiel zu finden“, monierte Löw, der während der 90 Minuten zeitweise an der Seitenlinie getobt hatte, schon wieder viel ruhiger, „Chile war technisch, läuferisch und vom Zweikampf her hervorragend. Uns hat die Ballsicherheit gefehlt. Einige unserer Spieler müssen zulegen in den nächsten Monaten, um ihre Form zu finden.“

Wenn es schon kein schöner Abend für Löw war, so aber für Matthias Ginter. Der 20-Jährige vom SC Freiburg kam in der 89. Minute zu seinem Länderspieldebüt. Als die Pfiffe gegen Özil gerade verhallt waren.