Freundschaftsspiel

Chiles ganzer Stolz

Alexis Sanchez wirbelt gerade die Hierarchie beim FC Barcelona durcheinander. Heute trifft er im WM-Test auf Deutschland

Alexis Sanchez kommt aus dem Teufelseck. So übersetzt sich der Name seiner Heimstadt Tocopilla aus der Sprache der Ureinwohner. So schaut es dort auch heute noch aus, in der Wüste Chiles, 1600 Kilometer nördlich der Hauptstadt Santiago. In den Negativ-Statistiken liegt Tocopilla weit vorn: Armut, Drogen, und weil sich über all das noch der Kohlenstaub zweier Heizkraftwerke legt, auch bei der Umweltverschmutzung, beim Krebs und anderen schweren Krankheiten.

Am heutigen Mittwoch steht Alexis Sanchez im Mittelpunkt, wenn Chile in Stuttgart im Freundschaftsländerspiel gegen Deutschland antritt (20.45 Uhr, ARD). Wenn dieser Alexis also sagt, „der Fußball hat mich gerettet“, ist das keine Übertreibung, sondern wohl die Wahrheit. Mit der Mutter und drei Geschwistern wuchs er in einer Lehmhütte auf, verdiente sich ein wenig Geld beim Autowaschen und kickte barfuß mit Bällen, die er sich mit Freunden aus Lumpen oder Reifenresten zusammengewickelt hatte. Es war die Zeit, als er der Mutter versprach: „Wir werden reich sein“. Und den Freunden: „Dir werde ich ein Auto schenken, Dir das Haus neu machen.“ Als er „davon träumte, ganz Tocopilla in Ordnung zu bringen“, wie er kürzlich in einem Interview erzählte. Alexis meinte es ernst, wenn er daheim erzählte: „Ich werde der beste Spieler der Welt“.

Guardiola hatte ihn entdeckt

So weit ist es noch nicht. Zumindest lässt sich feststellen, dass der chilenische Stürmer seinem Ziel ein ganzes Stück näher gekommen ist. Beim FC Barcelona führt er mit 16 Ligatreffern die teaminterne Torschützenliste an, vor einem gewissen Lionel Messi und vor einem gewissen Neymar Junior. Tore schießen ist in Barcelona vielleicht nicht so schwer, der 25-Jährige erzielt diese Saison aber auch die wichtigen – achtmal gelang ihm der erste Treffer. Und die schönen – wie sein Tor zum 2:0 gegen Real Madrid, ein atemberaubender 16-Meter-Heber (Endstand 2:1).

„Jugadorazo“, sangen die Mitspieler danach in der Kabine, eine liebevolle Frotzelei: als solchen „Riesenspieler“ hatte sich Alexis trotzig selbst bezeichnet, in den dunklen Tagen der Vorsaison, als er bis zum Februar brauchte, um überhaupt das Tor zu treffen. Damals galt das 1,69 Meter kleine Muskelpaket schon als gescheitert in der Kathedrale des schönen Spiels. Er schien mit seiner Art, irgendwie nicht gemacht für den eher bourgeoisen Fußball des FC Barcelona. Sein Tick zum Beispiel, immer die Hose bis zum Becken hochzuschieben. Wenn ihn die Kameras der TV-Sender einfingen, zeigten sie einen Spieler, den vermeintlich sogar die Kollegen links liegen ließen. Der offenbar das komplexe Positionsspiel der Katalanen nicht begriff. Dessen athletische, deftige Spielweise zur federnden Kunstfertigkeit von Messi, Xavi, Iniesta in etwa so gut passte wie Bratkartoffeln zu Kaviar.

Deshalb hatte ihn Pep Guardiola freilich gekauft, vor seiner letzten Saison als Barca-Trainer. Die spektakuläre Kost des Hauses bereichernd variieren zu können, war das ewige Puzzle des heutigen Bayern-Coaches. Für Alexis, gerade zum Spieler der Saison in der italienischen Serie A gewählt, wurden im Sommer 2011 deshalb 37 Millionen Euro an Udinese Calcio überwiesen. „Bei Guardiola habe ich mich groß und wichtig gefühlt, wie ein Ferrari“, sagt Alexis. Ihn dauerhaft in den Barca-Fuhrpark zu integrieren, schaffte aber erst der jetzige Trainer Gerardo Martino. Der steht allerdings wegen der schwankenden, bisweilen schwermütigen Darbietungen von Barca verschärft in der Kritik. Doch die Erweckung von Alexis gilt unbestritten als sein Verdienst.

Martino ist Schüler von Marcelo Bielsa, dem ehemaligen chilenischen Nationaltrainer, dem Alexis einen großen Einfluss auf seine Karriere zugutehält: „Früher hieß es bei mir: Ball nehmen, Kopf runter und ab nach vorn. Mit Bielsa lernte ich, den Fußball zu verstehen. Bei der WM 2010 bin ich um 80 Prozent gereift“. Wie die ganze Mannschaft – wenn Chile schon vor vier Jahren in Südafrika mit seinem intensiven, furchtlosen Spiel begeisterte, hat es diese Identitätszeichen unter Bielsas Nach-Nachfolger Jorge Sampaioli weiter vertieft. Zuletzt wurde England in Wembley 2:0 geschlagen; dank zweier Tore von Alexis.

Wohltäter in seiner Heimat

Der hat für Chiles Stärke – Experten sehen die Elf als Geheimfavorit auf den WM-Titel – eine einfache Erklärung: „Wir sind härter als ihr“, sagte er anlässlich des England-Trips und verglich den Werdegang eines typischen europäischen Akademiefußballers mit seiner Vita in Tocopilla. Wo sie ihn „Dilla“ nannten, nach „ardilla“, dem Eichhörnchen, weil „ich auf Bäume und Häuserdächer kletterte, über Innenhöfe sprang und Wände hochstieg, um verschossene Bälle wiederzufinden“. Wo sich sein Talent rasch herumsprach, so dass ihn Erwachsenenmannschaften für ein paar Tage ausliehen, wenn sie ein Turnier zu spielen hatten. Alexis forderte im Gegenzug dann ein paar neue Fußballschuhe.

Seine ersten Schuhe bekam er einst zu Weihnachten von Bürgermeister Kurtovic geschenkt: „Ich war glücklich wie ein Hund mit zwei Schwänzen“. Heute kehrt zu Weihnachten jedes Jahr zurück dorthin. Das alte Lehmhaus der Mutter hat er prächtig verschönern lassen, er spendiert Fußballplätze und hilft sozialen Einrichtungen. Außerdem steigt er zum Fest immer auf einen Lastwagen und verteilt Geschenke an die Kinder der Stadt. Natürlich sind alle mächtig stolz auf ihn, den Sohn aus Topocilla, dem Teufelseck. Nur Bürgermeister Kurtovic hat nicht erlebt, was aus dem kleinen Alexis wurde. Er starb bald, an Krebs.