Nationalmannschaft

Löws Problemlöser

Philipp Lahm soll die Lücke in der Zentrale des DFB-Teams schließen. Mit Folgen für Mesut Özil

Philipp Lahm lächelte, als er am Dienstag über das Testspiel der deutschen Nationalmannschaft am Mittwoch gegen Chile (20.45 Uhr, ARD) plauderte. Entspannt konnte er auch sein, denn der deutliche Appell, den Bundestrainer Joachim Löw einen Tag zuvor an seine Mannschaft gerichtet hatte („Die Uhr tickt. Nur wer sie hört, hat eine Chance bei der WM dabei zu sein.“), galt ja keinesfalls ihm. Lahm ist unumstritten in der deutschen Elf, und er dürfte mit Blick auf die Endrunde, die in 99 Tagen in Brasilien beginnt, noch einmal wichtiger werden.

Denn Löw hat sich entschieden, den 30-Jährigen, der ein Jahrzehnt lang als Außenverteidiger auftrat, für den letzten Test vor der vorläufigen Nominierung des WM-Kaders am 8. Mai ins zentrale Mittelfeld vor die Abwehr zu verschieben. „Ich fühle mich wohl dort. Es macht mir Spaß und ist etwas Neues für mich“, sagte Lahm. Unter Pep Guardiola lief er in 15 seiner 20 Partien der aktuellen Bundesligasaison als „Sechser“ beim FC Bayern auf. Fünf von sieben Spielen in der Champions League bestritt er dort und überzeugt nicht nur die Presse (der „Kicker“ wählte ihn zum besten defensiven Mittelfeldspieler der Hinrunde), sondern auch Löw.

WM-Chance für Großkreutz

Der 54-Jährige würde gern weiterhin auf Lahm als beständigen Rechtsverteidiger zurückgreifen, doch durch die verletzungsbedingten Ausfälle von Sami Khedira und Ilkay Gündogan ist er nunmehr zur Versetzung seines Kapitäns bereit. Löw hat ein Problem, Lahm soll es lösen. Dieser fremdelt keineswegs mit der neuen Aufgabe. Er sehe sich mittlerweile vornehmlich als Mittelfeldspieler, sagte Lahm: „Ich kann mir vorstellen, in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren dort zu spielen.“ Auch die Mannschaft selbst steht der Maßnahme positiv gegenüber: „Philipp kann man überall hinstellen, und er bringt Topleistungen. Im Weltfußball sticht er da heraus“, sagte Lukas Podolski.

Wo Lahm spielt, da ist Weltklasse garantiert. Nur da, wo er nicht mehr spielt, bleiben Brachflächen zurück. Die Position rechts in der Viererkette wird gegen Chile Kevin Großkreutz übertragen. Der Dortmunder, der erstmals seit mehr als drei Jahren wieder berufen wurde, hatte die Aufgabe in der Hinrunde beim BVB überraschend gut gemeistert. Zuletzt aber spielte der 25-Jährige dort wieder im Mittelfeld. Dank seiner Vielseitigkeit und durch die Verschiebung Lahms steigen nun seine WM-Chancen.

Das Ticket für Brasilien hat Mesut Özil sicher. Allerdings könnte die Versetzung Lahms ins Zentrum Folgen für den Spielmacher des FC Arsenals haben. Seit Wochen steckt Özil in einer Formkrise und wird scharf kritisiert. Über ihn verlor Löw keinen Satz.

Stattdessen lobte der Bundestrainer Toni Kroos, Özils Konkurrent im Mittelfeld: „Toni hat sich super entwickelt. Ich sehe ihn als einen wahnsinnig wichtigen Spieler für uns.“ Löw hat sich auch hier festgelegt: Gegen Chile wird Kroos auflaufen. Aller Voraussicht nach beginnt neben ihm sein Bayern-Kollege Bastian Schweinsteiger. Für Özil bliebe dann nur die Position rechts im Mittelfeld, die durch den Ausfall von Thomas Müller verwaist ist, oder der Einsatz als Sturmspitze, falls Miroslav Klose (Beckenprobleme) passen muss.

An Özils Wert ließ Lahm keinen Zweifel: „Er hat bewiesen, welch überragender Spieler er ist. Um ihn braucht sich keiner Sorgen machen.“ Den Appell des Bundestrainers vom Vortag, sich so kurz vor der WM zu straffen, wiederholte er dennoch: „Jeder ist austauschbar und muss um seinen Platz bangen“, sagte Lahm. Er selbst freilich nicht.