Eishockey

Auf der Jagd nach Toren

Julian Talbot will nach der Eishockey-Saison seine indianischen Wurzeln entdecken. Vorher soll aber noch ein weiterer Erfolg mit den Eisbären her

Lange dauert es nicht ja mehr, ein paar Wochen noch, vielleicht knapp zwei Monate. Je nachdem, wie weit die Eisbären in der ab kommenden Sonntag anstehenden K.o.-Phase des Titelkampfes kommen. Und erst wenn für die Berliner die Saison in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) vorbei ist, wird sich für Julian Talbot die Welt des Wissens wieder etwas weiter öffnen. Seine Familie ist dann wahrscheinlich schon ein gutes Stück voran mit der Geschichtsverarbeitung. Er selbst hielt sich damit zurück, weit weg von der Heimat war für den Kanadier in Berlin nicht ganz der richtige Platz, sich mit den Indianern zu beschäftigen.

Einmal aber, als er für einige Tage verletzt war, besuchte Talbot eine Ausstellung über Irokesen. Kann nämlich sein, dass er damit irgendwie irgendwas zu tun hat. Es heißt, die Irokesen könnten mit den Algonkin-Stämmen verwandt sein. Seit vergangenem Sommer hat der Stürmer es schriftlich, dass er ein Algonkin-Indianer ist. Eine Woche, bevor er beim Berliner Eishockeyklub mit der Saisonvorbereitung begann, erhielt er den Ausweis. Das Ding postete er gleich bei Twitter. „Die meisten waren überrascht“, sagt Talbot. Ihm selbst kam es auch komisch vor.

Obwohl. Die Haare wachsen schon länger als bei anderen. Wenn der 28-Jährige zurückblickt, fallen ihm schnell ein paar Sachen ein; vielleicht liegt ja doch etwas in den Genen. „Mein Vater und meine Brüder waren immer gern jagen und fischen. Wir sind definitiv Draußen-Menschen“, erzählt Talbot. Früher schaute der Vater auch gern Western mit Indianern im Fernsehen. Sonst aber fehlen Talbot die Bezüge. „Ich hatte vorher nicht viel damit zu tun“, sagt der Angreifer des Titelverteidigers. Seit er weiß, dass er anerkannter Ureinwohner Kanadas ist, will er mehr darüber erfahren.

In seiner Familie war das Wissen über die Herkunft lange verschollen. Alles bekommt Talbot nicht mehr zusammen, aber die Großmutter wusste wohl lange nicht, wer ihr Vater war. „Die Tochter ihrer Schwester interessierte sich aber für das Thema“, sagt der DEL-Topscorer des vergangenen Play-off. Vor gut einem Jahr erfuhr seine Großmutter dann, dass wiederum ihre Großmutter mit einem Algonkin-Häuptling verheiratet gewesen war. Das weckte bei seiner Familie die Leidenschaft, sie fingen an, sich zu erkundigen und nach Dokumenten zu suchen und überall zu fragen.

Eine Zeit lang hielt Talbot auf seinem Handy die Erklärung des Stammesnamens parat, irgendwann löschte er es versehentlich. Algonkin bedeutet so viel wie „die, die Bäume essen“. Der Name ist von Ernährungsgewohnheiten abgeleitet, Moose und Baumrinde gehörten offenbar dazu. In der Gegend zwischen Ontario und Quebec liegt die Heimat des Stammes, aus dieser Gegend kommt auch Talbot.

Viel hat er noch nicht zusammengetragen darüber, wer oder was die Algonkins sind, über Kultur und Leben. Ein bisschen weiß er jedoch aus dem Internet. „Das ist alles neu für mich“, sagt er, „aber ich möchte natürlich mehr lernen. Das wird jetzt mehr und mehr Teil meines Lebens.“ Vielleicht fängt er demnächst sogar an, die Sprache der Algonkin zu lernen. Der Stamm pflegt seine kulturelle Identität, die Weitergabe der Traditionen genießt große Bedeutung.

In der Kabine wurde von den Eishockeykollegen bislang nicht viel nach seinem neuen Status gefragt. Er selbst sieht sich auch keinem größeren Wandel unterworfen. „Für mich ändert sich nichts daran, wer ich bin“, sagt Talbot, „wenn ich mehr darüber erfahre, kann es aber sein, dass ich die Dinge etwas anders sehe.“ Bisher beeinflusste ihn kaum etwas von den Belangen der First Nations, ihre soziale Rolle und Bedeutung in der kanadischen Gesellschaft, davon hat er nie viel mitbekommen. Seit er den Ausweis besitzt, besteht allein aus moralischer Sicht jedoch ein gewisser Nachholbedarf.

Denn damit lässt sich mehr anfangen, als nur stolz zu behaupten, ein Indianer zu sein. „Mit der Karte erhältst du mehr Rechte“, erzählt Talbot. Man darf etwa mehr jagen und fischen, es gibt sogar einige Steuervorteile, manchmal ist der Schulbesuch kostenlos. Wenn etwas verkauft wird im Reservat, erhält jeder einen Anteil, würde er auf das Stammesgebiet ziehen, bekäme er ein Stück Land. „Du profitierst sehr von so einem Ausweis“, sagt Talbot, der drei ältere Brüder hat. Einer von ihnen, Joe, spielte auch mal Profi-Eishockey. Letztens waren sie in Berlin zu Besuch, die Auffrischung der Familiengeschichte besaß dabei jedoch keine Priorität. Lehrreich fiel die Visite trotzdem aus. Talbot hatte gerade nicht seine beste Phase. „Manchmal vergisst man Dinge, die man eigentlich für selbstverständlich hält. Dann ist es gut, wenn jemand einen daran erinnert, dass da etwas fehlt“, so Talbot. Es lief danach gleich wieder besser für ihn.

Für Siege wieder hart arbeiten

Für die Eisbären an sich, bei denen Talbot bereits in der dritten Saison spielt, entwickelte sich erst zum Ende der Hauptrunde alles in eine bessere Richtung. Für den Stürmer hatte das viel mit der Einstellung zu tun, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als die Verletzungen überhand nahmen. „Nach so vielen Jahren, in denen wir so viel gewonnen haben, ist uns das Gefühl, dass man für Siege arbeiten muss, ein bisschen verloren gegangen“, sagt der Angreifer. Die Anpassung an die neuen Umstände dauerte länger, als sie es sollte.

Wenn Julian Talbot nach der Saison nach Kanada zurückkehrt, wird er sich wieder mit neuen Dingen auseinandersetzen müssen. Er wird nachholen, was die Familie schon erfahren hat darüber, wie es ist und was es bedeutet, ein Algonkin-Indianer zu sein. Bis dahin geht es für ihn aber erst einmal um Tore und Vorlagen, zwölf beziehungsweise 15 davon sind einem wie ihm, der auf dem Eis als Häuptling gilt, noch nicht genug.